O. B.

Bücherschau

Marx-Literatur

(1. Februar 1911)


Der Kampf, Jg. 4 4. Heft, 1. Februar 1911, S. 237–238.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Georg Charasoff, dessen ältere Schrift den Lesern des Kampf bekannt ist [1], spinnt seinen Faden in einer zweiten Schrift weiter. Sein System des Marxismus [2] enthält eine mathematische Kritik der Grundlagen der Marxschen Oekonomie. Seine Probleme, die zu den schwierigsten der Oekonomie gehören, sind einem zu kleinen Teile unseres Leserkreises verständlich, als dass wir ihrer Erörterung breiten Raum gewähren könnten. Wir müssen uns daher mit einem kurzen Hinweis auf diejenigen Teile dieser Marx-Kritik begnügen, die uns als die wichtigsten erscheinen.

Charasoff teilt die Produktion in zwei Teile: die Grundproduktion, das heisst die Reproduktion der Produktionsmittel und der Arbeitskraft (beziehungsweise der zur Reproduktion der Arbeitskraft erforderlichen Waren), und die Mehrproduktion, das heisst die Produktion der Waren, die gegen den Mehrwert umgesetzt werden. Bei einfacher Reproduktion ist die Mehrproduktion identisch mit der Produktion von Luxuskonsumtionsmitteln im Sinne von Marx, Kapital, II, Seite 398.

Charasoff rechnet nun in folgender Weise:

I. Grundproduktion: C + V + M = G
II. Mehrproduktion: c + v + m = l
Umsatz der Produkte von I: C + V + c + v = G
Umsatz der Produkte von II: M + m = l
Profitrate: (M + m) : (C + V + c + v) = l : G

Nun werden aber die Waren nicht zu ihren Werten umgesetzt, sondern zu ihren Preisen. Der Quotient l : G, in Produktionspreisen ausgedrückt (Preisausdruck der Profitrate), ist von dem Quotienten l : G, in Werten ausgedrückt (Wertausdruck der Profitrate), verschieden, da die organische Zusammensetzung der beiden Produktionszweige nicht gleich ist. Die Höhe der Produktionspreise wird nun natürlich durch den Preisausdruck, nicht durch den Wertausdruck der Profitrate bestimmt. Also ist, meint Charasoff, Marxens Preisformel falsch. Charasoff nimmt nun einfach an (Seite 77), dass die Preise der in der Grundproduktion erzeugten Waren ihren Werten gleich seien. Dann werden die Produktionspreise nicht durch die allgemeine Profitrate, sondern nur durch die Profitrate in der Grundproduktion bestimmt. Was aber Seite 77 eine ganz willkürliche Annahme ist, davon sagt er Seite 79 bereits, es habe sich „herausgestellt“. So gelangt er zu einer eigenartigen Erneuerung physiokratischer Anschauungen, wobei an die Stelle, die bei den Physiokraten die Landwirtschaft einnimmt, die „Grundproduktion“ tritt. Auf dieser Basis baut er dann seine Theorie des „Urkapitals“ und der „Produktionsreihen“ auf.

In der That reduziert sich Charasoffs ganze Kritik auf folgenden Tatbestand: Setzen wir zunächst voraus, dass der Preisausdruck der allgemeinen Profitrate ihrem Wertausdruck gleich ist, dann erhalten wir folgenden Schluss:

Preisausdruck der Profitrate der Grundproduktion = Preisausdruck der allgemeinen Profitrate
           Preisausdruck der allgemeinen Profitrate = Wertausdruck der allgemeinen Profitrate           
Preisausdruck der Profitrate der Grundproduktion = Wertausdruck der allgemeinen Profitrate

Da der Obersatz nach dem Gesetz der Ausgleichung der Profitraten nicht bestritten werden kann, ist der Schluss richtig, fällt also Charasoffs Bestimmung der Profitrate mit der Marxschen zusammen, wenn der Untersatz gewiss ist. Das setzt nun Marxens vereinfachende Darstellung voraus. In Wirklichkeit muss es aber nicht ganz zutreffen; es trifft nicht zu, wenn die organische Zusammensetzung der Grundproduktion nicht die des gesellschaftlichen Durchschnitts ist. Marx hat zunächst die allgemeine Profitrate auf der Grundlage der Wertlehre entwickelt und dann gezeigt, wie durch sie die Werte in Produktionsweise verwandelt werden; er hat es aber unterlassen zu zeigen, wie die Bildung der Produktionspreise dann ihrerseits wieder die Profitrate modifiziert. Die Ausfüllung dieser Lücke wäre praktisch unerheblich, aber theoretisch gewiss interessant. Aber sie kann nicht in der Weise geschehen, dass man ganz willkürlich die Preise der Grundprodukte ihren Werten gleichsetzt und damit in die Irrtümer der Physiokraten zurückfällt. Auch in der Mehrproduktion ist der Wert der Ware grösser als der Wert der Arbeitskraft, auch dieser Mehrwert wird auf alle Kapitalien je nach ihrer Grösse verteilt.

Charasoff meint nun zunächst, dass seine Berichtigung der Marxschen Preisformel das Gesetz des Sinkens der Profitrate aufhebe. Wenn er beweisen könnte, dass der Produktionspreis der Produktionsmittel (einschliesslich der zur Reproduktion der Arbeitskraft erforderlichen Konsumtionsmittel) unter ihrem Werte steht und die Tendenz hat, immer tiefer unter ihren Wert zu sinken, wäre das in der Tat der Fall. In Wirklichkeit trifft gerade das Gegenteil zu! Setzt man den Mehrwert nicht zum Wert, sondern zum Produktionspreis der Produktionsmittel ins Verhältnis, so erscheint die Profitrate tatsächlich noch niedriger.

Charasoff meint weiter, mit der Lehre vom Sinken der Profitrate stürze die Lehre vom unvermeidlichen Zusammenbruch des Kapitalismus zusammen. Damit beweist er nur, dass er Marx gründlich missverstanden hat. Nicht auf die automatische Selbstaufhebung des Kapitalismus durch das Sinken der Profitrate setzen wir unsere Hoffnung, sondern darauf, dass der Kapitalismus die Empörung der Mehrheit der seiner Herrschaft unterworfenen Menschen hervorruft und zugleich die Möglichkeit seiner Ueberwindung, die technisch-organisatorische Möglichkeit einer anderen Produktionsverfassung selber schafft.

Die anderen Teile des Buches sind weit weniger interessant als die Kritik der Marxschen Theorie der Profitrate. Die Untersuchung mündet in eine Kritik der Lehre vom Klassenkampf. Aus der Notwendigkeit der Akkumulation schliesst Charasoff, dass eigentlich auch die Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit zu rechnen wäre – eine These, die einfach das Selbstverständliche ausdrückt, dass jede Gesellschaft mehr Arbeit aufbringen muss, als zur Ernährung der Arbeitenden selbst notwendig ist. Da das Wachstum der Bevölkerung die Akkumulation notwendig macht, vertrete der Kapitalist in Wirklichkeit die Interessen der Fortpflanzung gegen die der Selbsterhaltung! Die Arbeiterklasse kann den Kapitalismus nur besiegen, indem sie selbst zu akkumulieren beginnt, was in Produktivgenossenschaften und Konsumvereinen geschieht. Und so endet die mathematische Analyse glücklich in der alten kleinbürgerlichen Utopie!

* * *

Anmerkungen

1. Georg v. Charasoff, Karl Marx ├╝ber die menschliche und kapitalistische Wirtschaft. Berlin 1909. Hans Bondy, Vgl. Der Kampf, II., Seite 380 f., 480.

2. Dr. Georg Charasoff, Das System des Marxismus. Berlin 1910. Hans Bondy.

 


Leztztes Update: 28. Dezember 2023