Franz Mehring

 

Literaturbericht

Rosa Luxemburg,
Die Akkumulation des Kapitals

(1914)


Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, Band 4, 1914, S. 356–361.
Transkription: Daniel Gaido.
HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Rosa Luxemburg,
Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus
Berlin, Buchhandlung Vorwärts, 1913. gr. 8°. VIII – 446 S. (geh. 6, geb. 8 M.).

Obgleich das Buch erst wenige Monate alt ist, hat es doch schon seine Geschichte und eine recht bewegte dazu. Vom marxistischen Gesichtspunkte aus geschrieben, ist es innerhalb der marxistischen Kreise der Gegenstand der lebhaftesten Erörterungen geworden. Während die einen es als eine völlig mißlungene Arbeit zurückweisen, ja als eine wertlose Kompilation brandmarken, sehen die andern in ihm die bedeutendste Erscheinung der sozialistischen Literatur, seitdem Marx und Engels selbst die Feder aus der Hand gelegt haben.

Ref. gehört durchaus zu der zweiten Gruppe. Er sieht in dieser Schrift ein Werk, das am ehesten sich an Fülle der Kenntnisse, Glanz der Sprache, logischer Schärfe der Untersuchung und Unabhängigkeit der Denkarbeit neben die wissenschaftlichen Werke von Marx und Engels stellen kann. Doch hält er es an dieser Stelle nur für seine Aufgabe, über den Stand des Streites zu berichten, indem er die Verf. und ihren namhaftesten Widersacher, jeden möglichst mit eigenen Worten, sprechen läßt.

Das Buch behandel, ein altes Problem der politischen Ökonomie, das seit hundert Jahren aufs Vielfachste und Vielseitigste in Frankreich, England, Deutschland und Rußland erörtert worden ist. Wie vollzieht sich die Akkumulation und erweiterte Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitale?

Weder die einfache noch die erweiterte Reproduktion ist eine Eigentümlichkeit der kapitalistischen Gesellschaft. Die eine wie die andere findet in jeder menschlichen Gesellschaft statt, sobald die Beherrschung der Natur durch die Menschen eine Höhe erreicht hat, die einen regelmäßigen Kreislauf von Produktion und Konsumtion gestattet. Sobald eine Produktionsperiode abgelaufen ist, müssen Rohstoffe, Werkzeuge, Arbeitskräfte da sein, um eine neue Produktionsperiode zu beginnen. Und diese neue Produktionsperiode muß sich auf erweiterter Stufenleiter vollziehen, wenn anders eine geschichtliche Entwicklung stattfinden soll.

In der kapitalistischen Gesellschaft nehmen einfache und erweiterte Reproduktion aber eine besondere Form an. In ihr findet überhaupt keine planmäßige Produktion für gesellschaftliche Zwecke statt, sondern zahllose Individuen produzieren auf eigene Faust, nicht um die gesellschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen, sondern um Mehrwert zu erzielen. Die Erzeugung von Mehrwert ist die treibende Kraft der kapitalistischen Produktionweise. Der einzelne Kapitalist wirft ein bestimmtes Kapital in den Kreislauf des Produktionsprozesses, um Mehrwert zu gewinnen. Den Mehrwert selbst verwendet er teils für die Befriedigung seiner Bedürfnisse, teils schlägt er ihn zu seinem Kapital, um in größerem Umfange Mehrwert zu produzieren. Das ist keineswegs in sein Belieben gestellt, sondern es handelt sich dabei um seine ganze Existenz. In dem allgemeinen Konkurrenzkämpfe der einzelnen Produzenten kann er sich nur durch stete Erweiterung seiner Produktion oben erhalten: ein Stillstand wäre für ihn der wirtschaftliche Tod.

So vollzieht sich die Akkumulation des Kapitals, die in der kapitalistischen Gesellschaft die Grundlage der erweiterten Reproduktion bildet und insoweit besteht kein Streit, wenigstens unter den Marxisten nicht. Aber nun entsteht die Frage: Wo sind die Käufer für den akkumulierten Mehrwert? Denn so wenig die Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse der Zweck der kapitalistischen Produktion ist, so sehr ist sie doch ihre Voraussetzung. Der kapitalisierte Teil des Mehrwerts besteht zunächst in Waren, die verkauft, versilbert werden müssen, wenn er in den Kreislauf des Produktionsprozesses geworfen werden soll. Unter dem Gesichtspunkt des gesellschaftlichen Gesamtkapitals kann weder die Kapitalisten- noch die Arbeiterklasse die notwendigen Käufer stellen. Die Kapitalistenklasse nicht, denn sie will ja eben diesen Teil des Mehrwertes nicht konsumieren, sondern kapitalisieren. Die Arbeiterklasse nicht, weil sie als solche – wenn auch in der Ware, die der einzelne Arbeiter vom Kapitalisten kauft, ein Teil des Mehrwertes versilbert werden mag – doch keinen Pfennig mehr in die Taschen des Kapitalisten zurücktließen lassen kann, als im günstigsten Falle die Löhne, die ihr von den Kapitalisten aus deren Kapital vorgeschossen worden sind.

Man hat die Frage durch den Hinweis auf die Menge „dritter Personen“ lösen wollen, auf die Bevölkerungsschichten, die sich in der kapitalistischen Gesellschaft neben Kapitalisten und Proletariern linden: die liberalen Berufe, Ärzte, Rechtsauwälte, Künstler, die Kirche mit ihren Dienern, den Staat mit seinen Beamten und Soldaten: „König, Pfaflf, Professor, Hur-, Kriegsknecht“, wie Marx, der diesen Einwand schon selbst abgetan hat, in seiner drastischen Weise sagt. Alle diese Bevölkcruugsschichten können die Nachfrage nicht stellen, die zur Erweiterung der Produktion notwendig ist, einfach deshalb nicht, weil sie selbst von der kapitalistischen Gesellschaft ernährt werden: sie sind Mitverzehrer, sei es des Mehrwertes, sei es des Arbeitslohnes. Und auch der Hinweis auf den auswärtigen Handel beantwortet die Frage nicht, sondern verschiebt sie nur von einem ins andere Land.

Seit einem Jahrhundert hat dies schwierige Problem die politische Ökonomie beschäftigt, was die Verf. im zweiten Abschnitt ihres Buches ebenso anschaulich wie anziehend schildert: die Waffengänge in Frankreich und England zwischen Sismondi-Ricardo und den Ricardianen, in Deutschland zwischen Rodbertus-Kirchmann, in Rußland zwischen den „Volkstümlern“ Woronzow und Nicolaj–on auf der einen, den „legalen Marxisten“ Struve, Bulgakow und Tugan-Baranowski auf der andern Seite. Sie selbst knüpft ihre Untersuchung im ersten Abschnitt ihres Buches an die Lösung an, die Marx gefunden zu haben glaubte.

Um das Problem in seiner Reinheit zu erfassen, ging Marx von der Unterstellung aus, daß die kapitalistische Produktionsweise allein und ausschließlich auf der Erde herrsche, und demgemäß die einzigen Vertreter der gesellschaftlichen Konsumtion die Kapitalisten und die Arbeiter seien. Marx schied nun die kapitalistische Produktion in zwei Teile: die Erzeugung von Produktionsmitteln und die Erzeugung von Konsumtionsgütern, und suchte durch mathematische Schemata nachzuweisen, daß die Reproduktion des Kapitals sich vollziehen könne, wenn zwischen den beiden Produktionszweigen bestimmte Quantitätsbeziehungen beständen. Sie würden hergestellt durch die Krisen, die Marx nicht als die Folgen zufälliger Mißverhältnisse in der Produktion, sondern als unvermeidliche Phasen in der Reproduktion des Kapitals auffaßte, weil nur durch sie die notwendigen Großenbeziehungen zwischen den beiden Zweigen der gesellschaftlichen Produktion hergestellt werden könnten. Es ist jedoch zu bemerken, daß die Abschnitte im zweiten Bande des Kapitals, die sieh mit dieser Frage beschäftigen, nur aus Bruchstücken bestehen, aus Ansätzen zur Selbstverständigung, aus Entwürfen, die Marx selbst schon als der Durcharbeitung „dringend bedürftig“ bezeichnet hat.

Die Verf. weist nun eingehend nach, daß Marx in der Tat nicht die Schwierigkeit des Problems bewältigt hat. Gegen Marxens Schemata wendet sie ein, daß, was mathematisch richtig sein möge, deshalb noch nicht ökonomisch richtig zu sein brauche. Nicht auf mathematische Gleichungen, die auf dem geduldigen Papier zu erstaunlich glatten Ergebnissen führen könnten, käme es an, sondern auf die konkreten gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sich die Akkumulation des Kapitals vollzöge. Die Verf. behauptet, daß die Frage, so wie sie Marx stelle, überhaupt, nicht zu lösen sei. Unter der Voraussetzung, daß die kapitalistische Produktionsweise überall herrsche und die kapitalistische Gesellschaft in zwei schroff geschiedene Klassen spalte, in Lohnarbeiter, die Mehrwert produzieren, und in Kapitalisten, die Mehrwert aneignen, sei der Kapitalismus unmöglich. Als alleinherrschende Wirtschaftsform sei er undenkbar, weil ihm die Möglichkeit fehlen würde, den in Produkten enthaltenen Mehrwert zu versilbern.

Die Lösung des Problems, die die Verf. gefunden zu haben glaubt – im Widerspruch mit einem einzelnen Kapitel bei Marx, aber im Einklang mit allen übrigen Teilen seiner Lehre, sowie mit der historischen Entwicklung und der täglichen Erfahrung der kapitalistischen Produktionsweise – , liegt in dem dialektischen Widerspruch, daß die kapitalistische Akkumulation zu ihrer Bewegung nichtkapitalistischer Formationen als ihrer Umgebung bedürfe, im ständigen Stoffwechsel mit ihnen fortschreite, und nur so lange existieren könne, als sie diese Umwelt vorfinde. Die Existenz nichtkapitalistischer Abnehmer des Mehrwerts sei direkte Grundbedingung für das Kapital und seine Akkumulation; als geschichtlicher Prozeß sei diese Akkumulation in allen ihren Beziehungen auf nichtkapitalistische Gesellschaftsformen und Gesellschaftsschichten angewiesen.

Den Beweis ihrer Sätze schöpft die Verf. aus der Geschichte im dritten Abschnitt ihres Buches. Sie unterscheidet drei Phasen: den Kampf des Kapitals mit der Naturalwirtschaft, den Kampf des Kapitals mit der Warenwirtschaft und den Konkurrenzkampf des Kapitals auf der Weltbühne um die Reste der Akkumulationsbedingungen. An den Schicksalen Indiens, Algiers, Ägyptens, Amerikas, Chinas wird nachgewiesen, wie die kapitalistische Akkumulation sich immer weiteren Spielraum schafft und ihren inneren Lebensbedingungen nach schaffen muß, indem sie nichtkapitalistische Gesellschaftsformen niederbricht, gewaltsam zerstört oder durch die Einfuhr von Waren, durch Schuldenwirtschaft, durch Errichtung von Fabriken zersetzt, damit aber ihr eigenes Grab schaufelt.

Die dritte Phase ist die geschichtliche Periode des Imperialismus. Ihre besonderen Operationen sind: auswärtige Anleihen, Eisenbahnbauten, Revolutionen und Kriege. Das letzte Jahrzehnt, 1900 bis 1910, kennzeichnet besonders die imperialistische Weltbewegung des Kapitalismus, namentlich in Asien und in den an Asien angrenzenden Teilen Europas: Rußland, Türkei, Persien, Japan, sowie in Nordafrika. Die Verf. faßt sich dahin zusammen: „Der Imperialismus ist der politische Ausdruck des Prozesses der Kapitalakkumulation in ihrem Konkurrenzkampf um die Reste des noch nicht mit Beschlag belegten nichtkapitalistischen Weltmilieus. Geographisch umfaßt dieses Milieu heute noch die weitesten Gebiete der Erde. Gemessen jedoch an der gewaltigen Masse des bereits akkumulierten Kapitals der alten kapitalistischen Länder, das um die Absatzmöglichkeiten für sein Mehrprodukt wie um Kapitalisierungsmöglichkeiten für seinen Mehrwert ringt, gemessen ferner an der Rapidität, mit der heute Gebiete vorkapitalistischer Kulturen in kapitalistische verwandelt werden, mit anderen Worten gemessen an dem bereits erreichten hohen Grad der Entfaltung der Produktivkräfte des Kapitals, erscheint das seiner Expansion noch verbleibende Feld als ein geringer Rest. Demgemäß gestaltet sich das internationale Vorgehen des Kapitals auf der Weltbühne. Bei der hohen Entwicklung und der immer heftigeren Konkurrenz der kapitalistischen Länder um die Erwerbung nichtkapitalistischer Gebiete nimmt der Imperialismus an Energie und an Gewalttätigkeit zu, sowohl in seinem aggressiven Vorgehen gegen die nichtkapitalistische Welt wie in der Verschärfung der Gegensätze zwischen den konkurrierenden kapitalistischen Ländern. Je gewalttätiger, energischer und gründlicher der Imperialismus aber den Untergang nichtkapitalistischer Kulturen besorgt, um so rascher entzieht er der Kapitalakkumulation den Boden unter den Füßen. Der Imperialismus ist ebensosehr eine geschichtliche Methode der Existenzverlängerung des Kapitals wie das sicherste Mittel, dessen Existenz auf kürzestem Wege objektiv ein Ziel zu setzen. Damit ist nicht gesagt, daß dieser Endpunkt pedantisch erreicht werden muß. Schon die Tendenz zu diesem Endziel der kapitalistischen Entwicklung äußert sich in Formen, die die Schlußphase des Kapitalismus zu einer Periode der Katastrophen gestalten.“

So die leitenden Gedanken des Buches, selbstverständlich nur in ihren allgemeinsten Umrissen. Die Anfechtungen, die es gefunden hat, sind zum großen Teil gerade vom marxistischen Standpunkt aus hinfällig. Wenn der Verf. eingewandt worden ist, der Imperialismus sei keine innere Notwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise, sondern eine zufällige Tatsache, so wird damit die marxistische Weltanschauung überhaupt verworfen. Umgekehrt geht man zwar vom marxistischen Standpunkte aus, wenn man bestreitet, daß die kapitalistische Maschine arbeiten werde, bis der letzte Kleinbürger und der letzte Bauer in Lohnarbeiter verwandelt seien, um dann plötzlich stille zu stehen, aber das oben angeführte wörtliche Zitat beweist schon, wie weit entfernt die Verf. von dieser automatisch-mechanischen oder, wie sie selbst sagt, pedantischen Anschauung entfernt ist. Der heißeste Kampf ist dann um die Schemata von Marx entbrannt, die durchaus und durchum richtig gerechnet sein sollen. Dem mag so sein oder nicht so sein, aber der Streit geht ja eben darum, ob die mathematischen Gleichungen, selbst, wenn sie auf dem Papier vollkommen stimmen, ein getreues Bild der ökonomischen Möglichkeit und Wirklichkeit geben.

Unter den marxistischen Gegnern des Buches hat Otto Bauer (Wien) am ruhigsten und sachlichsten geurteilt (in der Neuen Zeit vom 7. u. 14. III. 1913). Er gibt zu, daß die Schemata von Marx nicht frei von Widersprüchen seien und entwirft deren neue, begnügt sich aber nicht mit dieser mühsamen Rechnerei, sondern sucht darzulegen, daß sich die Akkumulation des Kapitals auch in der isolierten kapitalistischen Gesellschaft ohne Störung vollziehen könne, sofern sie nur in einem bestimmten Größenverhältnis bleibe, einerseits zum Wachstum der Bevölkerung, andererseits zur Entwicklung der Produktivkraft, die sich in dem Fortschritt zu höherer organischer Zusammensetzung des Kapitals ausdrücke. Allerdings treibe die Entwicklung die Akkumulation immer wieder über diese Grenze hinaus, aber sie werde immer wieder in ihre Grenze zurückgeführt durch die periodischen Krisen, in deren Gefolge Arbeitslosigkeit, Lohndruck, steigendes Massenelend, wachsende Erbitterung und Empörung der Arbeitermassen einhergehen.

Die Erklärung des Imperialismus durch die Verf. hält Otto Bauer demgemäß für falsch, erkennt ihr aber doch einen echten Kern zu. Der Imperialismus sei zwar kein Mittel, die Akkumulation des Kapitals überhaupt zu ermöglichen, aber doch ein Mittel, ihre Grenzen weiter zu spannen und die Überwindung der Krisen zu erleichtern, die periodisch aus der Überakkumulation entstehen. Dies Streben sei in der Tat eine Wurzel des Imperialismus, wenn auch nicht seine einzige. Zum Schluß erhebt dann Otto BAUER freilich auch den – unberechtigten – Vorwurf einer „mechanischen“ Auffassung gegen das Buch, das hier angezcigt wird.

Es wird nunmehr abzuwarten sein, was die Verf. in der besonderen Schrift, die sie ihrerseits angekündigt hat, ihren Kritikern zu antworten haben wird.

Berlin-Steglitz

Franz Mehring


Zuletzt aktualisiert am 13. Juni 2024