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Seit einiger Zeit werden in Deutschland und der Schweiz Versuche gemacht, eine Temperenzbewegung nach englischem und amerikanischem Muster ins Leben zu rufen, eine Bewegung, die sich die Aufgabe stellt, nicht etwa die Mäßigkeit zu fördern, sondern die Massen zur Abstinenz, zu völliger Enthaltung von jedem geistigen Getränk, auch dem leichtesten, zu bringen. Man hat auch versucht, diese Bewegung in unsere Partei hineinzutragen, die angeblich ein besonderes Interesse an deren Erfolgen haben soll insofern, als nur ein nüchternes Proletariat, das dem Alkohol völlig entsagt hat, im Stande sei, seine historische Aufgabe zu erfüllen. Der Sieg der Temperenz wurde als Vorbedingung des Sieges der Sozialdemokratie hingestellt. [1]
Umso notwendiger ist es für unsere Partei, dieser Bewegung gegenüber Stellung zu nehmen.
Selbstverständlich steht es uns nicht zu, die Frage zu entscheiden, ob und inwiefern der Alkoholgenuss schädlich sei, welche physiologischen Wirkungen er zur Folge habe. Dies ist eine Frage der Naturwissenschaft und kann nur durch besondere Forschungen der Fachmänner entschieden werden. Wir wollen auf diese Frage umso weniger eingehen, als sie heute noch eine sehr strittige ist. Über die physiologischen Wirkungen des Alkohols, wie über manches Andere, sind die Gelehrten noch nicht einig. Die Leser der Neuen Zeit haben Gelegenheit gehabt, sich im ersten Bande dieses Jahrgangs davon zu überzeugen aus den Beiträgen der Herren Dr. M. Bylo (Heft 8), Dr. F. Simon und Professor Dr. G. Bunge (Heft 15). [2] Es ist aber auch gar nicht notwendig, dass wir auf diese Frage näher eingehen, wenn wir uns über die Stellung klar werden wollen, die unsere Partei der Temperenzbewegung gegenüber einzunehmen hat; denn über jene physiologischen Punkte, auf sie es uns ankommt, herrscht trotz, aller sonstigen Gegensätze Übereinstimmung unter den verschiedenen Richtungen. Den verderblichen Einfluss des unmäßigen Allkoholgenusses leugnen zu wollen, fällt Niemandem ein; andererseits hüten sich die sachverständigen Anhänger der Enthaltsamkeitsbewegung davor, entschieden zu behaupten, dass auch der mäßige Alkoholgenuss schädlich sei; sie überlassen diese Behauptung denjenigen ihrer Genossen, die durch kein einschlägiges Wissen in ihrer natürlichen Beredsamkeit gehemmt werden. [3] Sie beschränken sich darauf, zu behaupten, dass „die Menschen nicht mäßig sein können,“ wie Professor Bunge in der Neuen Zeit (S. 483) erklärte.
Dieser Satz ist ebenso kühn, wie unbewiesen. Wir wollen hier absehen von seinen Konsequenzen, auch annehmen, dass er weder vom Genuss der Freiheit oder der Liebe oder sonstigen Genüssen gelten soll, sondern einzig und allein vom Genuss des Alkohols. Aber auch in dieser Beschränkung steht er als bloße Behauptung da, ohne durch den Schatten eines tatsächlichen Beweises gestützt zu werden. Wenigstens haben wir in den Schriften der Abstinenzler keinen gefunden. Dagegen zeigt der tägliche Augenschein jedem unbefangenen Beobachter, dass Alkoholgenuss und Mäßigkeit sehr gut mit einander vereinbar sind. Der Schreiber dieses weiß sich aus seinem ganzen großen Bekanntenkreis kaum eines Bacchus unmäßigen Menschen zu erinnern. Indessen kann die persönliche Beobachtung trügen, vielleicht haben wir das Glück gehabt, nur Ausnahmemenschen kennen zu lernen. Die Temperenzler folgern gerade aus dem Augenschein, dass der Durchschnittsmensch nicht mäßig sein könne. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von Tatsachen aus dem Völkerleben, die zeigen, dass ein dauernder, mäßiger Alkoholgenuss die Regel bildet nicht nur bei einzelnen, auserlesenen Individuen, sondern bei ganzen Völkern. Gerade bei den tiefststehenden Stämmen finden wir allgemeine Mäßigkeit, trotzdem sie sich den Freuden des Lebens, auch denjenigen, die der Genuss berauschender Getränke bereitet, unbedenklich ergeben. „Bei vielen, fast allen Urvölkern früherer und jetziger Zeit, hat man allerdings ein nationales berauschendes Getränk gefunden, allein von trunksüchtigen Angewohnheiten und von den schweren Folgen dieser Trunksucht für die Existenz dieser Urstämme ist erst die Rede, seitdem sie mit dem Branntwein bekannt gemacht und zu dessen Genuss verlockt sind,“ sagt Bär, der mit großem Fleiß das gesamte Material über den Alkoholismus zusammengetragen hat, und aus dessen Arbeiten die deutschen Abstinenzler alle ihre tatsächlichen Angaben schöpfen. [4]
Dass die alten Germanen gerne tranken, ist eine allbekannte Tatsache. Der Alkoholismus aber war ihnen fremd. Tacitus, der uns von ihren Trinkgelagen erzählt, weiß auch ihre Kraft und ihre Sittlichkeit nicht hoch genug zu preisen.
Nehmen wir noch ein Beispiel aus unserer Zeit. Portugal produziert jährlich durchschnittlich 5 Millionen Hektoliter Wein, davon wurden in den siebziger Jahren (neuere Daten haben wir nicht zur Hand) jährlich ca. 300.000 Hektoliter ausgeführt, es blieben also zum Konsum ungefähr 4.700.000 Hektoliter Wein. Die Einwohnerzahl betrug 1868 4.867.000; es kamen also auf jeden Einwohner mehr als hundert Liter Wein.
Die jährliche Weinproduktion Spaniens gibt Brachelli auf 20 Millionen Hektoliter an. Davon wurden während des Jahrzehnts 1860–70 jedes Jahr ungefähr nicht ganz 1½ Millionen Hektoliter ausgeführt. Zum Konsum blieben über 18½ Millionen Hektoliter. Die Bevölkerung betrug 1860 15,670.000 Einwohner. Es kamen also auf den Kopf 118 Liter Wein. Welch’ bedeutende Zahlen das sind, kann man daraus ersehen, dass in dem trinklustigen Schwabenland 1864–71 pro Kopf der Bevölkerung 28,68 Liter Wein konsumiert wurden, daneben allerdings viel Bier. Was schreibt nun Bär von Portugal und Spanien: „In beiden Ländern sollen besonders die unteren Volksklassen von einer unglaublichen Mäßigkei00t und das Laster der Trunksucht mit allen seinen üblen Folgen, besonders in Spanien, fast unbekannt sein. Nur Fremde sieht man betrunken.“ [5]
Wir könnten diese Beispiele noch leicht vermehren; aber wir glauben, sie zeigen zur Genüge, was von dem Grundsatz der Abstinenzler zu halten, dass die Menschen nicht mäßig sein können, und dass der Alkoholgenuss notwendig mit Unmäßigkeit verbunden sei.
1. Vgl. z. B. M. R. v. Stern, Alkohol und Sozialismus, ein Appell ans Volk. Zürich, 1889.
2. Max Bylo, Für und wider den Alkohol Enthalten, Die neue Zeit, 1891. – 9. 1890–91, 1. Bd. (1891), H. 3, S. 77–82. Gustav von Bunge, Ein Wort der Erwiderung an Herrn Dr. Max Bylo Enthalten, Die neue Zeit, 1891. – 9. 1890–91, 1. Bd. (1891), H. 15, S. 483. Ferdinand Max Adolph Simon, Zur Alkoholfrage, Die neue Zeit, 1891. – 9. 1890–91, 1. Bd. (1891), H. 15, S. 483–490.
3. So meint z. B. der eben erwähnte v. Stern: "Ob man das Gift in kleinen oder großen Mengen genießt, es bleibt doch immer Gift." Bekanntlich gibt es kein "Gift an sich", sondern es hängt ganz von den Umständen und namentlich der Menge ab, ob ein dem Körper zugeführter Stoff giftig wirkt oder nicht. Die Kohlensäure im Sodawasser ist unter Umständen ebenso ein "Gift" wie der Alkohol im Schnaps. Eine ganze Reihe von Stoffen erzeugt, in kleinen Mengen dem Organismus einverleibt, ganz andere, gerade die entgegensetzten Wirkungen, als wie in großen Mengen eingeflößt.
4. Dr. Abraham Adolf Bär, Der Alkoholismus, Seine Verbreitung und Wirkung auf den Individuellen und Sozialen Organismus, Sowie die Mittel Ihn zu Bekämpfen. Berlin, 1878, S. 150. Eine Fortsetzung des Buches bis auf die neueste Zeit bildet desselben Verfassers Schrift: Adolf Bär, Die Trunksucht und ihre Abwehr. Ein Beitrag zum derzeitigen Stand der Alkoholfrage. Leipzig, 1890. Wir werden auf beide Arbeiten noch des Öfteren zu sprechen kommen.
5. Bär, Alkoholismus, S. 156.
Zuletzt aktualisiert am 28. Oktober 2026