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Seit Jahrtausenden schon genießen die Menschen alkoholhaltige Getränke; der Alkoholismus als Massenerscheinung ist dagegen verhältnismäßig neu; er ist nicht älter, als die kapitalistische Produktionsweise. Erst unter ihr und durch sie haben sich jene Veränderungen in den Getränken und den Trinkern – in Stoff und Kraft – vollzogen, die den Alkohol unter Umständen zu einem Gift machen. Die Freunden des Bechers und der Liebe die ehedem die Quellen reinsten Genusses, höchster dichterischer Begeisterung gewesen, sind durch die kapitalistische Zivilisation zu zwei Quellen der ekelhafteten Verkommenheit geworden, des Säuferwahnsinns und der Syphilis.
Betrachten wir zunächst die Veränderungen, die sich im „Stoff“ vollzogen haben. Die Abstinenzler reden immer nur vom Alkohol. Aber Tatsache ist, dass kein Mensch den Alkohol rein trinkt, sondern immer mehr oder weniger verdünnt. Auch enthalten die verschiedenen alkoholiken Getränke neben dem Alkohol noch andere Stoffe, die die Wirkung des Getränks auf den Menschen in der mannigfaltigsten Weise beeinflussen.
Die ersten Getränke, die wir in historischer Zeit in Deutschland vorfinden, sind Met, Bier und später auch Wein. [1] Über die chemische Zusammensetzung und die Wirkungen des Mets ist dem Schreiber dieses nichts bekannt. Bier und Wein aber besitzen trotz des Bösen, das die Abstinenzler ihnen nachsagen, mannigfache Vorzüge. Der Alkohol ist in ihnen sehr verdünnt. In den deutschen Bieren zum Beispiel sind 8–5 Volumprozent Alkohol enthalten, in deutschen und französischen Weinen 6–12 Prozente, selten mehr.
Der Alkohol wirkt aber umso weniger schädlich, je verdünnter er genossen wird. Neben dem Alkohol enthalten die Biere auch Hopfenbitter, „ein tonisierendes, die Verdauungstätigkeit besonders kräftig anregendes Mittel“ (Bär), sowie Kohlensäure. „Als bedeutsam für die Ernährung ist in ihnen die Anwesenheit von Derivaten der Stärke, von phosphorsauren Salzen (dem wirksamsten Bestandteil der Fleischbrühe) und von Eiweiß, Letzteres soll im Münchner Bier in 2,7 bis 5,6 Prozent vorhanden sein. Durch das Malzen wurde es peptonisiert und es ist somit für den Magen ohne Weiteres resorbierbar.“ [2] Nehmen wir Alles in Allem, „so müssen wir im Bier ein Getränk von einer im hohen Grad heilsamen Gesamtwirkung auf den Organismus anerkennen.“ So sagt Bär (Alkoholismus, S. 128), denn doch nicht einmal Herr v. Stern wird zu den Ärzten rechnen wollen, „die von den Alkoholspekulanten bestochen sind“ – wenn auch die Neue Zeit jedenfalls von ihm unter die Presse rangiert wird, „welche von den Kneipwirten abhängig ist, und aus diesem Grunde dem Laster schmeichelt.“ (Maurice Reinhold von Stern, Alkohol und Sozialismus. Ein Appell ans Volk, Zürich 1889, S. 16)
Fahren wir in unseren lasterhaften Ausführungen fort. „Der Wein,“ sagt Bär, „ist das edelste der alkoholischen Getränke. Er wirkt in mäßigen. Dosen in günstigster Weise auf den Organismus ein. Der Reichtum an Salzen wirkt geradezu ernährend, da er dem Körper Blutsalze in assimilierter Form zuführt; die ätherischen Substanzen regen die Verdauungstätigkeit an, und neben der stimulierenden Eigenschaft des Alkohols kommt noch der Nährwert der Kohlenhydrate zur Geltung.“
Natürlich gilt das vom Bier wie das vom Wein Gesagte nur bei mäßigem Genuss, und nur, wenn das Getränk unverfälscht ist. Dies war der Fall, solange die Produktion dieser Genussmittel noch ausschließlich oder doch vorwiegend zum Selbstverbrauch geschah. Nach und nach änderte sich das, je mehr die Produktion von Wein und Bier Warenproduktion, Produktion zum Verkauf wurde. Der Profit des Wein- und Bierproduzenten wurde umso größer, je geringwertiger das Rohmaterial, das er verwendete, wenn das Produkt dabei den Anschein, Farbe, Geschmack, Geruch des aus vollkommenerem, aber teurerem Material hergestellten Getränks erhielt. In ausgedehnterem Maße waren aber Fälschungen für die kleinen Weinbauern, Weinhändler und Bierbrauer nicht möglich. Erst als die kapitalistische Großindustrie erstand und die Wissenschaft in ihre Dienste presste, da konnte das Fälschungsbedürfnis der Nahrungsmittelproduzenten durch die neue Wissenschaft der Chemie in größerem Maße befriedigt werden.
Manche der Manipulationen der Weinfälscher sind zwar unschädlich, viele aber nicht; namentlich die künstliche Färbung des Weins wird oft in sehr bedenklicher Weise herbeigeführt. Man verwendet unter anderem dazu das arsenikhaltige Fuchsin, Alaun und Schwefelsäure. „Man hat in französischen Weinen bis 7 Gramm Alaun im Liter Wein gefunden.“ [3]
Den meisten Weinen wird jetzt auch, um sie haltbarer zu machen, Spiritus, meist Kartoffelspiritus zugesetzt. Besonders Weine, die für den Export bestimmt sind, pflegt mau sehr stark mit Spiritus zu verschneiden. Dadurch hört aber der Wein auf, Wein zu sein, er wird „eine Branntweinart, zu der Traubensaft beigemengt ist,“ sagt Bär. Was aber der Kartoffelspiritus zu bedeuten hat, das werden wir noch sehen.
Gar gräuliche Mixturen sind manche „Kunstweine.“
Ähnlich wird das Bier misshandelt. Seine Hauptbestandteile werden oft durch Surrogate ersetzt, die für die Gesundheit des Organismus entweder von gar keiner Bedeutung sind, oder gar schädlich wirken. Namentlich der teurere Hopfen soll gern durch billige Surrogate ersetzt werden, wie Stamonium, Opium, Colchicum, das Pikrotoxin umso Weiteres. „Ein äußerst gefährliches Fälschungsmittel, das dem Bier zugesetzt wird, um es berauschender zu machen, ist die Pikrinsäure, ein starkes Herzgift, das zuerst erregend und dann lähmend auf die Herzbewegung wirkt.“ [4]
Dass Leute, denen derartige alkoholisch Getränke vorgesetzt werden, auch bei mäßigem Genüsse Folgen von Unmäßigkeit zu verspüren bekommen, ist nicht zu verwundern.
Aber schlimmer als alle diese Fälschungen hat die Verbreitung des Branntweins gewirkt. Der Schnaps – das ist der Feind.
Die Abstinenzler freilich werfen alle alkoholhaltigen Getränke in einen Topf. Ja, Professor Bunge behauptet sogar, das Bier sei unter ihnen das „allerschädlichste“ (Alkoholfrage, S. 9). Aber die Statistik spricht anders. Einige Zahlen genügen.
Es betrug in Deutschland:
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|
Zugang an Alkoholikern in |
Verbrauch pro Kopf der |
||
|
|
Absolute Alkohol |
Bier |
Weinproduktion |
|
|
Posen |
26,9 |
13,0 |
24 |
– |
|
Schlesien |
36,2 |
13,0 |
57 |
– |
|
Brandenburg mit Berlin |
39,8 |
12,8 |
94 |
– |
|
Pommern |
34,3 |
10,8 |
35 |
– |
|
Ost- und Westpreußen |
31,5 |
9,2 |
36 |
– |
|
Hannover, Braunschweig, Oldenburg |
15,8 |
7,8 |
47 |
– |
|
Prov. Sachsen und Thüringen |
13,5 |
7,4 |
115 |
– |
|
Westfalen |
13,2 |
7,2 |
68 |
– |
|
Mecklenburg |
11,6 |
6,4 |
54 |
– |
|
Königreich Sachsen |
10,7 |
6,4 |
120 |
– |
|
Schleswig-Holstein |
32,9 |
5,1 |
59 |
– |
|
Elsass-Lothringen |
6,3 |
4,8 |
45 |
79 |
|
Beide Hessen |
9,8 |
4,5 |
84 |
14 |
|
Rhein provinz |
20,1 |
4,0 |
65 |
8 |
|
Baden |
5,6 |
2,8 |
78 |
41 |
|
Bayern |
4,4 |
2,7 |
209 |
9 |
|
Württemberg |
3,1 |
1,8 |
144 |
23 |
Die geringste Zahl von Alkoholkranken weisen Bayern und Württemberg auf, mit dem geringsten Schnapskonsum, aber dem größten Bierkonsum. Die nächstfolgenden Minimalzahlen von Alkoholikern finden wir in Baden und Elsass-Lothringen, ebenfalls mit relativ wenig Schnapskonsum aber dem größten Weinkonsum. Die großen Zahlen von Alkoholikern finden wir in den Gegenden, in denen der Schnaps herrscht.
Die Zahlen der Statistik stimmen mit den Ergebnissen der Chemie. Der Branntwein, mag er nun aus Weintrebern, Korn oder Kartoffeln bereitet sein, enthält nicht bloß den gewöhnlichen Alkohol, den Äthylalkohol, sondern daneben noch eine ganze Reihe anderer Alkoholarten. Die Alkohole sind Verbindungen von Sauerstoff mit Kohlenstoff und Wasserstoff und bilden eine Reihe, in der der Gehalt an Kohlen= und Wasserstoff in einem bestimmten Verhältnis, zunimmt. [5] Je großer der Gehalt an Kohlenstoff, desto berauschender wirkt der Alkohol, desto geringer die Menge, die notwendig ist, damit er giftig wirke. [6]
Der Schnaps enthält nicht bloß den Alkohol konzentrierter als jedes andere Getränk (40–60 Prozent Alkohol), was allein schon seine schädlichen Wirkungen verstärkt; es fehlen ihm nicht nur jene Substanzen, die Bier und Wein vorteilhaft auszeichnen; er enthält überdies noch eine Reihe von Bestandteilen, die keine seiner schädlichen Wirkungen paralysieren, dagegen die meisten derselben erheblich steigern und in der schlimmsten Weise baldigst eintreten lassen. Durch Verfälschungen werden oft die giftigen Wirkungen des Schnapses noch gesteigert. [7] Dass der Schnaps Genuss unter diesen Umständen zur schlimmsten Massenvergiftung führen kann und geführt hat, ist nicht zu verwundern.
Die Kunst, den Branntwein zu erzeugen, haben die Araber in Europa, zunächst in Spanien, heimisch gemacht, von wo aus die Branntweinproduktion sich nach Italien verbreitete. „Seitdem nahmen die Genuesen den Branntwein unter die Gegenstände ihrer Ausfuhr auf. In dieser Zeit wird Branntwein nur als Arzneimittel gebraucht, auf welche Beschränkung schon sein hoher Preis hinweist.“ [8] Im 15. Jahrhundert begann er als Luxusränk auf den Tafeln der Reichen zu erscheinen. Schon 1493 beklagt ein Gedicht das Unheil, das der Schnapsteufel anrichtet. [9] Aber erst die in der Mitte des 16. Jahrhunderts gemachte Erfindung, den bis dahin aus Wein erzeugten Branntwein aus Korn herzustellen, ermöglichte es, seine Produktion und seinen Konsum nach und nach immer weiter auszudehnen. Die Entwicklung der Warenproduktion förderte auch die Schnapsproduktion. Das Getreide wurde immer mehr zur Ware, namentlich in der Umgebung der Städte. Aber bei den schlechten Transportmitteln war das Getreide in seiner Naturalform eine Ware, die einen weiten Transport nicht vertrug. Eher lohnte sich's schon, es zu Bier zu verarbeiten, und dieses zu versenden. Aber auch die Versendung des Bieres erfordert relativ große Transportkosten und überdies noch besondere Vorsichtmaßregeln. Welche Transporte verträgt es nur unter besonderen Bedingungen. Ganz anders der Branntwein. In geringem Volumen enthielt er großen Wert, und sein Transport ging leicht von Statten. Er vertrug sogar die überseeische Versendung ohne Schaden. So wurde er denn auch eine der ersten Früchte der Zivilisation, mit denen die kapitalistische Kolonialpolitik die Wilden bekannt machte. Neben dem Schmuggel, dem Seeraub und dem Sklavenhandel war auch die Vergiftung der Eingeborenen der verschiedenen Länder mit „Feuerwasser“ und Opium eine der Methoden der ursprünglichen Akkumulation von Kapital, namentlich der Engländer. Gleich den anderen Methoden wurde auch diese von Staatswegen unterstützt. Und nicht bloß den Wilden, sondern auch den eigenen „Untertanen“ gegenüber. Je mehr der Schnaps sich als gangbare Handelsware erwies, desto trefflicher eignete er sich zum Steuerobjekt, die immer leeren Staatskassen zu füllen. [10] War er aber einmal zum Steuerobjekt bestimmt, dann gebot es das Interesse des Staates auch, den Handel und Konsum der einträglichen Ware seinerseits möglichst zu fördern. Zu dem fiskalischen Interesse gesellte sich auch das Interesse der Staatsgewalt an der Bereicherung der herrschenden Klassen. Anfänglich war in Norddeutschland, ähnlich wie die Bierbrauerei, so auch die Schnapsbrennerei ein Privilegium der Städte. In Preußen wurde dieses zu Ende des 17. Jahrhunderts auch den Rittergütern übertragen. Von da an wurde das Interesse der Edelsten und Besten der preußischen Nation immer inniger mit dem Schnaps verknüpft. Und da die Interessen der Edelsten und Besten im Staat am meisten galten, so war dies ein Grund mehr, das Volk zum Schnapskonsum zu erziehen. Ähnlich ging es in anderen Ländern und geht es zum Theil noch heute, so in einigen Kronländern Österreich. [11]
Die Schnapsproduktion wird heute noch oder wurde bis vor Kurzem allenthalben, in die „Landwirtschaft“ maßgebend ist, durch staatliche Prämien aller Art, ähnlich der Zuckerproduktion, gefördert.
Indessen war das Unheil, das der Schnapskonsum bis zum Anfang unseres Jahrhunderts anrichtete, in Deutschland immer noch verhältnismäßig gering (anders in England). Der Kornbranntwein enthält, namentlich wenn er lang gelagert hat, relativ wenig der schwereren Alkohole. Da entdeckte man um die Hälfte des vorigen Jahrhunderts, dass auch aus der billigen Kartoffel sich Schnaps brennen lasse. Diese Entdeckung führte seit dem Anfang unseres Jahrhunderts dahin, die ganze Branntweinbrennerei Deutschlands zu revolutionieren. Bis dahin waren die reichen Getreidegegenden Nordwestdeutschlands die Hapterzeuger des Branntweins gewesen. Nun erhielten auch die mageren Kartoffelgegenden Nordostdeutschlands die Möglichkeit, eine Ware zu produzieren, die sich leicht transportieren ließ, hohen Werthhatte und auf dem Weltmarkte galt, was mit der Kartoffel nicht der Fall. Die Kapitalien, die sie brauchten, um zur Kartoffelbrennerei überzugehen, erhielten die armen ostelbischen Junker durch die „Bauernbefreiung“ (siehe Friedrich Engels, Preußischer Schnaps im deutschen Reichstag, Der Volksstaat, Nr. 23 vom 25. Februar 1876, S. 8). Und nun begann eine wahre Sintflut von billigem aber schlechtem preußischen Kartoffelfusel. Schritt für Schritt, in demselben Maße, in dem das ostelbische Junkertum in Preußen, Preußen in Deutschland, Deutschland auf dem Weltmarkt zur Geltung kam, eroberte auch der preußische Kartoffelschnaps Preußen, Deutschland, der Weltmarkt. Nirgends ist man mehr vor ihm sicher. Neben seiner direkten Verwendung als Trinkbranntwein findet er, nochmals destilliert, eine immer steigende Anwendung als Mittel, andere, bessere Branntweine, Kornbranntwein, Cognac, etc. zu fälschen, ja sogar Biere und Weine haltbarer zu machen, zu fälschen oder gar direkt zu fabrizieren. So dringt er gerade in die Länder ein, die Wein oder Bier exportieren, nistet sich in Italien fest, in Spanien und Portugal, in Frankreich u. s. w. Der preußische Schnaps hat die Welt erobert. [12]
Was das heißt, kann man leicht ermessen, wenn man bedenkt, dass, wie schon angedeutet, der Kartoffelschnaps, namentlich wenn jung und ungereinigt, überladen ist mit schweren Alkoholen, besonders dem so verderblichen Amylalkohol.
Wir sehen, die alkoholhaltigen Getränke der Kulturvölker haben seit dem Beginn der neueren Zeit eine gewaltige Umwälzung erfahren, eine Umwälzung, durch welche das Wachstum des Alkoholismus erklärlicher wird als durch die angeborene „Unmäßigkeit“ und „Charakterschwäche“ „des Menschen.“
*
Anmerkungen
1. Anton Schlossar, Speise und Trank vergangener Zeiten in Deutschland: Kulturgeschichtlicher Vortrag. Wien 1877. S. 12
2. Binz in der Real-Encyclopedia der gesamten Heilkunde. Artikel Alkohol. Wien 1880.
3. Heinrich Vogel, Die Verfälschung und Verschlechterung der Nahrungsmittel. Ein Beitrag zur diätetischen und sozialen Reform, Leipzig 1873. S. 26.
4. Bär, Alkohol. S. 181.
5. Die Reihe ist folgende (C Kohlenstoff, H Wasserstoff, O Sauerstoff)
Methyl-Alkohol CH4O [Methanol]
Äthyl-Alkohol C2H6O [Ethanol]
Prophyl_Alkohol C3H8O [Propyl-d7 alcohol]
Buthyl-Alkohol C4H10O [(R)-(-)-2-Butanol]
Amyl-Alkohol C5H12O [2-Methyl-2-butanol]
Capryl_Alkohol C6H14O [hexanol]
u. s. w.
6. Dr. Abraham Adolf Bär, Der Alkoholismus, Seine Verbreitung und Wirkung auf den Individuellen und Sozialen Organismus, Sowie die Mittel Ihn zu Bekämpfen. Berlin, 1878, S. 33 und 550, und Friedrich Engels, Preußischer Schnaps im deutschen Reichstag, Der Volksstaat, Nr. 23 vom 25. Februar 1876, S. 5. Dujardin Beaumetz und Audige haben zahlreiche dahingehende Versuche gemacht, die obiges bestätigten. Nur einer sei hier angeführt. Injektionen unter die Haut an Hunden ergaben für die verschiedenen Alkohole folgendes Ergebnis:
Alkohol
Tödliche Dosis per Kilo Versuchstier Gramm
Der Tod des Versuchstieres trat ein nach Stunden
Äthyl-Alkohol C2H6O [Ethanol]
6,0–8,9
39–48
Prophyl-Alkohol C3H8O [Propyl-d7 alcohol]
4,0–4,5
?
Buthyl-Alkohol C4H10O [(R)-(-)-2-Butanol]
2,0–2,3
6–7
Amyl-Alkohol C5H12O [2-Methyl-2-butanol]
1,8–2,3
2–7
Wir sehen, wie in der aufsteigenden Reihe der Alkohole die Dosis, die nötig ist, dass sie eine geistige Wirkung üben, und der Zeitraum, innerhalb dessen diese Wirkung eintritt, immer geringer werden. Man beachte namentlich die verheerende Wirkung, die der Amylalkohol übt, der Hauptbestandteil des Fuselöls, das im Kartoffelschnaps in beträchtlicher Menge vorkommt. „Manche Beobachter in der Neuzeit, namentlich Rabuteau, sind geneigt, dem Amylalkohol einen wesentlichen Antheil an der Entstehung des chronischen Alkoholismus zuzuerteilen“ (Dr. Abraham Adolf Bär, Der Alkoholismus, Seine Verbreitung und Wirkung auf den Individuellen und Sozialen Organismus, Sowie die Mittel Ihn zu Bekämpfen. Berlin, 1878, S. 226).
7. „In England sollen viele Geschäftsleute sogar Schwefelsäure in den Branntwein gießen, weil dieser dann viel billiger verkauft werden kann und außerordentlich stark wirkt.“ (Dr. Abraham Adolf Bär, Der Alkoholismus, Seine Verbreitung und Wirkung auf den Individuellen und Sozialen Organismus, Sowie die Mittel Ihn zu Bekämpfen. Berlin, 1878, S. 126).
8. Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Jena 1890, Art. Branntwein.
9. Wilhelm Wachsmuth, Europäische Sittengeschichte, Leipzig 1837, IV, S. 280.
10. „In Altpreußen findet die Branntweinsteuer an der Wende des 16. zum 17. Jahrhundert Eingang“ (Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Jena 1890, Art. Branntweinsteuer.)
11. Im vorigen Jahre ging eine Notiz durch die Zeitungen, in Galizien habe ein Pfarrer einen Mäßigkeitsverein gegründet, der gute Erfolge aufwies; daraufhin wurde ihm von den Behörden geboten, seine Propaganda für die Mäßigkeit sofort einzustellen, weil dadurch die Interessen der schnapsbrennenden Gutsbesitzer geschädigt würden. Wir sehen auch in der Tat nicht ein, warum das Recht des Schlachzizen auf Profit durch Vergiftung seiner Bauern nicht ebenso heilig sein soll, wie das Recht des Unternehmers auf Profit durch Aushungerung seiner Lohnproletarier, und warum die Agitation für den Schnapsstrike erlaubt sein soll, wenn die für den Arbeitsstrike verboten ist.
12. “Wohin wir uns wenden, überall finden wir preußischen Sprit. Der preußische Sprit reicht unvergleichlich weiter als der Arm der deutschen Reichsregierung. Und wo wir diesen Sprit finden, dient er vor allem – der Fälschung. Er wird das Mittel, wodurch südeuropäische Weine verschiffbar und damit der inländischen arbeitenden Bevölkerung entzogen werden. Und wie die Lanze des Achilles die Wunden heilt, die sie geschlagen, so bietet der preußische Sprit den des Weins beraubten Arbeiterklassen gleichzeitig den Ersatz in verfälschtem Branntwein! Kartoffelsprit ist für Preußen das, was Eisen und Baumwollen Waren für England sind, der Artikel, der es auf dem Weltmarkt repräsentiert.” (Friedrich Engels, Preußischer Schnaps im deutschen Reichstag, Der Volksstaat, Nr. 23 vom 25. Februar 1876, S. 10, 11).
Zuletzt aktualisiert am 28. Oktober 2026