Karl Kautsky

Der Alkoholismus und seine Bekämpfung

III. Die Wandlungen der Trinker

Wie das Getränk, so haben die Trinker, so hat die Art zu trinken, sich geändert in Folge der Einwirkungen der Revolution in den Produktionsverhältnissen, die seit dem 16. Jahrhundert vor sich gegangen ist.

Bei allen Naturvölkern, die nicht in besonders unwirtliche Gegenden verdrängt worden sind, wie zum Beispiel die Feuerländer oder Buschmänner, sind die Menschen ein kraftstrotzendes Geschlecht, teils in Folge ihrer Lebensweise, die sie kräftigt und abhärtet, teils wohl auch in Folge des Umstandes, dass die Schwächeren den hohen Anforderungen, die der Kampf ums Dasein auf dieser Stufe noch stellt, nicht gewachsen sind und ausgemerzt werden.

Auch die alten Germanen waren kraftvoll und zäh, die gar manchen Humpen berauschenden Trankes vertrugen. Und sie liebten das Trinken, weil sie heitere Geselligkeit liebten. Die alkoholischen Getränke sollten die Zungen lösen, die Phantasie vom Zwange der Kritik und der Sorgen befreien, die Mühsale und Kümmernisse des Tages vergessen machen. Sie tranken aus Lebenslust, nicht aber um sich zu betäuben und sinnlos zu machen. Man darf die Berichte des Tacitus nicht so auffassen, als ob die Germanen in Völlerei gelebt hätten. Sie würden dann unter den Naturvölkern einzig dastehen. Schon die geringe Höhe ihrer Landwirtschaft verbietet, anzunehmen, dass sie regelmäßig besonders große Mengen von Bier und Meth, resp. Wein, konsumiert hätten; auch stellen auf der Kulturhöhe, die sie einnahmen, Produktion wie Kampf so hohe Ansprüche an alle Kräfte und Sinne des Menschen, dass die Trunkenheit ein Luxus ist, den man sich nicht alle Tage erlauben darf. Tacitus sagt denn in der Tat auch nur, dass die Germanen es nicht für eine Schande halten, Tag und Nacht in einem fort zu trinken; er nennt aber gleich die Gelegenheiten, bei denen mehr getrunken wurde: wenn es galt, über die Versöhnung von Feinden, die Schließung von Ehebündnissen, die Wahl von Fürsten, endlich über Krieg und Frieden zu beraten. Sie werden es ähnlich gehalten haben, wie unsere Bauern, die das ganze Jahr über mäßig leben, bei der Kirchweih, bei Hochzeiten und Kindstaufen es aber hoch hergehen lassen.

Den Anfang einer Erhebung über den rohen Bauernstandpunkt bildeten die Klöster. Deren Insassen waren sicherer als die andere Bevölkerung, sie durften sich eher dem chronischen Zechen hingeben. Und sie befassen auch eher das nötige Getränk dazu. Die Träger einer höheren Produktionsweise, verbreiteten sie die Weinkultur in Deutschland und pflegten sie die Bierbrauerei, die sie bald zu einer großen Vollkommenheit brachten. Aber so viel wir sehen können, behielt der Trunk auch in den Klöstern seinen Charakter als Hilfsmittel der Geselligkeit; die Völlerei war nicht sein Ziel.

Von den Klöstern ging die Führung der ökonomischen Entwicklung mit der Zeit auf die Städte über. Warenhandel und Warenproduktion entwickelten sich. Bier und Wein wurden nun auch im Handel erhältlich; wer genug reich an Geld war, konnte davon so viel haben, als er wollte, selbst wenn die Gegend, in der er wohnte, wenig oder nichts davon produzierte. Und das nötige Geld fand sich auch – und mehr als nötig war. Handel, Wucher, Bauernschinderei und ähnliche Methoden lieferten immer mehr Geldmittel, die, so lange die kapitalistische Produktionsweise wenig entwickelt war, von ihrem Aneignen nur zum geringsten Theil in Kapital verwandelt werden konnten und verwandelt wurden. Man wusste mit dem Reichtum und der Macht, die er verlieh, nichts Besseres zu tun, als ihn prahlend zur Schau zu tragen in Überladung des Hauses und der eigenen Person mit kostbarem Schmuck, in Überladung des Magens mit kostbaren Speisen und Getränken. Wie sich bei den herrschenden Klassen der wahnsinnigste Kleiderluxus entfaltete, so der wahnsinnigste Fress- und Saufluxus. Man trank nicht mehr, um die Geselligkeit zu beleben, sondern vertilgte ungeheure Massen von Getränk und ließ noch größere Massen von Anderen vertilgen, bloß um zu zeigen, welch’ vorzüglichen Keller man habe. Und das geschah nicht nur zeitweise, sondern regelmäßig. Die hohen und höchsten Herrschaften hatten es nicht mehr notwendig, auf dem Thron zu kommen, denn ihre Arbeit war für ihr eigenes Wohl, wie für das Wohl des Gemeinwesens teils ganz überflüssig geworden oder konnte von Lohnarbeitern – Soldschreibern und Kriegsknechten aller Art – für sie besorgt werden. [1]

Dass das Beispiel von oben, wenigstens in den Städten, auch die unteren Schichten der Bevölkerung korrumpierte; dass Handwerker und Kleinkrämer es für ihre Untertanenpflicht hielten, nachzumachen, was Fürsten, Höflinge, Pfaffen und Kaufherren ihnen vormachten, darf nicht Wunder nehmen. Aber zu diesem Motiv gesellte sich in den unteren Ständen noch ein zweites: Das Elend in Folge der Versklavung oder Verjagung der Bauern; in Folge des durch die Veränderung der Handelswege bewirkten Niedergangs des Handwerks und des Handels, und endlich in Folge der großen Religionskriege, die ganz Deutschland verwüsteten. Es wuchsen Noth und Landstreicherei. „Immer blutiger und grausamer wurden die Versuche, die misshandelten Klassen ruhig und ungefährlich zu machen, immer blutiger und grausamer wurden die krampfhaften Zuckungen der Gepeinigten, um das Joch abzuschütteln. Hass, Angst, Verzweiflung wurden tägliche Gäste in der Hütte und im Palast; jeder zitterte vor dem Morgen, beklagte das Gestern und rang mit dem Heute. Der Krieg wurde ein Beruf, die Menschenschlächterei ein Handwerk, der verabschiedete Soldat durch die Not gezwungen, im Frieden die Gewohnheiten des Krieges fortzusetzen, die von ihm Bedrohten getrieben, ihn wie ein wildes Tier zu hetzen. Und gleichzeitig jagten die Würgengel der Pest und Syphilis durch ganz Europa. Unsicherheit, Jammer, Elend, stete Angst vor den unwiderstehlichen sozialen Mächten herrschte allüberall.“ [2]

Unter dem Einfluss dieser Situation wuchs das Bedürfnis nach Tröstung und Betäubung, nach Religion und Alkohol. Er sollte nicht mehr heitere Zecher beleben, sondern Verzweifelnde und Verhungernde betäuben, von ihren Qualen erlösen. Dazu passte der rasch wirkende Schnaps besser, als die langsam und schwach wirkenden Weine und Biere. Nur sein hoher Preis und die Macht der Gewohnheit hinderten, dass er allzu rasch Volksgetränk wurde. Das erstere Hindernis besiegte nach und nach der technische Fortschritt; den Schnaps als Volksgetränk einzubürgern, halfen aber am meisten die großen Kriege. Der leicht transportable und haltbare Branntwein war das richtige Getränk für den Soldaten. Bereits im dreißigjährigen Krieg finden wir ihn als Soldatengetränk; die Soldaten brachten ihn ins Volk. Der siebenjährige Krieg und die Napoleonischen Feldzüge waren die mächtigsten Mittel, den Schnaps zu einem Volksgetränk in Norddeutschland zu machen.

Das neunzehnte Jahrhundert bringt die Herrschaft des Kartoffelschnapses und der kapitalistischen Großindustrie. Von ersterem haben wir schon gesprochen. Letztere fügte zu dem Elend und der Noth, die schon bestanden, nun auch noch die abstumpfendste und aufreibendste Überarbeit hinzu, die Auflösung des Familienlebens und die Zusammenpferchung ungeheurer Proletariermassen auf dem engen Raum der Fabrikviertel und Fabrikstädte, was die moralische Ansteckung und Verseuchung der Einzelnen enorm begünstigte. Kein Wunder, dass die Trunksucht gerade im industriellen Proletariat die entsetzlichsten Fortschritte machte.

„Alle Lockungen,“ schreibt Engels, „alle möglichen Versuchungen vereinigen sich, um die Arbeiter zur Trunksucht zu bringen. Der Branntwein ist ihnen fast die einzige Freudenquelle, und alles vereinigt sich, um sie ihnen recht nahezulegen. Der Arbeiter kommt müde und erschlafft von seiner Arbeit heim; er findet eine Wohnung ohne alle Wohnlichkeit, feucht, unfreundlich und schmutzig; er bedarf dringend einer Aufheiterung, er muss etwas haben, das ihm die Arbeit der Mühe wert, die Aussicht auf den nächsten sauren Tag erträglich macht; seine abgespannte, unbehagliche und hypochondrische Stimmung, die schon aus seinem ungesunden Zustande, namentlich aus der Indigestion entsteht, wird durch seine übrige Lebenslage, durch die Unsicherheit seiner Existenz, durch seine Abhängigkeit von allen möglichen Zufällen und sein Unvermögen, selbst etwas zur Sicherstellung seiner Lage zu tun, bis zur Unerträglichkeit gesteigert; sein geschwächter Körper, geschwächt durch schlechte Luft und schlechte Nahrung, verlangt mit Gewalt nach einem Stimulus von außen her; sein geselliges Bedürfnis kann nur in einem Wirtshause befriedigt werden, er hat durchaus keinen andern Ort, wo er seine Freunde treffen könnte – und bei alledem sollte der Arbeiter nicht die stärkste Versuchung zur Trunksucht haben, sollte imstande sein, den Lockungen des Trunks zu widerstehen? Im Gegenteil, es ist die moralische und physische Notwendigkeit vorhanden, dass unter diesen Umständen eine sehr große Menge der Arbeiter dem Trunk verfallen muss. Und abgesehen von den mehr physischen Einflüssen, die den Arbeiter zum Trunk antreiben, wirkt das Beispiel der großen Menge, die vernachlässigte Erziehung, die Unmöglichkeit, die jüngeren Leute vor der Versuchung zu schützen, in vielen Fällen der direkte Einfluss trunksüchtiger Eltern, die ihren Kindern selbst Branntwein geben, die Gewissheit, im Rausch wenigstens für ein paar Stunden die Not und den Druck des Lebens zu vergessen, und hundert andere Umstände so stark, dass man den Arbeitern ihre Vorliebe für den Branntwein wahrlich nicht verdenken kann. Die Trunksucht hat hier aufgehört, ein Laster zu sein, für das man den Lasterhaften verantwortlich machen kann, sie wird ein Phänomen, die notwendige, unvermeidliche Folge gewisser Bedingungen auf ein, wenigstens diesen Bedingungen gegenüber, willenloses Objekt. Diejenigen, die den Arbeiter zum bloßen Objekt gemacht haben, mögen die Verantwortlichkeit tragen.“ [3]

Vermehrt die moderne Produktionsweise die Zahl der Schnapstrinker und den Antrieb zu trinken, indes sie gleichzeitig die Qualität des Getrunkenen verschlechtert, so verringert sie auch die Widerstandskraft der Trinker immer mehr. Indem sie Überarbeit, schlechte Ernährung, Kleidung und Wohnung zum Loos einer immer steigenden Anzahl von Individuen macht, vermehrt sie die Zahl derjenigen, bei denen der Alkohol schon in geringen Dosen giftige Wirkungen äußert. „Viele habituelle Trinker,“ sagt Bär, „wenn sie in guten Lebens Verhältnissen sind, gut essen etc., niemals das Delirium bekommen, heruntergekommene Personen, Vagabonden, Bettler und dergleichen hingegen sehr häufig an Säuferwahnsinn erkranken und an demselben zu Grunde gehen, ohne dass sie gar zu lange der Trunksucht ergehen waren. In wohlhabenden Gegenden sterben viel weniger Leute an Delirium tremens, als in Bezirken mit einer armen Bevölkerung, wenn in ersteren auch viel mehr getrunken wird, als in letzteren.“ [4]

Fördert so die moderne Produktionsweise den Alkoholismus in den unteren Schichten der Bevölkerung, so liefert sie auch neue Motive seiner Zunahme in den oberen Schichten. Allerdings das eine Motiv der Völlerei, das wir zur Zeit des Aufkommens der Warenproduktion und ihres Eindringens in die Feudalwelt wirksam finden, verschwindet für eine Zeitlang immer mehr, je mehr die Produktionsweise einen kapitalistischen Charakter annimmt: der Luxus, die prunkende Verschwendung, die den Reichtum des Besitzers zeigen und seinem Überfluss Luft machen soll, wird aus einer Tugend zu einer Sünde, sobald die kapitalistische Produktionsweise nicht bloß die Möglichkeit bietet, den ergatterten Profit immer wieder in Kapital, in Mehrwert aneignende Anlage zu verwandeln, sondern die stete Erweiterung eines kapitalistischen Unternehmens zur Notwendigkeit macht. Man jagt nach Mehrwert nicht mehr, um Mittel zum Genießen, sondern um Mittel zur Erjagung weiteren Mehrwerts zu erwerben. Nicht der Genuss, sondern die Akkumulation des Kapitals ist das treibende Motiv des Kapitalisten. „Soweit daher sein Tun und Lassen nur Funktion des in ihm mit Willen und Bewusstsein begabten Kapitals, gilt ihm sein eigener Privatkonsum als ein Raub an der Akkumulation des Kapitals.“ (Marx, Kapital, 1872, S. 614) Der Kapitalist ist auf dieser Stufe der Produktion geizig, knickerisch; die Enthaltung vom Genuss wird in seinen Augen der Angelpunkt des ganzen kapitalistischen Produktionsmechanismus. „Ich ersetze das Wort Kapital durch das Wort Enthaltung,“ rief Herr Senior 1825. Der Profit erschien nicht mehr als das Produkt unbezahlter Arbeit, sondern als das Produkt der Entsagung.

Je mehr die kapitalistische Produktionsweise sich ausdehnte, je mehr die Besitzenden zu Kapitalisten wurden, je mehr der industrielle Kapitalist tonangebend wurde, desto mehr fand die Philosophie der Entsagung Eingang und wurde die Verschwendungssucht des Kavaliers und des Glückspitzes der Finanz zurückdrängt. Erst von einer gewissen Höhe der Entwicklung an wird wieder „ein konventioneller Grad von Verschwendung, die zugleich Schaustellung des Reichtums und daher Kreditmittel ist, sogar zu einer Geschäftsnotwendigkeit des ‚unglückschen‘ Kapitalisten.“ (Marx, Kapital, S. 616) In der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts ist in allen kapitalistischen Ländern die Ausbeutung auf eine solche Höhe gestiegen, sind so riesenhache Vermögen akkumuliert worden, sind die jährlichen Revenuen einer stets wachsenden Zahl von Kapitalisten so ungeheure, dass, selbst wenn nur ein relativ kleiner Bruchteil dieser Einkommen dem Genuss des Besitzers geopfert und der weitaus größte Theil weiterer Akkumulation zugewendet wird, der Genussfonds immer noch absolut so groß ist, dass er nur durch maßlose Verschwendung aufgebraucht werden kann. Wieder beginnt in den modernen Kulturstaaten eine Üppigkeit und Völlerei der obersten Zehntausend sich breit zu machen, die sich mit der des 16. Jahrhunderts wohl messen kann, wenn sie diese nicht übertrifft. Derselbe Grad von Verschwendung setzt aber heute eine unendlich größere Ausbeutung voraus als vor drei- und vierhundert Jahren; denn damals wurde der weitaus größte Theil, heute wird nur ein sehr kleiner Theil des Mehrwerts, respektive Mehrprodukts, dem Genuss gewidmet.

Der ungeheure Grad der modernen Ausbeutung versieht aber heute auch eine viel größere Zahl überflüssiger Existenzen als im 16. Jahrhundert mit allen Mitteln des Wohllebens. Es wächst die Zahl der reichen Müßiggänger: nicht Philosophen und Künstler, wie in Athen, sondern gemeine, ungebildete Tagdiebe, die, um die Zeit totzuschlagen, auf den plumpsten Sinnenkitzel verfallen, auf Wein, Weiber, Hasardspiel und dergleichen.

Freilich sind nicht alle, vielleicht nicht einmal die Mehrzahl der Besitzenden, Tagdiebe. Viele arbeiten ebenso lang und angestrengt, wie mancher Arbeiter, wenn auch die Arbeit, die sie verrichten, oft überflüssig ist. Immer aber ist es einseitige Nervenarbeit. Die Übung der Muskeln ist in den besitzenden Klassen seit dem 16. Jahrhundert immer weiter zurückgegangen, die Ansprüche an das Nervenleben dagegen beständig gewachsen. Neben dem fortwährenden Kampf mit der Arbeiterklasse, der der Mehrwert herausgeschunden wird, geht ein ebenso ununterbrochener Kampf der Ausbeuter untereinander um dem Antheil am Mehrwert. Alle diese Kämpfe werden heute mit der Kraft der Nerven, nicht der Muskeln geführt, und immer erbitterter werden die Kämpfe, immer gewaltiger die Entscheidungen, immer kolossaler das Schlachtfeld, immer unberechenbarer die Mächte, mit denen man zu tun hat.

So werden die Nerven der Bourgeoisie durch ihre Tätigkeit ebenso ruiniert, wie durch ihren Müßiggang. Nimmt man zu dem Allen noch die Konvenienzehe, die der Bourgeois schließt, nachdem er den besten Theil seiner Kraft ausgegeben, so dass seine legitimen Kinder, seine Erben, in der Regel gerade seine schwächlichsten Kinder sind, dann braucht man sich nicht zu wundern über die wachsende Verkommenheit der Bourgeoisie. Besauft sich ein Theil der Bourgeois aus Übermut, so greift ein anderer Theil nach Stimulantien oder Betäubungsmitteln, nach Alkohol, Morphium, Kokain, um sein Krankheitsgefühl loszuwerden, um seine Schmerzen zu ersticken, seine Sorgen zu vergessen; und wie im Proletariat, so sinkt auch in den Reihen der Besitzenden die Widerstandskraft gegenüber diesen Mitteln.

Die „Unmäßigkeit“ wächst, nicht in Folge der angeborenen Charakterschwäche und Lasterhaftigkeit der Menschen; nicht deswegen, weil die Menschen überhaupt nicht mäßig sein können, sondern weil sie unter bestimmten Verhältnissen zur Unmäßigkeit getrieben werden, unter Verhältnissen, die die moderne Produktionsweise in einer unerhörten Ausdehnung erzeugt.

Der Genuss alkoholhaltiger Getränke ist nicht immer eine Quelle des Verderbens gewesen; er war ehedem eine Quelle fröhlicher Geselligkeit, ein Mittel, die Genüsse der Muße zu erhöhen; der Kapitalismus vergiftet diese Quelle immer mehr: wie nun der Vergiftung der Menschen entgegenwirken? Dadurch, dass man die Quelle des Genusses verstopft, die Menschheit um einen Genuss ärmer macht, der ihr seid ihrer Kindheit gewährt worden; oder dadurch, dass man die vergiftende Ursache beseitigt, die Quelle reinigt und sie wieder so hell und erquickend sprudeln lässt, wie ehedem?

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Anmerkungen

1. „Umgeben von rohen Junkern, Stallmeistern, Hofnarren, die fast nur in Zoten sprachen, und missgestalteten Kammerzwergen,“ erzählt Wolfgang Menzel in seiner Geschichte der Deutschen, „wetteiferten die Fürsten, wer den Andern im Zechen überbot.“ Diese Unterhaltungen traten jetzt allgemein an die Stelle der alten edlen und galanten Turniere. Beinahe ohne Ausnahme waren alle Höfe der viehischsten Trunksucht ergehen. Von dem sächsischen Kurfürsten Christian II. (1591–1611), der sich wie sein Vater Christian I. tatsächlich zu Tode getrunken, berichtet ein zeitgenössischer Schriftsteller: „Sieben Stunden lang wurde aus ungeheuren Humpen um die Wette getrunken, und der Kurfürst trug sichtbar den Sieg davon. Von Geschäften sprach man kein Wort. Täglich wimmelte der Hof von Gästen, so dass nicht weniger als 700 Tische zumal gedeckt waren. Dieser Kurfürst ist in nichts groß, als in Essen und Trinken. Er sieht nicht darauf, gut zu trinken, sondern nur viel. Sein einziges Trachten geht dahin, ungeheuer zu trinken und womöglich sich selbst im Soff zu übertreffen. Er würde nicht zu leben glauben, wenn er nicht unaufhörlich betrunken wäre.“ Dem Nachfolger Christian II., Johann Georg I. (1611 bis 1660), verlieh der Volksmund den sehr despektierlichen aber bezeichnenden Beinamen Bierjörgel.

2. Karl Kautsky, Thomas More und seine Utopie. Stuttgart: J.H.W. Dietz, 1888, S. 98.

3. Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, Leipzig 1845. S. 129, 130. (Resultate)

4. Dr. Abraham Adolf Bär, Der Alkoholismus, Seine Verbreitung und Wirkung auf den Individuellen und Sozialen Organismus, Sowie die Mittel Ihn zu Bekämpfen. Berlin, 1878, S. 286.


Zuletzt aktualisiert am 28. Oktober 2026