MIA > Deutsch > Marxisten > Kautsky > Alkohol.
Der nächstliegende und bequemste Standpunkt gegenüber den Übeln einer Gesellschaftsordnung ist der, sie als die Folgen der Schlechtigkeit oder Unvorsichtigkeit oder Unwissenheit der Individuen anzusehen. Von diesem Standpunkt aus kann man die betreffenden Uebel nicht anders bekämpfen als durch Predigten, Schulmeistereien und Strafen. Dies hat man denn auch bald gegenüber den Übeln der kapitalistischen Gesellschaft versucht. Die Hauptvertreter dieses Standpunktes und natürlich seit jeher die Frommen, die Pfaffen gewesen; aber merkwürdigerweise haben sie ihre besten Alliierten in ungläubigen Materialisten, namentlich Medizinern, gefunden. Ob die Übereinstimmung der Seelen- und Leibesärzte in den Eigentümlichkeiten ihres Berufs zu suchen ist, die sie bei Sündern wie bei Kranken auf die individualisierende Behandlung hinweisen, wollen wir nicht untersuchen. Bemerkenswert ist es jedenfalls, dass in der Erklärung des Pauperismus durch den Mangel an Vorsicht bei der Eheschließung und in der Ehe der Atheist Bradlaugh und der Dr. Drysdale Arm in Arm gehen mit dem Pfaffen Malthus und dass die Erklärung der Verbrechen durch die Erbsünde und die Prädestination ihre naturwissenschaftliche Ausbildung erfahren hat durch die Lehre Lombrosos, der den Verbrecher ebenso mit einem Verbrecherschädel auf die Welt kommen lässt, wie etwa den Blondin mit der Begabung, blonde Haare zu bekommen, und der den Verbrecherschädel durch den Atavismus erklärt; so wird auch die Ansicht, dass die Unmäßigkeit der Menschen am Alkoholismus und dessen Konsequenzen Schuld sei, vornehmlich von Geistlichen und Medizinern vertreten.
Dieser Standpunkt gegenüber den sozialen Missständen, der anfänglich vielleicht einer gewissen Naivetät und Unwissenheit entsprang, wurde bald von den herrschenden Klassen und ihren Anwälten zu ihren Sonderzwecken ausgebeutet. Es gibt in der Tat keine bessere Entlastung der modernen Gesellschaft und der Klassen, die aus ihr Nutzen ziehen, aus die Behauptung, die Ursache der bedrohlichen sozialen Erscheinungen liege nicht in der Gesellschaft, sondern in den Menschen. Die Menschen werden immer Menschen bleiben, sagten die einen, die Pessimisten, und darum ist es umsonst, eine Verbesserung der Verhältnisse anzustreben. Nein, sagten andere: man kann die Menschen erziehen, bilden, dann wird es besser werden. Aber bevor wir keine Idealmenschen haben, dürfen wir an keine Idealgesellschaft denken. Bis dahin muss Alles beim Alten bleiben.
Namentlich die Bewegung der Abstinenzler ist der Bourgeoisie höchst willkommen; denn diese schieben dem Alkoholgenuss nicht bloß die Erscheinungen des Alkoholismus, sondern auch den größten Theil des heutigen Elends und Lasters in die Schuhe. Die Hauptschuld am Pauperismus, an Verbrechen, an Wahnsinn und Selbstmord trägt den Abstinenzlern zu Folge der Alkohol. In welcher Weise sie diese kühne Behauptung begründen, mögen einige Beispiele zeigen.
Ansichten gelten ihnen als Tatsachen, die Polizei und der Strafrichter sind für sie wissenschaftliche Autoritäten. Wenn ein englischer Richter die Ansicht ausspricht, in Irland würde, wenn der Alkohol fehlte, überhaupt kein Verbrechen vorkommen, so erklärt daraufhin selbst der keineswegs fanatische Bär ohne Weiteres ganz bestimmt: „In Irland ist fast jedes Verbrechen (mit Ausnahme der agrarischen) durch die Trunksucht bedingt.“ (Bär, Alkoholismus, S. 344)
Ein paar englische Richter und Polizisten haben angenommen, dass 70–80% aller Verbrechen der Trunksucht zuzuschreiben seien. Bunge verwandelt diese Annahme etwas ungeniert dahin, dass „die Krimminalrichter, Polizeibeamten und Gefängnisdirektoren in fast allen zivilisierten Staaten darin einig sind, dass 70–80 % aller Verbrechen eine Folge des Alkoholmissbrauches sind“. (Bunge, a. a. O., S. 15, 16) Wie damit die Tatsache stimmen soll, dass unter den in England 1858–64 abgeurteilten Personen sechs Prozent Gewohnheitssäufer waren (Bär, Alkoholismus, S. 342), ist uns unerfindlich.
Professor Bunge fährt fort: „Nach einer an 32.837 Gefangenen in 120 Anstalten aus allen Theilen des Deutschen Reiches angestellten statistischen Ermittlung wurden von allen Morden 4.600 im Zustand der Trunkenheit verübt.“ Er bezieht sich hier auf Bär, der sich ebenso ausdrückt. In Wirklichkeit geht aus der fraglichen Statistik nicht hervor, ob auch nur ein einziger Mord im Zustande der Trunkenheit verübt wurde. Sie berichtet bloß, dass von 614 Mördern 237 Trinker, darunter 139 Gelegenheitstrinker und 98 Gewohnheitstrinker waren. Über den Zusammenhang zwischen Trunkenheit und Verbrechen sagen uns diese Zahlen gar nichts. [1] Dass dieselben sozialen Verhältnisse, die das Verbrechen erzeugen, auch zum Saufen treiben, ist naheliegend, und es ist daher leicht erklärlich, dass eine große Zahl der Verbrecher dem Trunk ergeben ist. Aber man muss Abstinenzler sein, um zu behaupten, ein jeder trinkende Verbrecher könne sein Verbrechen nur im Rausch und nur in Folge des Rausches begangen haben, und der Mann wäre kein Verbrecher geworden, wenn er sich nicht betrunken hätte. Herr Professor Bunge wird vielleicht finden, dass sämtliche männliche Verbrecher Tabakraucher sind und zwar Gewohnheitsmucher. Er dürfte aber kaum daraus schließen wollen, dass jeder Verbrecher seine Tat rauchend, unter dem Einfluss des Nikotins begeht und dass sämtliche Verbrechen dem „Missbrauch des Tabaks“ zuzuschreiben sind. Die Zahl der Trinker ist unter den Dieben noch größer, als unter den Mördern (52 Prozent). Will Herr Professor Bunge uns aber auch glauben machen, dass mehr als die Hälfte der Diebstähle „im Zustand der Trunkelheit“ verübt wird? Wir können uns wenigstens nicht vorstellen, wie man stiehlt, wenn man nicht seine fünf Sinne beisammenhat.
In Bezug auf den Nachweis, dass Irrsinn, Selbstmord, Armut hauptsächlich dem Alkoholismus zuzuschreiben sind, verfahren die Abstinenzler ebenso willkürlich. Sie bringen einige Zahlen, die zeigen, dass Trunksucht und Elend etc. häufig nebeneinander gefunden werden, und erklären dann ohne Weiteres, daraus erhelle unzweifelhaft, dass das Elend etc. durch den Alkoholgenuss verursacht werde.
„An dem Tage, wo die Trunksucht verschwunden sein wird, wird mehr als die Hälfte des Pauperismus verschwunden sein,“ ruft ein Abstinenzler, den Bär wohlgefällig zitiert. [2] Bunge spricht von den Millionen, die bloß der Alkohol dem Elend, dem Selbstmord, dem Irrsinn in die Arme treibt.
Sehen wir uns einige Zahlen an, die uns diesbezüglich vorliegen. Im Deutschen Reich sind 1885 im Ganzen 1 592 386 Personen durch die öffentliche Armenpflege unterstützt worden; unter den Ursachen der Hilfsbedürftigkeit wird in zwei Prozent der Fälle (ungefähr 32.000) der Trunk angegeben! Sind zwei Prozent die größere Hälfte?
In Preußen wurden von 1869–75 über 21.000 Selbstmorde begangen, von denen 1.787, also 8,5 Prozent, der Trunksucht zugeschrieben wurden.
Nun erklären freilich die Abstinenzler, diese Zahlen seien zu gering, da die Trunksucht und ihre Folgen sich vielfach genauer Beobachtung und Klassifizierung entzögen. Das ist vollständig richtig, beweist aber nur, dass die großen Zahlen, die die Abstinenzler ins Feld führen, nur auf Schätzungen und teilweise sehr willkürlichen Schätzungen beruhen. Aber selbst wenn ihre großen Zahlen eine strenge Prüfung vertrügen, bewiesen sie doch nicht mehr, als dass dort, wo Elend und Verzweiflung herrschen, auch die Trunksucht herrscht. Ob und inwieweit letztere Ursache oder Wirkung ist, darüber sagen sie gar nichts.
Dass aber der Alkoholgenuss weniger Ursache, als vielmehr Wirkung und Begleiterscheinung der sozialen Misere ist, zeigt eine Betrachtung der Prohibitionsstaaten in Amerika, derjenigen Bundesstaaten, in denen der Verkauf berauschender Getränke überhaupt untersagt ist. Müssten diese Staaten nicht wahre Eldorados sein, wenn die Behauptungen der Abstinenzler begründet wären? Sehen wir zu. Der schweizerischen offiziellen Publikation, Zur Alkoholfrage [3] entnehmen wir folgende Zahlen. Sie betreffen die beiden strengsten Prohibitionsstaaten Maine und Vermont, dann den weniger strengen Prohibitionsstaat New Hampshire beziehungsweise die Vereinigten Staaten überhaupt.
Man zählte 1880 auf je 10.000 Einwohner
|
in |
unterstützte |
Idioten |
Irrsinnige |
|
Maine |
49 |
20 |
24 |
|
Vermont |
47 |
24 |
31 |
|
New Hampshire |
59 |
20 |
30 |
|
Vereinigte Staaten |
18 |
15 |
18 |
Maine, Vermont und Hampshire zählen relativ die meisten Armen in den Vereinigten Staaten; Vermont und New Hampshire die meisten Irrsinnigen; Vermont (neben Indiana, das die gleiche Verhältniszahl aufweist) die meisten Idioten.
Vergleichen wir damit die Ergebnisse der Staaten, in denen sich die meisten Branntweinhäuser finden:
Es kommen auf je 10.000 Einwohner
|
in |
Lizenzen zum Kleinverkauf |
unterstützte |
Idioten |
Irrsinnige |
|
Arizona |
195 |
1 |
3 |
5 |
|
Montana |
195 |
– |
4 |
15 |
|
Nevada |
153 |
15 |
3 |
5 |
|
Colorado |
130 |
2 |
4 |
5 |
|
Vereinigte Staaten |
34 |
18 |
15 |
18 |
Nach der Logik der Abstinenzler hätten wir auf diese Zahlen hin das Recht, zu behaupten, die Enthaltung von geistigen Getränken verursacht Elend und Wahnsinn, der Schnaps fördert den Wohlstand und die geistige Gesundheit. Natürlich fällt uns das nicht ein. Aber auf jeden Fall weisen diese Zahlen darauf hin, dass der Alkohol als Ursache des Elends nicht jene gewaltigen Wirkungen übt, die ihm zugeschrieben werden; dass er, wo er mit dem Elend zusammengetroffen wird, in den meisten Fällen dessen Wirkung oder dessen Begleiterscheinung ist, die gleichen Ursprung mit dem Elend hat. Die Unterschiede in der Zahl der Armen und Geisteskranken in den verschiedenen Staaten lassen sich vor Allem auf deren verschiedene Produktionsweisen zurückführen: Die Prohibitionsstaaten sind „alte Staaten,“ in denen die kapitalistische Zivilisation schon lange heimisch ist. Die Staaten der zweiten Reihe dagegen liegen alle in den Wildnissen des fernen Westens.
Die Zustände, die die Abstinenzler schildern, sind zum großen Theil richtig. Freilich, es bedurfte dieser Herren nicht, um nachzuweisen, dass „Laster und Elend“ in unserer Gesellschaft zunehmen. Die Erklärung dieser Zustände durch den Alkohol ist jedoch falsch und durch gar nichts begründet. Der Bourgeoisie freilich kann diese Erklärung recht sein: nicht ihre Ausbeutung, nicht ihre Abrackerung und Aushungerung der Volksmassen, nicht ihre Vergiftung der Lebensmittel, nicht die wachsende Unsicherheit der Existenz, nicht die Krisen, nicht die ständige Revolutionierung der Produktionsmethoden ist an den zahllosen Missständen unserer Zeit Schuld, sondern die Unmäßigkeit der Menschen, das heißt, natürlich, der Proletarier, denn diese sind es, bei denen die Folgen der Unmäßigkeit am meisten hervortreten. So verwandeln sich unter den Händen der Abstinenzler unversehens die Opfer der Missstände der modernen Produktionsweise in die Hauptschuldigen daran, und der Kampf gegen diese Missstände ändert seine Richtung und wendet sich, statt gegen die Ausbeuter, gegen die Ausgebeuteten.
Wir sprechen hier natürlich nicht von dem, was die Abstinenzler mit ihren Agitationen beabsichtigen, sondern von dem, was sie tatsächlich bewirken. Ersteres ist für die soziale Entwicklung höchst gleichgiltig.
1. Herr Maurice von Stern muss natürlich auch aus diesem Gebiet seine Mitstreiter übertrumpfen. In seiner schon genannten Broschüre Alkohol und Sozialismus erzählt er: „In Italien sind sogar neun Zehntel aller Verbrechen unter dem Einfluss der Trunksucht oder im Zustande der Trunkenheit verübt worden.“ (S. 8) Man sollte wirklich glauben, Italien sei besonders die Trunksucht verfallen. Bär dagegen schreibt: „Die Trunksucht ist (in Italien) außerordentlich selten und von keiner sozialen Bedeutung, so dass Gesetzgebung und öffentliche Wohlfahrt sich um sie nicht zu kümmern braucht.“ (Dr. Abraham Adolf Bär, Der Alkoholismus, Seine Verbreitung und Wirkung auf den Individuellen und Sozialen Organismus, Sowie die Mittel Ihn zu Bekämpfen. Berlin, 1878, S. 156). Wie stimmt das, Herr von Stern? Es ist erstaunlich, welche Verwirrung der Alkohol in Köpfen anrichten kann, die ihm völlig entsagt haben. Diese schlimme Wirkung des Alkohols ist von den Temperenzlern noch nicht genügend gewürdigt worden.
2. Dr. Abraham Adolf Bär, Der Alkoholismus, Seine Verbreitung und Wirkung auf den Individuellen und Sozialen Organismus, Sowie die Mittel Ihn zu Bekämpfen. Berlin, 1878, S. 330.
3. Edmund Wilhelm Milliet, Zur Alkoholfrage. Vergleichende Darstellung der Gesetze und Erfahrungen einiger ausländischen Staaten. Zusammengestellt vom eidgenössischen statistischen Bureau. Bern 1884.
Zuletzt aktualisiert am 28. Oktober 2026