Karl Kautsky

Der Alkoholismus und seine Bekämpfung

VI. Wirtshaus und Politik

Die Ausführungen des vorhergehenden Abschnittes dürften vielleicht genügen, zu zeigen, einmal, dass in England Vorbedingungen für das Gedeihen der Enthaltsamkeitsbewegung bestehen, die in Deutschland nicht vorhanden sind; dass daher bei uns nicht einmal der Erfolg von ihr erwartet werden kann, den sie in England gehabt: dann aber, dass, wenn sie Erfolg hätte, derselbe ein störendes Element in der allgemeinen großen Bewegung des Proletariats werden müsste, also durchaus nicht wünschenswert sei.

Wir können jedoch zu dem Gesagten noch einige neue Gesichtspunkte hinzufügen, die es verstärken.

Die Ausdehnung der Bewegung gegen den Alkohol in England und Amerika ist unter anderem auch dem Umstand zuzuschreiben, dass das weitaus wichtigste Volksgetränk dort der Schnaps ist. Namentlich in den Vereinigten Staaten wird oder wurde wenigstens bis vor Kurzem von den Angloamerikanern, soweit sie alkoholhaltige Getränke überhaupt zu sich nehmen, fast nur Branntwein getrunken.

In England wurde ehedem sehr viel Wein konsumiert, und zwar hauptsächlich die Bordeauxweine, eine Weinsorte, die relativ wenig Alkohol enthält. Aber die Handelspolitik Englands unter dem „Bürgerkönig“ William III. (1650–1702) trieb zur Schädigung des Ausfuhrhandels Frankreichs. Die Einfuhr französischer Weine wurde verboten, und dafür die Einfuhr von Weinen aus Portugal gefördert, das durch den Methuenvertrag von 1703 englischen Waren geöffnet ward. Dadurch wurde den Engländern die Vorliebe für die schweren portugiesischen Weine eingeimpft [1], und sie ist ihnen und den Angloamerikanern geblieben, obgleich seit 1831 jede staatliche Bevorzugung dieser Weine aufgehört hat.

Der Wein ist in England immer nur ein Luxusgetränk gewesen. Das eigentliche Volksgetränk war im Mittelalter und bis zum 18. Jahrhundert das Bier. Eine unsinnige Finanzpolitik belegte aber von der Mitte des 17. Jahrhunderts an in rasch steigendem Maße das Bier mit immer höheren Steuern und schraubte dadurch dessen Preis unglaublich hoch empor. Die Produktion der leichteren, billigeren Biere wurde in Folge dessen immer unrentabler.

An Stelle der billigeren Biersorten trat im 18. Jahrhundert auf der einen Seite der Tee, auf der anderen der Branntwein. Beide sind die wichtigsten Volksgetränke geworden. Und Biere und Weine haben immer mehr Ähnlichkeit mit dem Branntwein angenommen; sie sind viel alkoholreicher als die Deutschen. [2]

Unsere leichten Biere und Weine existieren in England (als Volksgetränk) nicht. Der Konsum alkoholhaltiger Getränke hat daher dort (und bei den Angloamerikanern) viel eher schädliche Konsequenzen als in Deutschland; er fordert eher die Gegnerschaft heraus. Aber diese Gegnerschaft wäre wohl gänzlich erfolglos geblieben, wenn es nicht in England ein anderes Volksgetränk gäbe, dass sie dem Alkohol entgegensetzen könnte: den Tee, der in England dieselbe Rolle spielt, wie bei uns die leichteren Biere und Weine.

Die Enthaltsamkeit von geistigen Getränken hat also in England eine ganz andere Bedeutung, als bei uns. Wenn so viele Engländer es für angezeigter halten, den verderblichen Schnaps durch Tee statt durch Bier zu bekämpfen, so folgt daraus noch lange nicht, dass eine erhebliche Anzahl von Deutschen zu derselben Aussicht gebracht werden könne. Die deutschen Biere sind im Vergleich zu den englischen harmlos, und der Teekonsum ist bei uns noch immer nicht eingebürgert. In England ist in jedem Schenklotal, jedem Speisehalls stets Tee bereit. Wer in Deutschland an Stelle von Bier oder Wein bloß Tee trinken will, muss sich auf seine Familie beschränken und auf einige Cafés und Salons der Bourgeoisie. Dem deutschen Abstinenzler aus dem Volk bleibt nur ein Getränk: das Wasser. Dass dies den Bedürfnissen unseres überarbeiteten, nervösen Jahrhunderts allein genügt, dass es dem Proletarier seine Geselligkeit ebenso würzen kann, wie der Schoppen Bier oder Wein, kann höchstens ein deutscher Temperenzler (kein englischer) behaupten. Er wird aber keinen Glauben finden.

Eine deutsche Temperenzbewegung nach englischem Muster setzt voraus, dass in Deutschland englische Verhältnisse bestehen. Bevor die Herren Temperenzler daran gingen, dem Volk sein seit Jahrhunderten eingebürgertes Genussmittel zu nehmen, müssten sie ihm ein anderes bieten. So lange der Tee in Deutschland nicht zum Volksgetränk geworden, fehlt jede Basis einer populären Temperenzbewegung; so lange muss sie die Spielerei einiger bürgerlichen Ideologen bleiben, die sich den Luxus erlauben können, nur an Orten zu verkehren, in denen Tee erhältlich ist. Für den Proletarier bedeutet in Deutschland der Verzicht auf den Alkohol den Verzicht auf jedes gesellige Beisammensein überhaupt; er hat keinen Salon zur Verfügung, er kann seine Freunde und Genossen nicht in seiner Stube empfangen; will er mit ihnen zusammenkommen, will er mit ihnen die Angelegenheiten besprechen, die sie gemeinsam berühren, dann muss er ins Wirtshaus. Die Politik der Bourgeoisie kann desselben entbehren, nicht aber die Politik des Proletariats – wenigstens in Deutschland.

Auch hier finden wir einen großen Unterschied zwischen deutschen und englischen Verhältnissen. Das englische Wirtshaus ist ganz anders organisiert, als das deutsche. Es ist viel kapitalistischer, weniger patriarchalisch. Es ist angelegt auf den möglichst raschen Umsatz bei möglichst geringen Kosten, und das wird nicht erreicht, wenn die Leute stundenlang bei einem Glas Bier sitzen und debattieren. Das englische Wirtshaus ist nur ein Laden, in dem geistige Getränke verkauft werden; es ist so eingerichtet, dass Niemand sich versucht fühlt, länger drin zu bleiben, als absolut notwendig, sein Glas zu leeren, was am Schenktisch stehend geschieht. Von einer Geselligkeit, einem Austausch der Gedanken ist da keine Spur.

Der Proletarier, der in England auf das Wirtshaus verzichtet, verzichtet bloß auf den Alkohol. Seine geselligen und politischen Bedürfnisse hat er anderswo besser zu befriedigen Gelegenheit. An jedem öffentlichen Platz darf, wenn nicht der Verkehr dadurch gehindert wird, eine Versammlung ohne Weiteres abgehalten werden. Dort tauscht das Volk seine Gedanken aus, dort schult es sich zur politischen Tätigkeit. Für den besser situierten Teil des Proletariats kommen daneben noch in Betracht die zahlreichen und rasch sich verkehrenden Arbeiterklubs. In seinem Klub ist der Arbeiter völlig frei, da ist er Herr des Hauses, da hat ihm Niemand etwas drein zu reden, auch nicht die Polizei, so lange er sich keine Ungesetzlichkeit zu Schulden kommen lässt. Dort kann der Arbeiter mit seinen Genossen zusammenkommen und sich besprechen, ohne irgendetwas zu sich nehmen zu müssen. Er verliert also, wenn er ein „Abstainer“ ist, dadurch nicht das Mindeste in seiner Bewegungsfreiheit.

Anders bei uns.

Wie es mit der Vereins- und Versammlungsfreiheit bei uns bestellt ist, brauchen wir unseren Lesern nicht erst auseinanderzusetzen. Jeder weiß auch, wie leicht es ist, auch die dürftigen Rechte zu konfiszieren, die der deutsche Proletarier diesbezüglich besitzt. Das einzige Bollwerk der politischen Freiheit des Proletariers, dass ihm so leicht nicht konfisziert werden kann, ist – das Wirtshaus. Der Temperenzler mag darüber die Nase rümpfen, aber das ändern nichts an der Tatsache, dass unter den heutigen Verhältnissen Deutschlands das Wirtshaus das einzige Lokal ist, in dem die niederen Volksklassen frei zusammenkommen und ihre gemeinsamen Angelegenheiten besprechen können. Ohne Wirtshaus gibt es für den deutschen Proletarier nicht bloß kein geselliges, sondern auch kein politisches Leben.

Unter dem Sozialistengesetz, als alle Vereinigungen der Arbeiter aufgelöst waren und die Sozialdemokratie trotzdem fortfuhr, als einheitlicher politischer Körper fortzuleben, suchten Polizisten und Staatsanwälte mit verzweifelter Rührigkeit nach der geheimen Organisation, die die ganze sozialistische Arbeiterschaft zusammenhalte. Sie übersahen bei ihrem erfolglosen Suchen, dass jedes von Parteigenossen besuchte Wirtshaus einen „Geheimbund“ bildete, der Einmütigkeit im Denken und Handeln verbreitete und den Zusammenhang unter den einzelnen Genossen aufrecht hielt – freilich einen Geheimbund ohne Obere, ohne Satzungen, ja sogar ohne bestimmte Mitgliedschaft: wer eben da war und an den politischen Diskussionen teilnahm, ob aktiv oder passiv, war Mitglied dieses unauflöslichen und immer wieder sich erneuernden Geheimbundes.

Ein Sozialistengesetz, das den Proletariern nicht den Wirtshausbesuch unmöglich macht, wird stets wirkungslos bleiben. Gelänge es dagegen der Temperenzler Bewegung, in Deutschland ihr Ziel zu erreichen und die deutschen Arbeiter in Masse zu bewegen, das Wirtshaus zu meiden und sich außerhalb der Arbeit auf das ihnen so verlockend geschilderte Familienleben zu beschränken: gelänge das den Temperenzlern, dann hätten sie erreicht, was dem Sozialistengesetz niemals auch nur annähernd gelungen: der Zusammenhalt des Proletariats wäre gesprengt, es wäre auf eine Masse zusammenhangloser und daher auch widerstandsloser Atome reduziert.

Diejenigen, die eine Temperenzbewegung nach englischem Muster in Deutschland einführen wollen, mögen auch in dieser Beziehung vor Allem dafür sorgen, dass die Vorbedingungen, die sie in England gefunden, nach Deutschland verpflanzt werden; sie mögen uns englisches Klubwesen, englische Versammlungs- und Vereinsfreiheit schaffen, ehe sie daran gehen, die Arbeiter den einzigen freien Versammlungslokalen zu entfremden, die ihnen in Deutschland geblieben sind. Wenn Pfaffen, denen es an Hörern mangelt, danach trachten, durch Temperenzbestrebungen ihre Schäflein aus dem Wirtshaus in die Kirche zu locken, so ist das begreiflich; sie bieten ihnen wenigstens von ihrem Standpunkt auf einen Ersatz. Aber welchen Ersatz bietet der sozialdemokratische Temperenzler dem Proletarier, dem er die Stätte seiner geselligen und politischen Zusammenkünfte verschließen will?

Es ist ein Glück, dass die Temperenzbewegung unter den deutschen, von den englischen so verschiedenen Verhältnissen gänzlich aussichtslos ist. Wäre sie es nicht, so bildete sie geradezu eine Gefahr für den Emanzipationskampf des Proletariats. Die Vermehrung der Allmacht der Polizei; die Korrumpierung der Politik und die Störung des Klassenkampfes: das sind die einzigen Wirkungen, die sie bei uns erzielen könnte.

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Anmerkungen

1. Bordeauxwein enthält nach Parker 6,86–13 Volumprozent Alkohol, Portwein und Sherry dagegen 16–25 Prozent; letztere kämen als dem Branntwein ziemlich nahe, der zirka 50 Prozent Alkohol enthält.

2. Über den Wein vergleiche die vorhergehende Note. Deutsche Biere enthalten 3–5 Volumprozent Alkohol, dagegen Porter über 7, Ale über 8.


Zuletzt aktualisiert am 28. Oktober 2026