Karl Kautsky

Der Alkoholismus und seine Bekämpfung

VII. Alkoholismus und Klassenkampf

So anscheinend harmlos jene Bewegung ist, die den Alkoholgenuss durch die Vereinstätigkeit bannen will, so birgt sie doch, wie wir gesehen haben, nicht unerhebliche Störungen des proletarischen Klassenkampfes in sich.

Aber nur die wenigsten Temperenzler bleiben bei der bloßen Vereinstätigkeit stehen. Die Behauptung, dass die Menschen nicht mäßig sein können, dass „die Mehrzahl der Menschen der Anlage, wie der Erziehung nach aus schwachen Charakteren besteht“ (Dr. Simon, N. Z., S. 488), ist eigentlich nichts anderes, als eine Paraphrasierung der vom Christentum längst behaupteten angeboren Sündhaftigkeit der menschlichen Natur, die nur durch völlige Entsagung vom Genuss, durch Überwindung aller fleischlichen Gelüste paralysiert werden könne. Aber Viele sind berufen, Wenige auserwählt. Diese wenigen Auserkorenen haben die Pflicht, der sündigen Menschheit ein leuchtendes Beispiel zu geben und sie dadurch zu heben und zu bessern. Dies die Aufgabe der Heiligen des Christentums. Wer aber sollen die Heiligen der Temperenz sein, wer die wenigen starken Charaktere, die im Stande sind, das Beispiel der Entsagung zu geben? „Es ist die Pflicht der gebildeten, der besitzenden, der herrschenden Klasse“ sagt Herr Professor Bunge, „vor Allem durch ihr Beispiel zu wirken.“ Aber er zweifelt selbst daran, dass die Macht des Beispiels von dieser Seite genügen wird. Und so erklärt er denn auch, „dass ein Volk ebenso wenig wie ein Individuum zur Sittlichkeit erzogen wird ohne Zwang. Die Staatsgewalt soll hier eingreifen.“ (a. a. O., S. 19) Und an anderer Stelle sagt er: „die Trunksucht eines Volkes kann nichts anders geheilt werden, als die des Individuums“. (S. 21) Die Trunksucht des Individuums wird aber nicht geheilt durch gute Vorsätze. Der Trunksüchtige ist ein Kranker, er wird zu seiner Heilung behandelt wie ein Unmündiger. Und die Entmündigung des Volkes – darauf läuft schließlich die Temperenzbewegung hinaus. Das Volk wird behandelt wie ein Kind, das erzogen werden muss durch die besitzenden, die herrschenden Klassen, und, soweit diese nicht ausreichen, durch die „Staatsgewalt.“ Was ist aber unter diesem mysteriösen Worte zu verstehen? Die Anschauung, dass die „Staatsgewalt,“ das heißt die Regierung mit ihrem bürokratischen Apparat, moralisch und intellektuell hoch erhaben sei über dem beschränkten Verstand und der beschränkten Sittlichkeit der „Untertanen,“ ist eine Fiktion des „aufgeklärten“ Absolutismus des vorigen Jahrhunderts, der sich seit der französischen Revolution mit derselben Notwendigkeit in den „patriarchalischen“ Absolutismus der Metter Nichtigkeit verwandelte, mit der aus einer jungen Hure eine alte Betschwester wird. Der temperenzlerischen Weisheit letzter Schluss ist also nichts anderes, als die Erziehung des Volkes zur Enthaltsamkeit durch die – Polizei.

Wie wir über die moralischen und pädagogischen Qualitäten der Polizei denken, brauchen wir unseren Lesern nicht erst auseinanderzusetzen.

Wenn wir aber der Temperenzbewegung mit Misstrauen gegenüberstehen und von einer Erziehung des Volkes durch die besitzenden Klassen oder die Polizei nichts wissen wollen, was haben denn wir zur Bekämpfung des Alkoholismus vorzuschlagen? Oder es ist richtig, dass die Sozialdemokratie nur verneinen kann, aber nicht im Stande ist, positive Ideen zu Tage zu fördern?

„Positiv“ im bürgerlichen Sinne sind wir natürlich nicht und können es nicht sein; wir betrachten nicht jeden Missstand der modernen Gesellschaft gesondert, und besitzen keine Rezepte, durch die jeder einzelne derselben für sich allein „rasch, ohne Berufsstörung des Patienten und ohne Schneiden und Brennen, gründlich“ geheilt werden könnte. Wir sind nicht in der Lage, zur Lösung irgendeiner der vielen sozialen Fragen, in die für das bürgerliche Gehirn die „soziale Frage“ zerfällt, ein Spezifikum angeben zu können; zur Lösung der Wohnungsfrage, der Frage der Prostitution, der Auswanderung etc. ebenso wenig, als zur Lösung der Alkoholfrage.

Für uns stehen alle Erscheinungen einer Gesellschaftsform, ihre guten wie ihre schlechten, im engsten Zusammenhang mit einander und mit der Gesellschaft, der sie entspringen. Wer die Trunksucht für sich allein betrachtet, findet natürlich als deren Ursache nichts anderes als das Trinken und weiß keinen anderen Weg zu ihrer Bekämpfung, als die Unterdrückung des Trinkens, sei es durch die Vereinstätigkeit, sei es durch die Polizei.

Wer dagegen die Trunksucht nicht als isoliertes Faktum betrachtet, wer ihren Zusammenhängen mit der gesellschaftlichen Entwicklung nachgeht, der findet ihre Ursachen ganz wo anders als im Trinken.

Natürlich, ohne Trinken keine Trunksucht. Aber die Trunksucht ist das Resultat des Trinkens nur unter ganz bestimmten Verhältnissen, Verhältnissen, die mit Naturnotwendigkeit gekommen sind, die aber durch den Gang der ökonomischen Entwicklung und durch den Klassenkampf des Proletariats von einem gewissen Punkt an wieder überwunden werden. Je mehr das Proletariat an Einfluss im Staate gewinnt, und je mehr die ökonomische Entwicklung die materiellen Grundlagen schafft, deren das Proletariat bedarf, um seinen Einfluss zweckentsprechend zur Geltung zu bringen, umso schwächer werden die Faktoren, die den Alkoholismus geschaffen haben.

Wir haben gesehen, wie die gesellschaftliche Entwicklung die Trunksucht im Proletariat erzeugte durch die Verfälschung der Getränke, durch die Ersetzung von Wein und Bier durch Schnaps, durch Verallgemeinerung von Verzweiflung, Elend und Überarbeit. Diesen Faktoren entgegenzuwirken, das ist die Aufgabe der Sozialdemokratie in der Alkoholfrage; eine Aufgabe, die zusammenfällt mit ihrer großen Aufgabe, die zusammenfällt mit ihrer großen Aufgabe, die Vertreterin der Klasseninteressen des Proletariats zu sein.

Die Interessen des Proletariats erheischen strenge Maßregeln gegen die Verfälschungen der Lebensmittel, die hauptsächlich die ärmeren Klassen treffen. Dadurch wird auch die Verfälschung der Getränke getroffen, die so große Schuld trägt an vielen krankhaften Erscheinungen, die man dem Alkoholgenuss in die Schuhe schiebt. Natürlich helfen die besten Gesetze gegen die Nahrungsmittelverfälschung nur bis zu einen gewissen, auf keinen Fall sehr hohen Grad. Erst wenn es dem Proletariat gelingt, den Übergang der Produktionsmittel in den Besitz des Gemeinwesens durchzuführen, wenn die Warenproduktion beseitigt ist und wieder die Produktion für den Selbstgebrauch der Produzenten herrscht, erst dann wird von Lebensmittelfälschungen keine Rede mehr und diese Quelle des Alkoholismus völlig verstopft sein.

Ebenso wichtig für das Proletariat, wie der Kampf gegen die Verfälschung, ist der gegen die Verteuerung der Lebensmittel, wie sie namentlich aus fiskalischen, aber auch aus schutzzöllnerischen Rücksichten von Staatswegen betrieben wird; dieser Kampf ist aber auch ein Kampf gegen den Schnaps. Man hat vorgeschlagen, den Konsum des letzteren dadurch einzuschränken, dass man ihn durch einen hohen Steuersatz verteuert. Oft war dies „ethische“ Bestreben nur ein Vorwand zu einer Steuererhöhung. Regelmäßig hat dabei Niemand anderer einen Vorteil gehabt, als der Fiskus und die Schmuggler. Eine Vermehrung der Branntweinsteuer hat nirgends etwas anderes gezeitigt, als eine Vermehrung der Zolldefraudationen und der Schnapsverfälschungen. Den Konsum hat eine solche Steuererhöhung weder in Amerika noch in England noch sonst irgendwo auf die Dauer nennenswert verringert.

Wohl aber kann man dem Branntwein sehr erfolgreich entgegentreten dadurch, dass man die unschädlicheren, leichteren Volksgetränke möglichst billig macht. In England ist unter diese vor Allem der Tee zu rechnen. In den meisten Theilen Deutschlands nimmt diese Stellung das Bier ein, in manchen der Wein. Billiges, leichtes Bier und leichter Wein, das sind bei und die besten Mittel, den Branntweinkonsum zu vermindern.

Bär, gewiss kein Verehrer des Alkohols, ist derselben Ansicht. Einige Stellen aus seinem Buche über den Alkoholismus seien hier wiedergegeben: „beigebrachten Tatsachen von dem Verhalten des Alkoholismus in Frankreich – und in anderen Ländern lässt sich ein Gleiches erweisen – zeigen, dass der Alkoholismus und seine vielseitigen, nachtheiligen Folgen in denjenigen Provinzen desselben Landes in demselben Grade zunehmen, als die Weinproduktion ab- und die Spiritusproduktion aus Getreide und Kartoffeln zunimmt. Diese Tatsachen rechtfertigen auch die Ansicht, dass diejenige Staat, der ernstlich darauf bedacht ist, den Branntweinkonsum in seinem Lande zu bekämpfen, sehr wohl daran tut, die Weinkultur mit allen Kräften zu befördern, und dass er den Branntweinkonsum gegenteilig im hohen Grad begünstigt, wenn er den Weinbau erschwert und den Weinkonsum durch hohe Steuern verteuert!“ Er zitiert Jefferson, der sagt: „Keine Nation ist trunksüchtig, wo der Wein billig ist, und keine Nation ist nüchtern, wo durch die Teuerung des Weins die spirituösen Getränke seine Stelle als gewöhnliches Getränk einnehmen. Wein ist das einzige Gegengewicht gegen Whisky.“ [1]

Allerdings, meint Bär, gelte das bloß für Gegenden, die leichten Wein selbst produzieren, nicht für solche, der Wein importieren müssen.

„Mehr als der Wein ist das Bier geeignet, den Branntweinkonsum und die durch diese bedingten Gefahren des Alkoholismus zu vermindern .... Jede Bierbrauerei und jede Bierwirtschaft können deshalb als ein Ort angesehen werden, von dem aus dem Branntwein bekämpft wird .... Das Bier ist der größte Feind des Branntweins, und wenn der Staat die Branntweintrunksucht vermindern will, so muss er die Bierproduktion begünstigen und die Bierkonsumtion auf jede Weise befördern. Jede Erhöhung der Biersteuer ist eine indirekte Begünstigung des Branntweinkonsums ...“ [2]

Das Bier entwöhnt die Bevölkerung allmählig vom Branntwein Genuss und vermindert auf diese Weise die schweren Folgen des Alkoholismus. In Amerika haben einsichtsvolle Anhänger der Mäßigkeitssache die Verbreitung leichten Bieres als eine Maßregel von großem Erfolg in dem Kampfe gegen die Trunksucht im Lande aufs Eindringendeste empfohlen, und mit dem Bier scheint der Deutsche auf amerikanischem Boden die erfolgreichste Propaganda für die Mäßigkeit und für die Enthaltsamkeit von Branntwein zu machen. „Ich glaube,“ sagt Bowditch, „dass die Deutschen wirklich bestimmt sind, die größten Wohltäter für dieses Land zu werden, dadurch, dass sie uns ihr Lagerbier bringen und dass sie nicht wie die Amerikaner scharfe Getränke am Schanktisch genießen. Würden wir (Amerikaner) ihre Sitten annehmen, so würde sich die Unmäßigkeit in unserem Lande sehr bald vermindern.“ [3]

Den Amerikanern erscheinen die Deutschen als Muster von Mäßigkeit. Wozu also eine Verpflanzung der amerikanischen Temperenzbewegung nach Deutschland?

Die Sozialdemokratie bekämpft den Branntweinkonsum aber noch in anderer Weise, als durch das Eintreten für Herabsetzung der Biersteuern. Die Zunahme des Branntweingenusses ist teilweise dem Umstand zuzuschreiben, dass ein immer größerer Bruchteil der Bevölkerung außer Stande ist, Bier, resp. Wein zu kaufen. Dieß rührt aber nicht bloß davon her, dass Bier und Wein zu teuer, sondern auch davon, dass die betreffenden Leute zu arm sind. Jeder Versuch der Arbeiterschaft, eine Lohnerhöhung zu erringen, zielt auch auf Erhöhung des Bierkonsums auf Kosten des Branntweinkonsums. Der Vollblutbourgeois freilich findet es unerhört, dass die Arbeiter etwas anderes trinken wollen als Schnaps. Die Geschichte von den Maurern, die einmal, als es ihnen ausnahmsweise gut ging, eine Flasche Champagner austranken (die Marke wird leider nicht genannt), wurde seiner Zeit von der bürgerlichen Presse als ein Zeichen der gänzlichen Versumpfung der Arbeiterschaft mit derselben sittlichen Entrüstung erzählt, mit der etwa ein freidenkerisches Blatt einen Fall von Notzucht durch einen Geistlichen oder ein frommes Blatt einen Kirchendiebstahl mittheilen würde.

Dadurch, dass die Sozialdemokratie in den Lohnkämpfen immer auf der Zeite des Proletariats steht, fördert sie Bestrebungen, die geeignet sind, den Branntweinkonsum, also den Alkoholismus, zu verringern.

Aber nicht nur durch Verbesserung der Beschaffenheit der Getränke, sondern, und zwar in noch viel höherem Grade durch die Hebung der Trinker, wirkt der Klassenkampf des Proletariats dem Alkoholismus entgegen. Nicht die „Erziehung“ durch die „Staatsgewalt“ und auch nicht die Bevormundung durch die herrschenden Klassen, sondern der Klassenkampf, der mit Naturnotwendigkeit durch die Verhältnisse geboren wird, verleiht dem Proletariat jene Widerstandskraft, die es, wie gegen andere Gefahren, so auch gegen die des Alkohols wappnet.

Soweit das Proletariat sich nach und nach organisiert, Lohnerhöhungen und Verkürzungen der Arbeitszeit, sowie Arbeiterschutzgesetze erringt, gewinnt es wieder an physischer Kraft, was die „giftigen“ Wirkungen des Alkohols in seinen Reihen immer mehr abschwächt. Aber noch viel wichtiger ist sein Gewinn an moralischer Kraft, durch die es immer mehr das Temperenzler Sprichwort zu Schanden macht, dass die Menschen nicht mäßig sein können.

Zwei Hauptquellen des Trunkes im Proletariat sind die Verzweiflung und der daraus resultierende Indifferentismus, der für etwas Anderes, als das Zunächstliegende keinen Sinn hat. Der verzweifelnde Proletarier oder Kleinbürger, der seine Lage für hoffnungslos ansieht, der weiß keine andere Zuflucht, als den Schnaps, um das Bewusstsein seines Elends zu erörtern. Und die Verzweiflung ist es auch, die ihm die ökonomischen Mittel zum Trunk gibt. Denn die Zukunft ist ihm gleichgiltig, er will nur vom Augenblick noch so viel erhaschen, als er kann. Es liegt ihm nichts daran, wenn er seine Arbeitsfähigkeit vorzeitig einbüßt, und unbedenklich deckt er das Defizit, das der Trunk in seinem Budget verursacht, durch Schulden, durch den Verlauf des Notwendigsten, bis er vor seinem physischen und ökonomischen Bankerott steht. Natürlich wird dieser von den Temperenzlern dem Trinken, nicht der Hoffnungslosigkeit des Trinkers zugeschrieben.

Anders geht es mit dem Arbeiter, dem die Sozialdemokratie eine hellere Zukunft für ihn und seine Kinder zeigt. Für diese Zukunft zu arbeiten, sich und seine Kinder geistig und körperlich kampf- und genussfähig zu erhalten, wird seine Lebensaufgabe. Will er dieser nur einigermaßen gerecht werden, dann muss er seinen ganzen Lohn darauf verwenden: zu unmäßigem Alkoholgenuss bleibt nichts mehr übrig; kaum hie und da etwas zu Mäßigem. Alle Arbeiterbudgets, die bisher veröffentlicht worden sind, weisen geradezu lächerlich geringe Summen für alkoholhaltige Getränke auf.

In den drei Frankfurter Haushaltungsbudgets von Arbeitern, die das freie deutsche Hochstift herausgegeben, sind folgende Ausgaben für geistige Getränke verzeichnet:

Der erste Arbeiter, mit seiner Frau und vier Kindern, verbrauchte im Jahre, bei einer Gesamteinnahme von 1045 Mark, 25 Mark 86 Pfennig für Bier, Wein und Branntwein. Die Familie gab also täglich ganze 7 Pfennige für Alkohol aus.

Der zweite Arbeiter, mit Weib und sechs Kindern und einem Jahreseinkommen von 1.148 Mark konsumierte im Haus für 15 Mark Spirituosen. Was er außer Haufe dafür ausgab, ist leider nicht gesondert angegeben; es heißt bloß: Wirtshauszehrung und Tabak 45 Mark 26 Pfennig, Zehrung im Geschäft 95 Mark 20 Pfennig. Der Mann speist Früh und mittags außer Hause und gibt für beide Mahlzeiten ca. 30 Pfennig täglich aus. In der Summe der Ausgaben für Spirituosen im Haus ist eine Extraausgabe enthalten, veranlasst durch das Wochenbett der Frau und die Kindstaufe, die allein zehn Flaschen Bier kostete. „Der Posten Wirtshauszehrung und Tabak setzt sich in der Hauptsache zusammen aus dem Genuss von 1–2 Glas Bier während der regelmäßigen Vereinsstunden und aus dem Genuss von einigen Glas Bier am Samstagabend bei Erledigung der Einkäufe. Ab und zu verzehren auch Mann und Frau bei dieser Gelegenheit einen Handkäse mit Brot oder ein Stückchen Wurst“ (Frankfurter Arbeiterbudgets, S. 62). Die Schlemmer!

Der dritte Arbeiter wird in der Schrift als Trinker bezeichnet. Der Mann mit Frau und einem Kind gab aus für Getränke im Jahr 40 Mark 95 Pfennig, also 11 Pfennige im Tag. Im ersten Halbjahr, wo es ihm sehr schlecht ging, belief sich die Ausgabe auf 9 Mark 46 Pfennig, im zweiten, wo er ein besseres Einkommen hatte, auf 31 Mark 49 Pfennig, also auf die entsetzlich hohe Summe von 19 Pfennigen täglich. Die Besoffenheit des Mannes scheint daher eher einem zu Wenig an Nahrung als einem Zuviel an Alkohol zu entspringen. Die Summe seiner Jahresausgaben betrug 987 Mark. [4]

Je hoffnungsfreudiger der Arbeiter wird, je mehr Interesse er für den Kampf seiner Klasse empfindet, desto mehr Ausgaben bürdet er sich auch für dessen Unterstützung und für die Sicherung der Zukunft auf. Der trinkende Proletarier, das ist derjenige, der ganz in der Gegenwart lebt, dem vor der Zukunft graut, der keinen andern Genuss kennt, als Schnaps und – „Liebe.“ Der Arbeiter, der in der Zukunft lebt, hat zum Saufen kein Geld übrig. Der oben erwähnte Arbeiter, der 25 Mark 86 Pfennig für geistige Getränke ausgab, verausgabte im gleichen Jahr 9 Mark für Bücher und zahlte 17 Mark 76 Pfennig in eine Krankenkasse, 29 Mark 60 Pfennig in eine Pensionskasse.

Je inniger der Antheil, den der Arbeiter an den Kämpfen unserer Zeit nimmt, desto reicher wird sein Leben an moralischen und geistigen Genüssen, desto geringer die Rolle, die der Alkohol für ihn spielt, desto mehr wird ihm der Alkoholgenuss bloßes Mittel zum Zweck der Vereinigung mit seinen Genossen, desto mehr hört er auf, Selbstzweck zu sein.

Und je mehr der Arbeiter in seinen Kämpfen an Selbstvertrauen gewinnt, desto mehr steigt in ihm das Gefühl der Selbstachtung, desto mehr hütet er sich vor der Besoffenheit.

Der Bourgeois liebt es – und die Temperenzler pflichten seinen Argumenten bei – sein Widerstreben gegen Lohnerhöhungen und Verkürzungen der Arbeitszeit damit zu motivieren, dass diese Konzessionen die Lage der Arbeiter nicht besserten, sondern ihnen bloß mehr Mittel und Zeit zum Wirtshausbesuch gäben, also die Versoffenheit steigerten. Erst sollten die Arbeiter Temperenzler werden, ehe sie das Recht hätten, derartige Konzessionen zu verlangen.

Wir wollen nicht leugnen, dass Verbesserungen in der Lage der Arbeiter unter Umständen eine Zunahme der Unmäßigkeit unter ihnen verursachen, nämlich dann, wenn diese Verbesserungen Arbeitern zu Theil werden, die nur ihre nächsten Augenblicksinteressen kennen, und dem Klassenkampf des Proletariats noch völlig fremd gegenüberstehen, so dass sie die Lohnerhöhungen und sonstige Konzessionen nicht planmäßigem, bewussten Vorgehen, sondern einem glücklichen Zufall zu verdanken haben. Wenn zum Beispieleine Eisenbahn in einer vom Weltverkehr abgelegenen Gegend gebaut wird, so wird die starke Nachfrage nach Arbeitern, welche dort durch diesen Bau bewirkt wird, die Löhne verhältnismäßig hoch hinauftreiben. Dass dann eine Bevölkerung, die bis dahin in bitterem Elend gelebt, und die keine Aussichten hat, daraus dauernd sich zu befreien, eine vorübergehende Besserstellung vornehmlich dazu benutzt, sich den einzigen Genuss, den sie kennt, ausgiebiger zu verschaffen, kann nicht Wunder nehmen. Ganz anders liegt jedoch die Sache dort, wo, wie es meist der Fall, Verbesserungen der Arbeiterverhältnisse das Resultat der Bestrebungen einer bewusst und planmäßig auf ihre eigene Hebung hinarbeitenden Arbeiterschicht sind. Jede derartige Verbesserung bedeutet einen Schritt weiter in der Abwendung vom Alkoholismus.

Wir besitzen nicht den Muth mancher Statistiker der Temperenzsache und sind daher nicht in der Lage, diese unsere Behauptungen zahlenmäßig zu belegen. Aber wir glauben, es bedarf dessen auch nicht. Jeder, der in der Arbeiterbewegung sich umgesehen, weiß, dass die Verhältnisse sich tatsächlich so verhalten, wie hier mitgeteilt.

Soweit die Trunksucht im Proletariat in der heutigen Gesellschaft wirksam bekämpft werden kann, geschieht es ohne besondere Bewegung durch den allgemeinen proletarischen Klassenkampf.

Aber wie jeder andere Missstand der kapitalistischen Produktionsweise, kann auch der Alkoholismus durch den Klassenkampf des Proletariats nur bis zu einem gewissen Grad eingedämmt werden. Völlig verschwinden kann er nur mit ihr, die ihn geschaffen hat und immer wieder neu erzeugt.

Als auf dem Hallenser Parteitag ohne irgendwelchen Widerspruch der Satz vom ehernen Lohngesetz begraben wurde, da jubelten unsere Gegner auf und taten, als ob wir damit auch den revolutionären Charakter unserer Bewegung begraben hätten; als ob wir dadurch, dass wir anerkannten, eine gewisse Hebung der Lage des Proletariats sei innerhalb der heutigen Gesellschaft möglich, auch eine Versöhnung des Proletariats mit dieser Gesellschaft für möglich erklärt hätten. Wenn die Herren das Kapital von Marx kennen würden – nicht Jeder, der es gelesen hat, kennt es, und nicht Jeder, der darüber spricht und schreibt, hat es gelesen – so hätten sie gewusst, dass die Überwindung des ehernen Lohngesetzes nichts Neues ist, und dass sie gerade in dem ihnen so verhassten, dem so revolutionären Kapital bereits 1867 geschehen ist. Sie wüssten auch, wenn die Literatur des wissenschaftlichen Sozialismus ihnen nicht völlig unbekannt wäre, dass Marx die Möglichkeit einer Hebung der Arbeiterklasse in unserer Gesellschaft bereits 1847 erkannt hatte, zu einer Zeit, wo die dahingehenden Bestrebungen der Arbeiter von den Ökonomen mit Berufung auf das Ricardo6rsquo;sche Lohngesetz ebenso heftig bekämpft wurden, wie von den damaligen Sozialisten, die jeden Versuch, die Lage der Arbeiterklasse in der heutigen Gesellschaft zu heben, für wahnwitzig, für einen Verrat an der Arbeitersache erklärten. Marx war auch der erste, der auf dem Kontinent Europas die Bedeutung der beiden wichtigsten Mittel der Hebung der Arbeiterklasse durch den Klassenkampf erkannte und betonte. Die Rolle, welche die Gewerkschaftsbewegung im Klassenkampf des Proletariates zu spielen berufen ist, erkannte er schon 1847 [5], indes für die meisten anderen Sozialisten des europäischen Festlandes die Produktivgenossenschaft oder die Organisation des Kredits noch zwei Jahrzehnte nach diesem Datum den einzigen Punkt bildete, der für die in ökonomischer Beziehung von Interesse war. Und Marx war auch der erste, der im Kapital einem nicht=englischen Publikum die Bedeutung einer Arbeiterschutzgesetzgebung klar und eindringlich vor Augen führte.

Die Überzeugung, dass schon in der heutigen Gesellschaft eine gewisse Hebung wenigstens eines Teiles der Arbeiterklasse durch den Klassenkampf möglich ist und tatsächlich vor sich geht, bildet einen integrierenden Bestandteil der Marxschen Auffassung der gesellschaftlichen Entwicklung. Aber Marx hat auch die Grenzen erkannt, bis zu denen diese Hebung möglich ist. Sie kann unter der kapitalistischen Produktionsweise nie einen Grad überschreiten, von dem an sie die Akkumulation des Kapitals ernstlich bedroht. In Wirklichkeit aber nähert sie sich diesem Grad nicht nur nicht, sondern entfernt sich von ihm immer mehr. Die Ausbeutung des Arbeiters hat unter der kapitalistischen Produktionsweise die Tendenz, stets zu wachsen, womit eine gewisse Verbesserung der Lebenshaltung und der Arbeitsbedingungen des Proletariats sehr wohl Hand in Hand gehen kann, wenn die Produktivkraft der Arbeit entsprechend steigt. Je größer die Ausbeutung, umso schärfer der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit. Die Hebung der Lage der Arbeiter kann nie auf die Dauer so weit gehen, sie zufrieden zu machen, sie wird stets nur das Resultat haben, sie intellektuell, physisch und ökonomisch so zu kräftigen, dass sie den Gegensatz zu ihren Ausbeutern immer bitterer empfinden und ihm immer kräftigeren Ausdruck verleihen.

Und wie der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit im Besonderen, verschärft sich auch der Gegensatz zwischen den geltenden gesellschaftlichen Einrichtungen und ihren Produktivkräften im Allgemeinen immer mehr und mehr. Immer mächtiger werden die Krisen, immer gewaltiger wachsen die Produktivkräfte der Gesellschaft über den Kopf, nur mühsam noch gebändigt durch die riesenhafteste Verschwendung (zum Beispiel den Militarismus) und durch künstliche Monopole (Kartelle), wodurch aber die Leiden des größten Theils der Bevölkerung zusehends vermehrt werden und die Unerträglichkeit der heutigen Gesellschaft auch für weite Kreise außerhalb des Proletariats gesteigert wird.

Die Hebung der Lage mancher Proletarierschichten wird immer weniger eine kontinuierliche, wird öfter und öfter durch immer länger dauernde, immer tiefergreifende und weiterverbreitete Krisen unterbrochen. Die Hebung wird immer mehr eine bloß moralische: die wenigen guten Jahre dienen fast nur noch dazu, versunkene Arbeiterschichten aus ihrem Schlummer aufzurütteln, ihnen neue Bedürfnisse, neue Ideen, ein neues Kraftbewusstsein einzuflößen, ohne ihnen erhebliche materielle Verbesserungen zu bringen, welche die dem Klassenkampf neu gewonnenen Proletariermassen auch nur vorübergehend befriedigen könnten.

Und das Tempo, in dem die Hebung der verschiedenen Arbeiterschichten vor sich geht, in dem sie eine nach der andern, von der allgemeinen Arbeiterbewegung ergriffen werden, ist im Allgemeinen ein viel langsameres, als das Tempo, in dem gleichzeitig die großen Prozesse vor sich gehen, die den untersten tiefst stehenden Proletarierschichten immer wieder neue Rekruten zuführen: die Prozesse der Auflösung von Handwerk, Kleinbauerntum und Kleinhandel, der Auflösung der Familie, der Verdrängung der qualifizierten Arbeiter durch Maschinen, die von wenigen Handlangern bedient werden.

Diese Prozesse sind es gewesen, die seit dem Beginn der kapitalistischen Produktionsweise die Verbreitung der Trunksucht im Volk am meisten gefördert haben. Nicht das kämpfende industrielle Proletariat, sondern das Lumpenproletariat, das verkommende Kleinbürger= und Bauerntum und diejenigen Lohnarbeiterschichten, die noch kein eigenes Klassenbewusstsein erlangt haben, die noch im kleinbürgerlichen oder kleinbäuerlichen Ideenkreise fortvegetieren, sie sind es, die den größten Theil der Opfer des Alkohols liefern.

Sowie unter der heutigen Produktionsweise die Masse des Elends in der Nation immer mehr wächst, trotzdem immer weitere Schichten des Proletariats an der „aufsteigenden Klassenbewegung“ Theil nehmen, so muss auch die Trunksucht im Volke immer mehr wachsen, so lange die heutige Gesellschaft besteht, trotzdem immer mehr Proletarier an Widerstandskraft nicht bloß gegen das Kapital, sondern auch gegen den Alkohol zunehmen. Der Klassenkampf des Proletariats kann den Triumphzug des Alkoholismus in der kapitalistischen Produktionsweise verlangsamen, kaum aber in einen Rückzug verwandeln. Dies wird erst dann möglich, wenn eine gänzliche soziale Umwandlung der fortschreitenden Proletarisierung der Bevölkerung ein Ende macht.

Neben der Verzweiflung ist es noch ein anderes Moment, das die Trunksucht im Kleinbürgertum fördert. Auch dem Alkohol gegenüber zeigt sich die Zwitternatur des Kleinbürgers. Halb Proletarier, halb Bourgeois, wird er nicht bloß von proletarischen, sondern auch von bürgerlichen Motiven zum Suff getrieben. Geht es ihm schlecht, dann säuft er, um sich zu betäuben, und geht es ihm gut, dann säuft er, wie schon die alten Zunftmeister in Nachahmung ihrer „gnädigen Herrn“ getan, aus Protzenhaftigkeit, um groß zu tun, um zu zeigen, dass er etwas aufgehen lassen kann, und aus Langerwelle, weil er in seiner Unwissenheit und seinem „Individualismus“ für die großen, weltbewegenden Fragen unserer Zeit, die ihn persönlich nicht berühren, kein Interesse empfindet, und weil er keinen andern Zeitvertreib kennt, als Kartenspielen und Zechen. Was vom Kleinbürger, gilt auch von dem noch im kleinbürgerlichen Ideenkreis befangenen Proletarier in den wenigen Augenblicken, in denen er mehr besitzt, als er gerade braucht.

Dass dieselben Motive den Großbourgeois, wenn auch mitunter in verseinerter, raffinierter Weise, zum Trunk treiben, haben wir schon einmal erwähnt. Wie die Zunahme des Elends in dem unteren Schichten des Volkes die Trunksucht immer mehr anwachsen lässt, so die Zunahme der Ausbeutung in den oberen Schichten. Es wächst nicht nur die Zahl der Bourgeois, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit und ihrem Geld anfangen sollen, es wächst auch die Zahl der von ihnen abhängigen Lakaienexistenzen, die ihrem Herrn helfen müssen, die Zeit tot zu schlagen als weibliche und männliche Geliebte, Schauspieler, Musiker, Salondichter etc. etc., es wächst die Zahl der Schmarotzer, der charakterlosen Genussmenschen.

In diesen Kreisen hat Herr Professor Bunge wohl seine Studien gemacht, als er zur Überzeugung kam, dass die Menschen nicht mäßig sein können. Die Menschen können es allerdings nicht sein. Sie haben nur die Wahl zwischen der Orgie und der Askese. Und oft genug verfallen sie unvermittelt aus der einen in die andere. Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich bekanntlich die Tugend zu Tische. Junge Wüstlinge werden im Alter leicht die fanatischsten Tugendbolde, und vom moralischen und physischen Katzenjammer zur Temperenz ist ein sehr kleiner Schritt. In einer ähnlichen Situation, wie der heutigen, hat das Christentum mit seiner Weltflucht Wurzel gefasst; heute begeistert sich unsere Bourgeoisie für Schopenhauer und Tolstoi, für die Enthaltung von jedem fleischlichen Genuss, warum nicht für Bunge, für die Enthaltung von jedem „geistigen“ Genuss?

Die Versuche, in der deutschen Bourgeoisie eine Temperenzbewegung zu inszenieren, erscheinen uns weder unbegreiflich noch aussichtslos – aussichtslos ist bloß das Beginnen, den Alkoholismus dadurch aus der Bourgeoisie zu bannen –; im kämpfenden Proletariat dagegen, in der Sozialdemokratie, hat eine solche Bewegung keinen Zweck und keine Aussichten.

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Anmerkungen

1. Dr. Abraham Adolf Bär, Der Alkoholismus, Seine Verbreitung und Wirkung auf den Individuellen und Sozialen Organismus, Sowie die Mittel Ihn zu Bekämpfen. Berlin, 1878, S. 529.

2. Dr. Abraham Adolf Bär, Der Alkoholismus, Seine Verbreitung und Wirkung auf den Individuellen und Sozialen Organismus, Sowie die Mittel Ihn zu Bekämpfen. Berlin, 1878, S. 530–531.

3. Dr. Abraham Adolf Bär, Der Alkoholismus, Seine Verbreitung und Wirkung auf den Individuellen und Sozialen Organismus, Sowie die Mittel Ihn zu Bekämpfen. Berlin, 1878, S. 533. A reference to Henry Ingersoll Bowditch (1808–1892), an American physician and prominent Christian abolitionist.

4. Ein Temperenzler berichtet in einer Broschüre, er habe in Zürich „approximativ berechnet, dass der Arbeiter durchschnittlich 25–30 Prozent seines Einkommens für Alkohol ausgibt.“ Auch ein Pröbchen der „approximativen“ Ungeheuerlichkeit temperenzlerischer Mathematik.

5. Man vergleiche das zweite Kapitel, § 5, Strikes und Arbeiterkoalitionen im Elend der Philosophie.


Zuletzt aktualisiert am 28. Oktober 2026