Karl Kautsky

Handelspolitik und Sozialdemokratie

9. Welthandel und Sozialismus

a) Der Kampf gegen das Schutzsystem

Im jetzigen Reichstag wird der Charakter der deutschen Handelspolitik des kommenden Jahrzehnts festgesetzt werden. Aber wenn es auf ihn und die Regierung allein ankäme, dann hätte das Kartell der Junker und Scharfmacher gewonnenes Spiel. Die Reichsregierung hat bereits vor ihnen kapituliert, und Zentrum wie Nationalliberale haben sich den Konservativen verschrieben.

Aber noch gibt es einen Faktor im Deutschen Reich, dessen Stimme nicht ungehört verhallt, wenn sie mit gehörigem Nachdruck ertönt: Die Masse des Volkes. Diese gegen das Kartell und seine Privilegienpolitik mobil zu machen, darin beruhen die einzigen Aussichten auf Erfolg aller Derjenigen, die dein Brotwucher und einer abenteuerlichen und gewalttätigen Handelspolitik widerstreben.

Mit der klaren, entschiedenen und rücksichtslosen Agitation der Agrarier werden aber Jene nicht fertig, die sich auf den gleichen prinzipiellen Boden mit ihnen stellen und nur um ein Mehr oder Minder von Zollschutz für den oder jenen Artikel feilschen. Der agrarischen Agitation muss man den Kampf gegen das ganze System entgegensetzen, mit dem sie unzertrennlich verbunden ist, von dem sie bloß die schönste Blüthe bildet. Man muss dem System des Schutzes der nationalen Arbeit die Maske vom Gesicht reißen, muss es brandmarken als das, was es heute für einen Industriestaat wie Deutschland geworden ist, als ein Mittel des Schutzes für einzelne Gruppen von Ausbeutern der nationalen Arbeit, als ein Mittel, die Macht gerade der mächtigsten und stärksten Ausbeuter nicht bloß gegenüber dem Ausland, sondern auch gegenüber ihren Arbeitern und gegenüber der Gesamtheit zu erhöhen und trotz oder vielmehr wegen seiner künstlichen Förderung einzelner Erwerbszweige die Entwickelung der gesamten Produktivkräfte der Nation einzuengen; als ein Mittel ferner, politische Korruption zu säen, die jeder Privilegienwirtschaft folgt, als ein Mittel, die Macht der Negierungen zu stärken, die Volksvertretungen zu schwächen, indem die Zölle den Ersteren viele Hunderte von Millionen zuführen, die unabhängig sind vom Bewilligungsrecht des Parlaments; als ein Mittel, den Militarismus zu fördern, endlich als ein Mittel, die Lasten des Staates von den wohlhabenden auf die besitzlosen Klassen abzuwälzen, als ein Mittel, das von vornherein in feindseligem Gegensatz zu den demokratischen, arbeitenden Klassen auftritt und daher naturgemäß in engster Verbindung mit Kampfesmaßregeln gegen diese zu finden ist.

Und weiter muss man zeigen, dass dies Bündnis der Negierung und der Scharfmacher mit den Junkern nicht auf Missverständnissen, nicht auf der Unwissenheit der Ersteren, sondern darauf beruht, dass sie aus dem System, dem die Getreidezölle entspringen, ebenfalls Macht und Vorteile schöpfen, dass man mit den Getreidezöllen nur fertig wird, wenn man mit den, System fertig wird, dessen aufreizendste Äußerung sie bilden, dass die Aussichten, den Brodwucher einzudämmen, um so bessere sind, je schwächer nicht bloß die Junker, sondern auch die Regierungen und die Unternehmerorganisationen.

So wird der Kampf gegen das Schutzsystem ein Kampf des Proletariats gegen dieselben Gegner, denen es auf Schritt und Tritt begegnet. Je wuchtiger es ihn führt, je größer seine Erfolge dabei, desto mehr verbessert es seine Position nicht bloß als Konsument, sondern auch als Produzent. Auch da heißt es:

Brod ist Freiheit, Freiheit Brod!

Sollte es dem kämpfenden Proletariat gelingen, durch seinen Ansturm außerhalb des Reichstags diesen vor dem Schlimmsten zu bewahren, eine Erhöhung der Getreidezölle abzuwehren, eine Fortsetzung der Politik friedlicher Handelsverträge zu erreichen, so würde es dadurch aber nicht bloß seinen Klasseninteressen, sondern auch den allgemeinen nationalen Interessen einen großen Dienst erweisen.

Denn das Deutsche Reich steht vor der Gefahr, dass es zu seiner uferlosen Weltpolitik eine ebenso uferlose Zollpolitik gesellt, die hier wie dort Gewaltpolitik ist, hier wie dort das Reich in Feindseligkeiten mit dem Ausland stürzt, deren schließliche Folgen unabsehbar, deren nächste Folgen die schwersten Störungen und Belastungen des wirtschaftlichen Lebens sind.

Wir sind in eine Periode der wirtschaftlichen Krise eingetreten, die über die arbeitenden Klassen die schwersten Leiden verhängt. Das war unabwendbar, das bringt der Lauf der kapitalistischen Produktionsweise mit sich, bei der die Krise umso größer und umso näher, je größer die Prosperität. Aber die Machtmittel moderner Staatskunst sind groß genug, dass sie den Krisen nicht völlig hilflos gegenübersteht. Der moderne Staat kann durch sein Eingreifen sehr wohl die Folgen der Krisen mildern.

Wir sehen jedoch nicht, dass irgendetwas derartiges geschieht. Unsere ganze Staatskunst geht vielmehr darauf hinaus, die Krise zu verschärfen. Sie fordert Hunderte von Millionen, nicht zur Beschäftigung Arbeitsloser, sondern zur Führung eines überseeischen Krieges, der völlig zwecklos geworden ist und der bisher nur die eine Wirkung hat, ein fremdes Land, das als einer unserer meist versprechenden Kunden gilt, zu verwüsten und seinen Handel lahmzulegen.

Und nun schickt man sich an, inmitten der Krise das Brod künstlich zu verteuern und durch Zollkriege, die um dieser Verteuerung willen zu entbrennen drohen, zur unabwendbaren noch eine künstliche Krise zu gesellen!

Es kann keine patriotischere Tat geben, als diese Art "Schutz der nationalen Arbeit" im Keimezu ersticken.
 

b) Das nahende Ende der Arbeitsteilung von Agrarstaat und Industriestaat

Was Deutschland jetzt ebenso sehr wie seine Arbeiterklasse braucht, ist eine Ära friedlicher Handelspolitik, basiert auf Handelsverträgen, die allmählig das Reich und die von ihm beeinflussten Staaten dem Freihandel, oder wenn man lieber will, dem freien Verkehr zuführen.

Aber wir geben uns keineswegs der Illusion hin, dass damit für immer alle handelspolitischen Probleme gelöst wären. Im Gegenteil, bald werden neue auftauchen, die sich nicht so einfach lösen lassen.

Die Theorie des Freihandels, wie sie in England begründet wurde, beruhte auf der internationalen Arbeitsteilung von Industriestaat und Agrarstaat, von Industrieprodukten exportierendem und Agrarprodukte exportierendem Staat. Diese Theorie hat in ihrer spezifisch englischen Form Schiffbruch gelitten; in dieser Form ging sie von der Annahme aus, dass England die Werkstatt der Welt sei und alle anderen Lander als Agrarstaaten zu fungieren hätten. Neben England sind andere Industriestaaten erstanden, aber wie sehr dadurch auch die Schutzzöllnerei in ihrer neuen Form gefördert worden sein mag, jeder Industriestaat muss in irgendeiner Form auch die Freihandelslehre wieder entwickeln, die von der Arbeitsteilung von Industriestaat und Agrarstaat ausgeht. Diese Erneuerung des Freihandels wird allerdings kompliziert dadurch, dass jetzt nicht ein einzelnes Industrieland das Monopol hat, die Werkstatt der Welt zu sein, sondern dass mehrere solcher Werkstätten nebeneinander in Tätigkeit sind. Aber der Grundgedanke der Handelspolitik der Industriestaaten bleibt der alte: sie bilden sich ein, sie allein seien dazu berufen, eine Exportindustrie zu entwickeln, und die anderen für immer dazu bestimmt, ihnen Lebensmittel und Rohstoffe zu liefern.

Das ist jedoch eine Illusion, die ebenso gewiss und vielleicht ebenso rasch zusammenbrechen muss, wie die Illusionen der Freihändler, die auf Cobden schwuren. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass die Stellung eines Agrarstaats einem Industriestaat gegenüber eine untergeordnete ist, dass demnach alle Länder, die sich in der ersteren Position befinden, danach trachten und trachten müssen, in die letztere aufzurücken.

Dieser Vorgang geht stetig und unaufhaltsam und immer rascher vor sich, weil er durch die wachsende Auswanderung der sich anhäufenden Kapitalien und den zunehmenden Export von Produktionsmitteln aus den alten Industrieländern gefördert wird. Dank diesem Umstande erstehen heute Industrien auch in Ländern, die sich keines oder keines erheblichen Zollschutzes erfreuen.

So zahlen z. B. in Britisch-Ostindien Eisen- und Eisenwaren nur einen Zoll von 1 Prozent des Wertes, Maschinen sind frei, ebenso Baumwollgarne; Baumwollzeuge und andere Baumwollfabrikate zahlen 3½ Prozent vom Wert u. s. w., und trotz dieser minimalen Zölle entwickelt sich doch eine leistungsfähige Großindustrie. Die Zahl der Baumwollfabriken z. B. stieg dort von 1883–1897 von 62 auf 154, der Spindeln von 1.654.000 aus 3.976.000, der Arbeiter von 53.600 auf 1.149-600. Die Ausfuhr von Baumwollwaren betrug 1889 63,7 Millionen Rupien, 1896 83,4, dabei sank die Einfuhr von 315,0 auf 257,6, also die Mehreinfuhr von 251,3 auf 174,2 Millionen Rupien; die Zeit ist nicht fern, wo das vom freihändlerischen England beherrschte Ostindien in seiner Baumwollindustrie von dem herrschenden Lande unabhängig sein wird.

Weder der Mangel an einheimischem Kapital noch der Mangel an Schutzzöllen bietet heute mehr ein Hindernis für das Auskommen einer leistungsfähigen Großindustrie. Diese Annahme gehört in die Rumpelkammer der Nationalökonomie. Das wichtigste Hindernis, das vielfach noch ihrer Ausbreitung im Wege steht, das ist der Mangel an leistungsfähigen Arbeitern, der Mangel an einer zahlreichen, besitzlosen und doch intelligenten und arbeitsfähigen Lohnarbeiterschaft. Wo diese fehlt, nützen alle Schutzzölle nichts, wo sie vorhanden, kann die industrielle Entwickelung auch ohne Schutzzölle ihren Gang gehen. Ihrer Arbeiterschaft danken Japan und die Vereinigten Staaten die rapide Entwickelung ihrer Industrie, sie wird auch in China bald eine starke Großindustrie schaffen, sobald es ganz in den Weltverkehr gezogen.

Wir gehen also einem Zeitpunkt entgegen, in dem die Arbeitsteilung zwischen Industriestaaten und Agrarstaaten immer mehr eingeengt wird dadurch, dass die ersteren immer mehr über die letzteren überwiegen. Sobald so viele Agrarstaaten zu Industriestaaten geworden sind, dass der Rest nicht mehr ausreicht, den gesamten Export der Industriestaaten aufzunehmen und ihnen die nötige Summe von Lebensmitteln und Rohmaterialien zu liefern, dann hat diese Arbeitsteilung ihr äußerstes Ziel erreicht.

Man glaube aber nicht, dass es sich dabei um eine Zukunft in nebelgrauer Ferne handelt. Bereits ist Amerika in die Reihe der industriell exportierenden Staaten getreten, Russland wird in absehbarer Zeit soweit sein, seinen eigenen Industriebedarf zu decken, wenn es auch, so lange der Absolutismus herrscht, an eine Konkurrenz auf dem Weltmarkt nicht denken kann; Japan, Ostindien, Australien, Kanada, bemühen sich, Industriestaaten zu werden; selbst Mexiko, Argentinien, Chile, Südbrasilien wirken dahin und China verspricht nach wenigen Jahrzehnten eine weit größere industrielle Macht zu sein, als sie etwa Russland heute ist. Wenn aber dieser Masse von Industriestaaten gegenüber nur noch Vorderasien, Afrika, Zentralamerika und die tropischen Teile von Südamerika als Agrarländer übrigbleiben, dann ist die Basis für die Arbeitsteilung zwischen Agrarstaat und Industriestaat viel zu enge geworden.

Neben dem Austausch von Waren ersteht freilich ein neuer Faktor für den internationalen Handel, die Ausfuhr von Kapitalien, die internationale Verschuldung. Ein reiches kapitalistisches Land kann als Gläubiger des Auslandes noch Waren ausführen (als Zahlung von Darlehn) und einführen (als Zahlung von Schuldenzinsen), wenn es auf- gehört hat, Waren gegen Waren zu tauschen, und in der Tat wird jene Form der Ausfuhr in alten Industrieländern immer wichtiger im Verhältnis zu dieser. Aber auch diese Quelle der Ausfuhr wird schließlich versiegen, da die neuen Industrieländer alle früher oder später so weit kommen, nicht nur technisch, sondern auch ökonomisch von den alten unabhängig zu werden, nicht nur selbst Alles zu produzieren, was sie an Massenartikeln brauchen, sondern auch ihre Schulden ans Ausland zu bezahlen.

Die Vereinigten Staaten, die bis vor Kurzem noch die Schuldner Europas waren, fangen an, die Rolle eines Gläubigers im internationalen Kreditverkehr zu spielen. Wir wollen ganz absehen davon, dass es noch andere Formen gibt, die Zahlung von Zinsen los zu werden, als die der Zahlung der Schulden. Wenn die aufstrebenden Industriestaaten alle früher oder später dazu gelangen, ihre Schulden zu bezahlen, so gelangen vielleicht die an das agrarische Stadium gefesselten Agrarstaaten am ehesten zur Schuldenfreiheit durch den Staatsbankerott. Von der Neigung und Geschicklichkeit dafür haben gerade die oben als letzte Agrarstaaten bezeichneten Landstriche schon genügende Proben abgelegt.

Es ist nicht zu erwarten, dass der aus den internationalen Verschuldungsverhältnissen entspringende Warenhandel den aus der Arbeitsteilung zwischen Agrarstaat und Industriestaat entspringenden lange überlebt.

Damit fallen aber die Grundlagen weg, die bisher jene rasche Ausdehnung des industriellen Exports ermöglichten, welche eine Lebensbedingung entwickelter kapitalistischer Industriestaaten geworden ist.

Was dann?

Dann muss unfehlbar der Augenblick kommen, wo das jetzige Handelssystem ebenso zusammenbricht, wie das Manchestertum in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre zusammengebrochen ist.

Unsere bürgerlichen Ökonomen und Staatsmänner erkennen das selbst an, daher sehn sie sich denn auch schon nach Mitteln um, den Augenblick des Zusammenbruchs wenigstens für ihr Land möglichst hinauszuschieben. Diese Mittel streben aber alle nach einer Verschärfung der Richtung, welche die neuere Schutzpolitik eingeschlagen. Diese trachtet danach, durch Staatshilfe den großen Industrien die Monopolisierung des inneren Marktes zu ermöglichen. Nun soll den großen Industrien durch Staatshilfe auch die Monopolisierung eines ausgedehnten äußeren Marktes ermöglicht werden. Kommt die neuere Schutzpolitik nur den großen, kartellierten Industrien auf Kosten der Gesamtheit und der schwächeren Industriezweige zugute, so ist diese neueste Phase der Schutzpolitik nur für die größten der industriellen Großstaaten möglich – Amerika, England, Deutschland.
 

c) Neuere Zollvereinsbestrebungen

Eine Reihe von Ideologen haben zur Erreichung dieser Monopolisierung eines äußeren Marktes das friedliche Mittel eines Zollvereins vorgeschlagen. So entstanden in den Vereinigten Staaten die panamerikanischen Pläne, das Streben, alle Staaten Nord- und Süd-Amerikas in einen Zollbund zusammenzufassen, in dem die Union natürlich die Rolle des Industriestaates zu spielen hätte, die anderen sich mit der bescheidenen von Agrarstaaten begnügen müssten. Ähnliche Bestrebungen lagen den Plänen zur Schaffung eines „größeren Britannien" zu Grunde, eines Zollvereins, der England mit seinen Kolonien umfassen sollte. Für Deutschland endlich sollte ein mitteleuropäischer Zollverein einen großen äußeren Markt schaffen, von dem es die englische und amerikanische Konkurrenz fernhalten könnte.

Diese Pläne sind auf den ersten Blick sehr bestechend, und der Schreiber Dieses muss gestehen, dass er wenigstens den amerikanischen und englischen auch eine Zeitlang einige Bedeutung beigemessen hat. Aber bei näherem Zusehen erweisen sie sich als vollständig utopisch.

Der Hinweis auf den 1833 begründeten deutschen Zollverein ist völlig unangebracht; dieser hatte ganz andere Aufgaben und entsprang ganz anderen Voraussetzungen, als die heutigen Zollvereinspläne. Er war ein Produkt der eigenartigen politischen Zerstückelung Deutschlands, das in unzählige, bunt durch einander gewürfelte Landfetzen zerfiel, die alle zusammen ein einheitliches Wirtschaftsgebiet bildeten und die in ihrer Trennung weder ein selbständiges politisches noch ein selbständiges wirtschaftliches Leben zu führen vermochten.

Die heutigen Zollvereinspläne wollen dagegen Staaten in einer Zolllinie zusammenfassen, von denen jeder ein selbständiges politisches und ökonomisches Leben führt, die auf den verschiedensten Stufen der Entwickelung stehen, von denen daher jeder einer anderen Handelspolitik bedarf. Alle handelspolitischen Gegensätze, die innerhalb eines Staates als Klassengegensätze auftreten können, finden sich hier als staatliche Gegensätze. Den gegensätzlichen Klassen wird schließlich durch eine herrschende Klasse, welche die Staatsgewalt besitzt, eine einheitliche Handelspolitik aufgezwungen; bei einem Zollverein souveräner Staaten könnte die Einheitlichkeit der Handelspolitik nur durch freiwillige Vereinbarung erreicht werden. Man versuche einmal, eine solche zwischen Schutzzöllnern und Freihändlern, zwischen Grundbesitzern einerseits, Importeuren von Lebensmitteln und Exporteuren von Industrieprodukten andererseits herbeizuführen.

Bei den heutigen hochgradigen handelspolitischen Gegensätzen führt politische Selbständigkeit stets auch zu selbständiger Handelspolitik, ist die politische Zusammenfassung und Unterordnung unter eine gemeinsame Staatsgewalt die Vorbedingung der Zollgemeinsamkeit, und nicht umgekehrt, wie es im alten deutschen Zollverein der Fall gewesen. Während unsere deutschen Ideologen vom Fallen der Zollschranken zwischen den Staaten Mitteleuropas träumen, ist die einzige Veränderung in den Zollschranken, die immer näher rückt, das Ausrichten neuer. Die politische Unabhängigkeit Ungarns von Österreich zieht das Streben der Ungarn nach Schaffung eines eigenen Zollgebiets mit eigener Handelspolitik nach sich.

Aber unsere Konkurrenten sind nicht besser daran. Die panamerikanischen Pläne, die vor zehn Jahren so lebhaft waren, sind seitdem wieder eingeschlafen. Die verschiedenen amerikanischen Länder zeigen gar keine Lust, die Vereinigten Staaten als die einzige Werkstatt für sie und sich bloß als Lieferanten für diese Werkstatt zu betrachten.

Und dasselbe gilt vom größeren Britannien. In England wurde der Gedanke eines das ganze Reich mit seinen Kolonien umfassenden Zollvereins im letzten Jahrzehnt lebhaft propagiert. Aber er hat in den Kolonien keine Gegenliebe gefunden. Als gelegentlich des Jubiläums der Königin 1897 die Premierminister der Kolonien sich in London zusammenfanden, legte Chamberlain ihnen den Plan vor, aber die Kolonialminister fanden es nicht einmal der Mühe wert, ihn in einer Kommission zu begraben, sondern l Huten ihn von vornherein ab. Seitdem ist es ganz still geworden von der Idee eines britischen Reichszollvereins.
 

d) Weltkrieg oder Sozialismus

Sind aber die Bestrebungen der industriellen Großmächte, durch einen friedlichen Zollverein selbständiger Staaten einen Teil des Weltmarkts zu monopolisieren, in letzter Zeit mehr in den Hintergrund getreten, so ist zu umso größerer Bedeutung die Idee gelangt, dasselbe Ziel durch das Mittel der Eroberung von Agrarländern zu erreichen, durch die Politik der Expansion, des gewalttätigen Imperialismus. Amerika hat seine panamerikanische Politik fallen gelassen, aber Cuba, Puerto Rico und die Philippinen annektiert, in England beschäftigt man sich nicht mehr mit dem Zollverein, sondern mit der Eroberung der Burenrepubliken, und Deutschland hat eine Bahn der Welt- und Flottenpolitik eingeschlagen, die zu ähnlichen Zielen zu führen verspricht. Auf dieser Bahn gibt es kein Aufhalten, hat man sie einmal betreten. Es wachsen Kapital und Arbeit im eigenen Lande, es wächst die Zahl der konkurrierenden Industrieländer, indes die der Agrarländer sich verringert. Bald werden diese, soweit sie noch frei, völlig aufgeteilt sein, und dann gibt es zur weiteren Ausdehnung des monopolisierten Gebiets nur noch einen Weg: nicht mehr den Kampf zwischen Industriestaat und Agrarstaat, sondern den blutigen Kampf der großen Industriestaaten, untereinander, also den Weltkrieg.

Dies ist das unvermeidliche Ziel der heutigen Weltpolitik; nicht die Launen einzelner Machthaber drängen dahin, sondern die eherne Notwendigkeit der ökonomischen Bedürfnisse, die die modernen Industrienationen dem Verderben entgegentreibt, selbst wenn sie es erkennen sollten. Auch Ökonomen und Politiker, die einsehen, dass ein Weltkrieg heute ein unabsehbares Elend schaffen, dass er für die ganze Kulturmenschheit die Zustände des dreißigjährigen Kriegs erneuern musste, auch sie drängen zum Wettrüsten, zur Expansionspolitik, und sie müssen es tun – wenn sie auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft stehen.

Denn nur vom Standpunkt der heutigen Produktionsweise, die auf der Arbeitsteilung von Industriestaaten und Agrarstaaten und auf steter Zunahme der industriellen Ausfuhr aus den ersteren, der agrarischen Ausfuhr aus den letzteren ausgebaut ist, nur von diesem Standpunkt aus ist der Weltkrieg unvermeidlich.

Er ist aber nicht unvermeidlich vom proletarischen, vom sozialistischen Standpunkt aus. Der Weltkrieg ist nur die eine Alternative des heutigen, seinem Zusammenbruch entgegeneilenden Welthandelssystems; die andere ist die sozialistische Gesellschaft.

Alle die Gegensätze, die in der heutigen Gesellschaft zum Weltkrieg treiben, hören in einer sozialistischen Gesellschaft auf.

Die Notwendigkeit, die industrielle Ausfuhr und die agrarische Einfuhr stetig zu steigern, die das kapitalistische System für jeden Industriestaat mit sich führt, besteht in einer sozialistischen Gesellschaft nicht. Es ist die stete Anhäufung und Ausdehnung des Kapitals, welche diese Notwendigkeit heute erzeugt. Die Triebkraft der Produktion bildet unter dem kapitalistischen System das Streben nach Kapitalprofit. Das Verlangen nach Erweiterung des Kapitalprofits ist maßlos, daher auch das kapitalistische Streben nach Erweiterung der Produktion und Erweiterung des Marktes, wobei aber die Erweiterung der Produktion, wenn Kapital und Arbeitskräfte in genügendem;! Maße vorhanden, stets noch rascher voranzugehen strebt, als die Erweiterung des Marktes, was zu Krisen führt, die sich immer wieder erneuern.

In einer sozialistischen Gesellschaft bildet dagegen nicht der Profit, sondern das Bedürfnis der Gesellschaftsmitglieder die Triebkraft der Produktion. Ihre Art und ihr Umfang wird nur durch dieses bestimmt; sie erweitert sich nur in dem Maße, in dem der Bedarf der Gesellschaftsmitglieder wächst. Der innere Markt – wenn man in einer sozialistischen Gesellschaft von einem solchen sprechen kann – wird jetzt ausschlaggebend für dee Produktion; das Bedürfnis, Industriewaren im Übermaß zu erzeugen, um sie den Agrarländern aufzudrängen, existiert nicht, ebenso wenig die Notwendigkeit der Arbeitsteilung von Industrieland und Agrarland. Die Gegensätze zwischen Exportindustrien hier und aufkeimenden Industrien dort, ebenso wie die zwischen inländischer und auswärtiger Landwirtschaft, die heute so schroffe nationale Gegensätze erzeugen, sie hören auf und damit wird die bedeutendste der heutigen Ursachen von Kriegen verstopft, wird die Notwendigkeit großer Weltkriege beseitigt.
 

e) Export von Waren oder von Menschen

Freilich, es gibt Leute, welche da meinen, unser heutiges Handelssystem entspringe nicht sozialen, sondern natürlichen Ursachen. Unsere Bevölkerung wachse zu rasch, darum reiche die Landwirtschaft Deutschlands nicht aus, sie zu ernähren; Deutschland habe bloß die Wahl, entweder Industrieprodukte auszuführen, um dafür jene Lebensmittel einzukaufen, die es nicht in genügendem Maaße hervorbringen könne, oder Menschen auszuführen. Mit einem Worte, unser heutiges Welthandelssystem entspringe nicht dem Kapitalismus, sondern der Übervölkerung.

Wäre das richtig, dann umso mehr schlimmer für Deutschland, dann könnte keine soziale Änderung ihm helfen, dann bliebe ihm aber schließlich auch kein anderer Ausweg übrig, um seiner wachsenden Bevölkerung Ellbogenraum zu schaffen, als eben – der Weltkrieg, um auf Kosten Englands oder Frankreichs oder Amerikas einen größeren Markt für seine Industrieprodukte, eine größere Menge Lieferanten von Rohstoffen und Lebensmitteln für seine Konsumenten zu monopolisieren.

Aber zum Glück ist die obige Annahme ebenso falsch, wie sie weit verbreitet ist.

Die deutsche Landwirtschaft in ihrer heutigen Form ist allerdings unfähig, das deutsche Volk völlig zu ernähren. Aber man vergesse nicht, dass der deutschen Lebensmitteleinfuhr heute eine stattliche, vom Staate geförderte Ausfuhr agrarischer Produkte gegenübersteht, worunter in erster Linie der Zucker zu nennen. Wenn diese, kapitalistischen Bedürfnissen entspringende Ausfuhr aufhörte und die dadurch freiwerdende Bodenfläche zur Produktion von Lebensmitteln für den Konsum der deutschen Bevölkerung verwendet würde, so könnten durch diese Umwandlung allein schon erhebliche Mengen Lebensmittel für den inneren Konsum erzeugt werden.

Der Bau von Zuckerrüben erforderte 1898/1899 426.458 Hektar, von dem Produkt von 1.627.000 Tonnen Zucker gingen nicht weniger als 939.000 in Ausland, also das Produkt von rund 250.000 Hektar. Diese könnten bei rationeller Kultur 400.000 Tonnen Getreide bringen, also mehr als ein Drittel unserer Weizenmehreinfuhr entbehrlich machen.

Aber noch viel mehr könnte durch eine rationellere Bodenkultur geleistet werden. Dass die heutige landwirtschaftliche Produktion in Deutschland noch eine sehr irrationelle ist und durch eine Verbesserung der Betriebstechnik noch weit höhere Erträge erzielt werden könnten, wird Niemand bestreiten wollen, Professor Th. v. d. Goltz, keineswegs ein Phantast, sondern ein sehr nüchterner Fachmann, berechnete 1893, dass es sehr leicht wäre, “durch bessere Kultur die Getreideerträge um 4–8 Zentner [1] pro Hektar durchschnittlich zu steigern ... Bei einem Mehrertrag von 8 Zentner beträgt die Erhöhung der Produktion bei sämtlichem Getreide rund 109 Millionen Zentner. In letzterem Fall würde das Deutsche Reich seinen Bedarf an Getreide, sofern dieser sich in Zukunft nicht erhöht, reichlich zu decken im Stande sein, ja noch ein Beträchtliches für die Ausfuhr übrigbehalten”.

Wir sehen hier ganz ab von kühneren Berechnungen, die auf großen technischen Neuerungen, z. B. der Einführung der Elektrizität in die Landwirtschaft, basieren.

Aber alle diese Verbesserungen der Landwirtschaft würden einen Aufwand von viel Kapital und Arbeitskräften erfordern, und den kann die Landwirtschaft heute schwer aufbringen, weil die Grundrente sie belastet und das Anwachsen der Exportindustrie naturnotwendig billige Lebensmittel und Rohstoffe ins Land bringt und der Landwirtschaft Arbeitskräfte entzieht. Wir müssen nicht Industrieprodukte exportieren, weil wir Lebensmittel und Rohstoffe importieren, sondern wir müssen umgekehrt diese importieren, weil wir jene exportieren. Getreidezölle verschlimmern nur das Uebel durch Steigerung der Grundrente.

Erst der Sozialismus kann da gründlichen Wandel schaffen, indem er die Grundrente beseitigt, den Gegensatz von Stadt und Land aufhebt und der Landwirtschaft neue Arbeitskräfte zuführt, endlich indem er die industrielle Überproduktion und die Notwendigkeit der steten Erweiterung des industriellen Exports beseitigt.

Wenn Deutschland heute Lebensmittel importieren muss, so ist das eine soziale, nicht eine natürliche Notwendigkeit, eine Notwendigkeit, die nur so lange dauert, wie die bestehenden gesellschaftlichen. Verhältnisse herrschen.

Man kann noch auf anderem Wege zu dem gleichen Ergebnis kommen: Die kapitalistische Großindustrie und damit die Notwendigkeit des industriellen Exports wächst in Deutschland rascher als die Bevölkerung.

Während die Gesamtbevölkerung von 1882–1895 um 14,5 Prozent wuchs, nahm die Zahl der Erwerbstätigen um 17,8 Prozent zu, die Zahl der Erwerbstätigen in der Industrie wuchs sogar um 29,5 Prozent, die Zahl der Lohnarbeiter uni 67,8 Prozent, und endlich die Zahl der Arbeiter in den gewerblichen Großbetrieben um 88,7 Prozent. Man sieht, das Wachstum der Bevölkerung ist ganz unzureichend, das Wachstum der Großindustrie und damit auch des Exports zu erklären.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus; das Wachstum der Großindustrie erzeugt das Wachstum der großindustriellen Bevölkerung. Da das natürliche Wachstum der letzteren allein nicht hinreicht, dem anwachsenden Kapital die nötigen Arbeitskräfte zu liefern, zieht es noch Arbeitskräfte von anderen Bevölkerungsschichten heran.

Während die Gesamtbevölkerung um 14,5 Prozent wuchs, vermehrte sich die Zahl der im Kleingewerbe beschäftigten Personen nur um 10 Prozent. Man wird also wohl sagen können, dass rund ein Drittel des natürlichen Bevölkerungszuwachses im Kleingewerbe von dem aufstrebenden Großgewerbe in Anspruch genommen wurde. Die Landwirtschaftliche Bevölkerung hat aber direkt abgenommen, von 19.225.000 Personen auf 18,501,807. Da kein Grund vorhanden ist, anzunehmen, dass der natürliche Zuwachs der Landbevölkerung ein geringerer war, als der durchschnittliche, so wird er von 1882–1895 ungefähr 2.750.000 Köpfe betragen haben. Da aber gleichzeitig die Landwirtschaftliche Bevölkerung eine Abnahme von 724,000 aufwies, hat sie binnen 18 Jahren rund 3.500.000 Personen an andere Berufe abgegeben, sicher den Löwenanteil davon an das Großgewerbe.

Aber auch das genügte nicht seinem Menschenhunger. Ausländer müssen noch herangezogen werden, Teils um sein Ausbeutungsbedürfnis zu stillen, Teils um die Lücken auszufüllen, die es in der Landbevölkerung reißt. Die Zahl der Ausländer in Deutschland betrug 1871 206.755, 1895 486.190, sie hat sich mehr als verdoppelt, während die Gesamtbevölkerung nur um ein Viertel wuchs.

Und da behauptet man, das Wachstum der Exportindustrie sei eine Folge des natürlichen Wachstums der Bevölkerung!

Wenn dem so wäre, woher kommt es, dass wir in allen kapitalistischen Industrieländern das Streben nach steter Erweiterung des industriellen Exports finden, ganz einerlei, wie sich das Verhältnis zwischen natürlichem Wachstum der Bevölkerung und dem der im Inland produzierten Lebensmittelmenge gestaltet? Wir finden es nicht Klos in Deutschland und England, sondern auch in Frankreich, dessen Bevölkerung stille steht, zeitweise schon zurückgeht, und auch in den Vereinigten Staaten, die doch einen recht erklecklichen Überschuss an Lebensmitteln erzeugen.

Das Wort Caprivi’s, wir hätten nur die Wahl, Industrieprodukte zu exportieren oder Menschen zu exportieren, ist also ganz falsch, wenn als absolute Wahrheit genommen! es ist eine Erzeugung des liberalen Gedankenganges, der es liebt, soziale Gesetze als Naturgesetze aufzufassen.

Die Notwendigkeit, Industrieprodukte auszuführen, um sie gegen agrarische Produkte auszutauschen, ist ein Produkt der fortschreitenden Akkumulation des Kapitals und wird mit der kapitalistischen Produktionsweise verschwinden.

Damit wird aber nicht der gesamte Welthandel verschwinden. Auch in der heutigen Gesellschaft ist der aus der Arbeitsteilung von Industriestaat und Agrarstaat, sowie der aus der Ausfuhr von Kapitalien entspringende Welthandel nur ein Teil des gesamten Welthandels; neben ihm erhält sich und entfaltet sich mit der Verbesserung und Erweiterung der Mittel des Weltverkehrs jener Welthandel, der nicht auf sozialer, sondern auf natürlicher Arbeitsteilung beruht, auf den Verschiedenheiten der Klimate, der Bodengestaltung, des Bodenreichtums. Diese Art Welthandel wird unter einem sozialistischen Regime noch wachsen, weil unter ihm die Kultur wachsen wird, die Bedürfnisse sich mannigfaltiger gestalten werden. Sie wird aber keine Handelseifersucht, keine nationalen Gegensätze, keine Handelskriege erzeugen, denn dieser Welthandel braucht nicht dem Auslande Erzeugnisse aufzudrängen, welche dieses selbst hervorbringen kann, sie braucht nicht danach zu streben, die industrielle Entwickelung des Auslandes zu hemmen, denn das Wachstum der Produktivkräfte des Auslandes liegt dann im Interesse auch des Inlandes.

Der Weltfrieden und der soziale Frieden, den der bürgerliche Freihandel zu bringen glaubt, wird dann zur Wahrheit werden.

Von dem Zeitpunkt, in dem das Proletariat die politische Macht erobert und damit die Bahn zur Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft eröffnet, hangt es ab, ob uns die Schrecken eines oder Reihe von Weltkriegen, Krisen und Katastrophen erspart werden oder nicht. Die Art der sozialen Entwicklung der nächsten Jahrzehnte hängt davon ab, ob das Klassenbewusste, organisierte Proletariat rascher erstarkt als die Machtmittel des kämpfenden Kapitals wachsen, ob es der Arbeinereiterklasse gelingt, die Staatsgewalt von sich abhängig zu machen, ehe noch das heutige System der gewaltsamen Expansionspolitik und der gewaltsamen Handelspolitik die Kulturnationen für lange hinaus in unabsehbare Verwirrung, Zwietracht und Verwüstung getrieben hat.

Der Sozialismus wird und muss kommen, aber die soziale Entwicklung wird eine ganz andere, beglückendere und schmerzlosere sein, wenn er aus dem politischen Sieg des erstarkten Proletariats im Klassenkampf und nicht aus dem Zusammenbruch des heutigen ökonomischen Systems im Völkerkrieg hervorgeht, wenn sein neues Leben nicht aus Ruinen erwächst, sondern aus der überwältigenden Kraft des größten Kulturfaktors unserer Zeit, des kämpfenden Proletariats.

*

Anmerkung

1. In the modern metric (decimal) system, a standard German Zentner is defined as exactly 50 kilograms. It represents a traditional unit of weight equivalent to 100 German pounds (Pfund).


Zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 1923