Karl Kautsky

Krisentheorien

1. Einleitendes

Kein Mensch mit gesunden fünf Sinnen zweifelt mehr daran, dass wir uns inmitten einer allgemeinen Weltkrise befinden. Hatten sich bisher Italien und die Vereinigten Staaten noch von ihr frei gehalten, so mehren sich die Anzeichen, dass auch dort die Prosperitätsepoche ihrem Ende entgegengeht. Herr Hitze meint zwar noch, dass „Herr Bernstein mit Verständnis und mit Erfolg die Krisentheorien auf ihren wahren Wert zurückgeführt hat“, aber dunkel ist dieser Rede des katholischen Professors Sinn, und manche seiner Kollegen sind bereits in jenem fatalistischen Stadium angelangt, in dem sie sich über die Krise damit trösten, dass sie eine unvermeidliche Naturerscheinung sei, in die man sich ebenso schicken müsse, wie in den Tod. Die Natur scheint für diese Herren mit dem Jahre 1825 zu beginnen, denn dies ist das erste des Krisenzyklus, um den es sich hier handelt. Die weniger fatalistisch Veranlagten werden ethisch, machen in moralischer Entrüstung und suchen die Grundursache der Krisen in der Schlechtigkeit einzelner Menschen, welche die Dummheit der Anderen – darunter viele der sittlich Entrüstetsten – zu allerlei unsauberen Spekulationen missbrauchen. Man lege diesen schlechten Kerlen das Handwerk durch eine zweckmäßige Aktiengesetzgebung, und das „Publikum“, die „Sparer“, das heißt die kleinen Kapitalisten und solche, die es werden wollen, können ruhig schlafen, denn eine hochwohlweise Behörde wacht über ihren Dividenden.

Diese sittliche Entrüstung ist freilich bequemer als die Erforschung der Krisenursachen, die keine so einfache Sache ist. Fast ein Jahrhundert lang wird die kapitalistische Welt durch den Kreislauf von Prosperität und Krise gepeinigt und von einer Einmütigkeit in der Erklärung dieser Erscheinung ist man heute vielleicht noch weiter entfernt, wie zur Zeit ihrer Anfänge.

Kein Beitrag zur Einigung auf diesem Gebiet, aber wohl ein wichtiger Beitrag zu seiner Erforschung ist das Buch des gemaßregelten russischen Privatdozenten M. v. Tugan-Baranowsky, das gerade zur rechten Zeit im vorigen Jahre erschienen ist. [1] Es ist kein Beitrag zur Einigung, da es zu den schon bestehenden eine neue Krisentheorie hinzugesellt, die keineswegs auf allgemeine Annahme rechnen kann. Aber es ist ein wichtiger Beitrag zur Erforschung des Wesens der Krisen, indem es eine wohldokumentirte und nach fruchtbarer Methode entwickelte Geschichte der englischen Krisen gibt und auch durch manche seiner theoretischen Ausführungen zur Erhellung des Gegenstandes beiträgt. Niemand, der die Theorie der Krisen studieren will, darf achtlos an diesem Buche vorbeigehen.

Der Verfasser ist aus der Marxschen Schule hervorgegangen, allerdings kein „orthodoxer“ Marxist, sondern ein „Revisionist“, aber immerhin einer, der tiefer gräbt, um eine Lösung für die Probleme und Bedenken zu finden, die ihm aufstoßen. Und er gehört zu den bedeutendsten jener Revisionisten, die wissenschaftlich Positives zu leisten suchen, nicht in unfruchtbarer Kritik aufgehen. Seine dem deutschen Publikum bereits bekannte Geschichte der russischen Fabrik [2] ist ein vortreffliches Werk, unseres Erachtens noch höherstehend, als das vorliegende. So sehr die Gewissenhaftigkeit, das Wissen und der Scharfsinn des Verfassers auch in diesem letzteren zur Geltung kommen, so haben wir doch gegen sehr wichtige, grundlegende Partien desselben erheblichen Bedenkens. Da aber eine eingehende Auseinandersetzung mit Tugan zu einer schärferen Beleuchtung des Wesens der Krisen führen muss, dürfte sie gerade jetzt sehr zeitgemäß sein.

Wir werden dabei trachten, so allgemeinverständlich als möglich zu werden. Immerhin können wir nicht umhin, um den Standpunkt des Verfassers zu charakterisieren, seine Kritik der Marxschen Profittheorie in den Kreis unserer Untersuchung zu ziehen. Jenen unserer Leser, die derartige rein theoretische Untersuchungen nicht lieben – und heute ist der horror vor der Theorie so groß, dass man leider mit solchen Lesern rechnen muss – ihnen sei gleich hier die tröstliche Mittheilung gemacht, dass sie das Kapitel über die Profitrate überschlagen können. Das weiter folgende wird so gehalten sein, dass es auch ohne dieses Kapitel verständlich ist.

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Anmerkungen

1. Dr. M. v. Tugan-Baranowsky, Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England. Jena: Gustav Fischer, 1901. VIII, 425 S.
https://archive.org/details/studienzurtheori00tuga.

2. Dr. M. v. Tugan-Baranowsky, Geschichte der russischen Fabrik, vom Verfasser revidierte deutsche Ausgabe von Dr. B. Minzes. Berlin: E. Felber, 1900. VI, 626 S.
https://archive.org/details/bub_gb_KcYzAQAAMAAJ.


Zuletzt aktualisiert am 21. Oktober 2026