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Dass die Krisen eine Folge der Überproduktion sind, das ist ein Satz, der nachgerade zum Gemeinplatz geworden ist, den Niemand mehr bestreitet. Aber damit ist das Problem der Krisen noch lange nicht gelöst; denn es fragt sich, woher denn die Überproduktion kommt und wie es möglich, dass Überproduktion, also ein Übermaß von Reichtum, ein Übermaß von Noth und Elend erzeugt.
Für das bürgerlich beschränkte Hirn, dem die Gesetze der Warenproduktion als Naturgesetze erscheinen, existiert freilich das letztere Problem nicht. Bei der Arbeitslosendebatte meinten die bürgerlichen Redner fast alle, die Krisen seien bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich, denn selbst bei sozialistischer Regelung der Produktion ließen sich zum Beispiel die Ernten nicht regulieren. Diese guten Leute halten es also einfach für selbstverständlich, dass eine gewisse Vermehrung des Reichtums unter allen Umständen Krisen, Noth und Elend hervorruft. Und doch brauchten sie sich nur die Verhältnisse einer für den Selbstgebrauch, nicht für den Verkauf dienenden Wirtschaft, etwa einer urwüchsigen bäuerlichen Hausgenossenschaft, vorzustellen, um zur Erkenntnis zu kommen, dass dort eine Überproduktion alles Andere, nur nicht Noth und Elend hervorzurufen vermag. Fällt etwa eine Getreideernte zu reichlich aus, so wird der Überschuss über den eigenen Konsum aufbewahrt, um in Zeiten schlechter Ernten das Defizit zu decken. Ist der Überschuss ein so gewaltiger, dass die Scheuern und Dachböden ihn nicht zu fassen vermögen, dann verfüttert man das Weitere an das Vieh. Vermag auch dieses nicht des Segens Herr zu werden, dann muss eben der Rest desselben verkommen. Aber dass Menschen Hunger leiden, weil sie zu viel Getreide geerntet – das für selbstverständlich zu halten und daraus den Schluss zu ziehen, dass auch der Sozialismus der Krisen nicht Herr werden könne, dass sie, wie Herr Pachnicke Hand in Hand mit Herrn Hitze uns belehrte, „in der Natur der Menschen und der Dinge liegen“, dazu muss man zur Elite der bürgerlichen Intelligenz zählen, als Abgeordneter oder Professor an einer Universität – sei sie von katholischer oder voraussetzungsloser Sorte.
Allerdings unter der Warenproduktion wird der Zusammenhang von Überproduktion und Krise selbstverständlich. Denn sie ist die Produktion von Privatproduzenten, die unabhängig voneinander produzieren, von denen jeder produziert, was er nicht braucht, und jene Produkte, die er braucht, durch Vermittlung des Geldes von anderen Produzenten eintauscht. Auf dieser Wirtschaftsstufe kann ich in der Regel kein Produkt konsumieren, das ich nicht gekauft und bezahlt habe. Ich kann aber nicht kaufen und zahlen ohne Geld, und Geld bekomme ich – abgesehen von Raub, Erpressung und ähnlichen Methoden – nur dadurch, dass ich meine eigenen Produkte oder meine Arbeitskraft verkaufe. Ich kann also nicht konsumieren, wenn ich keinen Käufer für meine Waren gefunden habe. Die Überproduktion bringt es aber notwendiger Weise mit sich, dass eine Reihe von Waren unverkauft bleibt, ihre Besitzer also nicht zu Gelde kommen, nicht kaufen, nicht konsumieren können und so, wenn sie aus dem Verkauf der betreffenden Waren allein ihren Lebensunterhalt ziehen, in Noth und Elend geraten.
Nur dort, wo zum Verkauf produziert wird, nie dort, wo zum Selbstgebrauch produziert wird, kann aus der Überproduktion eine Krise entstehen. Dies von der sozialistischen Gesellschaft zu behaupten, ist sinnlos.
Aber die Warenproduktion macht es nicht bloß erst möglich, dass aus der Überproduktion eine Krisis entspringt, sie gibt auch dem Begriff der Überproduktion selbst eine neue Gestalt.
Bei der Produktion für den Selbstgebrauch ist Überproduktion gleichbedeutend mit einer Produktion über die gegebene Konsummöglichkeit hinaus. Nicht aus ihr, sondern nur aus Unterproduktion kann in diesem Stadium Noth und Elend entstehen. Daher trachtet da jede weiterblickende Wirtschaft, wahrscheinlich auch jede sozialistische Gesellschaft, ständig nach einem gewissen Grad von Überproduktion über den normalen Konsum hinaus, um unerwartete Ausfälle der Produktion wie auch einen unerwarteten Mehrbedarf auszugleichen.
Unter der Warenproduktion heißt dagegen Überproduktion Produktion über den Bedarf des Marktes, das heißt über die Nachfrage der geldbesitzenden Konsumenten hinaus. Die anderen Konsumenten zählt man zu den Lumpen, die sich begraben lassen sollen, die wenigstens aus dem Leben des Marktes ausscheiden. Die Nachfrage des Marktes ist aber eine Größe, die in ganz anderem Grad wechselt, als die absolute Konsumfähigkeit der Menschen. Durch die verschiedensten Einflüsse wird der Markt heute enorm erweitert, morgen enorm verengt, was heute Unterproduktion war, wird morgen zur Überproduktion, diese wird ein sehr relativer Begriff.
Wie eine derartige relative Überproduktion durch ein Stocken der Geldzirkulation geschaffen werden kann, dafür nur ein Beispiel.
Nehmen wir an, die Industrie werde repräsentiert durch einen Schneider, die industrielle Produktion durch zwei Röcke. Ihr stehe gegenüber die Landwirtschaft als „innerer Markt“ der Industrie in Gestalt zweier Bauern, von denen der eine einen Sack Getreide als Überschuss seiner Wirtschaft auf den Markt bringt, der andere ein Fass Wein und ein Goldstück. Er sei der einzige Geldbesitzer, und das Fass Wein, der Sack Getreide, ein Rock seien gleichwertig.
Kauft der Weinbauer um 20 Mark einen Rock, so erhält der Schneider Geld, womit dieser den Sack Getreide kauft. Der Getreidebauer verwendet das dadurch erhaltene Geld, um dem Schneider seinen zweiten Rock abzukaufen, der Schneider steht sich nun in der Lage, dem Weinbauern sein Fass Wein abzunehmen. Am Ende der Transaktion hat der Schneider Wein und Getreide, jeder Bauer einen Rock und der Weinbauer auch seine 20 Mark wieder. Alles ging vortrefflich in dieser besten aller Welten.
Aber anders sähe die Sache aus, wenn der Weinbauer entweder es vorzöge, sein Goldstück in den Strumpf zu stecken oder aus sonst einem Grunde es ablehnte, dem Schneider seinen Rock abzukaufen und lieber bei seinem alten Kittel bleibe. Jetzt haben wir die Überproduktion des einen Rockes. Aber da der Schneider für diesen keinen Käufer fand, hat er auch kein Geld, dem anderen Bauern sein Getreide abzukaufen, und diesem fehlt nun ebenfalls das Geld, dem Schneider seinen zweiten Rock abzunehmen. Der Schneider hungert und der Bauer friert, und doch sind Getreide und Rock vorhanden, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Am Ende wird aber der Weinbauer selbst für seinen Geiz bestraft, denn er wird nun auch seinen Wein nicht los. Noth und Elend überall.
Natürlich kommen die Dinge in Wirklichkeit nie so einfach und so krass vor, wie wir sie hier der Anschaulichkeit wegen geschildert. Aber die Grundlinien einer Krise nicht aus absoluter, sondern aus relativer Überproduktion, sind hier gegeben. Dies Beispiel zeigt uns aber auch wieder einen neuen Begriff: Die Krisis rührt daher, dass der eine Bauer nicht sein ganzes Einkommen in Nachfrage nach Konsummitteln verwandelte, dass er mehr produzierte und verkaufte, als er konsumierte, also aus der Unterkonsumtion.
Diese Unterkonsumtion ist jedoch eine zufällige Erscheinung. Aber die Krisen sind nur in den Anfängen der Warenproduktion gelegentliche, unberechenbare Vorkommnisse. Seit 1825 finden wir einen Krisenzyklus von ungefähr zehn Jahren.
Die erste große industrielle Krise brach in England nach den napoleonischen Kriegen 1815 aus. 1825 kam die zweite, die dritte 1836, die vierte 1847, dann wieder eine 1857, eine 1866, 1874; nun folgte ein Niedergang bis 1879, ein leiser Aufschwung bis 1883, abermals ein Niedergang, ohne förmliche Krisis, bis 1886, dann Aufschwung bis 1890, Niedergang von 1891 bis 1895, Aufschwung von 1895 bis 1900, von da an wieder Niedergang.
Dieser periodische Wechsel von Prosperität und Depression, welch letztere in der Regel durch einen geschäftlichen Zusammenbruch eingeleitet wird, das ist die Erscheinung, die wir hier zu untersuchen haben, nicht die Krisen überhaupt. Eine jede erhebliche Stockung der Warenzirkulation bedeutet eine geschäftliche Krisis, solche Stockungen können aber aus den verschiedensten Ursachen herrühren, Ursachen, die mit der wachsenden Kompliziertheit des wirtschaftlichen Mechanismus immer mehr zunehmen. Marx hat an verschiedenen Stellen seines Kapital verschiedene solcher Krisenursachen untersucht. Es ist aber ein Irrtum, wenn man das dahin auslegt, als habe er für dieselbe Erscheinung an verschiedenen Stellen seines Werkes verschiedene Erklärungen gegeben. Wer näher zusieht, wird finden, dass es verschiedene Erscheinungen sind, die er verschieden erklärt.
Die periodischen Krisen sind, wie wir eben gesehen, ein Kind des letzten Jahrhunderts, sie entstanden erst, nachdem die Warenproduktion ihre höchste Form, die kapitalistische, in hohem Grad entwickelt hatte. Herr Gothein erklärte allerdings in der Arbeitslosendebatte Bebel gegenüber, es wären schon im Mittelalter Krisen vorgekommen, soweit es dort eine Industrie gab. Das ist richtig, aber es waren Krisen ganz anderer Art, als die jetzigen. Die periodische, mit Notwendigkeit alle zehn Jahre eintretende Krisis ist ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts.
Sie entstand gleichzeitig mit all dem physischen Elend, das die Anfänge der kapitalistischen Großindustrie überall begleitet, dessen Gräuel sie auf die Spitze trieb. Angesichts dessen lag es nahe, sie in Verbindung mit dem Elend zu bringen und die Krisen aus der Unterkonsumtion der Massen zu erklären. Wir haben gesehen, wie die Unterkonsumtion zur Krisis führen kann. Aber in unserem Beispiel war, wie schon bemerkt, die Unterkonsumtion ein zufälliges Vorkommnis. Im Proletariat erstand aber jetzt eine Klasse, deren Unterkonsumtion ein notwendiges Ergebnis ihrer sozialen Bedingungen war. Auf diese wurden die Krisen zurückgeführt. Die Unterkonsumtion ist aber nicht im physiologischen Sinne aufzufassen, etwa als Unterernährung, sondern im sozialen, als die Konsumtion einer Klasse, die hinter ihrer Produktion zurückbleibt. Nicht bloß eine Einschränkung des Konsums bei gleichbleibender oder wachsender Produktion, sondern auch eine Vermehrung der Produktion bei gleichbleibendem, ja selbst bei wachsendem, nur langsamer wachsendem Konsum, führt zur Unterkonsumtion.
Schon frühzeitig haben die der kapitalistischen Produktionsweise kritisch gegenüberstehenden Ökonomen von Robert Owen und Sismondi an in der Unterkonsumtion der Proletarier den Grund der Krisen gesehen. Den letzten Grund der Krisen sahen auch Marx und Engels in der Unterkonsumtion. Den letzten Grund, nicht aber ihre direkte Ursache. Schon Engels hat darauf hingewiesen, dass die Unterkonsumtion der Arbeiter für sich allein nicht den Grund der periodischen Krisen bilden könne, denn diese seien noch keine hundert Jahre alt, die Unterkonsumtion der Massen dagegen bestehe so lange, wie der Gegensatz von ausbeutenden und ausgebeuteten Klassen, reiche also über die Anfänge der überlieferten Geschichte zurück. Es handelt sich hier also um eine Unterkonsumtion, die unter besonderen Verhältnissen existiert.
Der Unterschied zwischen der früheren Ausbeutung und der des industriellen Kapitals besteht vor Allem darin, dass die erstere zum großen Theile auf der Naturalwirtschaft beruhte, in der, wie wir gesehen, Krisen in Folge von Überproduktion von vornherein ausgeschlossen sind. Dies gilt ebenso für die antike wie für die feudale Gesellschaft und für die des orientalischen Despotismus. Aber auch unter der einfachen Warenproduktion brauchte die Unterkonsumtion nicht Krisen hervorzurufen, wenn der Unterkonsumtion der Ausgebeuteten eine entsprechende Konsumtion der Ausbeuter entsprach. Nehmen wir unser obiges Beispiel her, verändern es aber dahin, dass über dem Weinbauern ein Fronherr steht, dem jener seine 20 Mark als Geldabgabe zu entrichten hat. Nun wird freilich der Weinbauer keinen Rock mehr kaufen können, aber der Fronherr wird ihn kaufen, der Schneider kauft für die 20 Mark Getreide vom Ackerbauer, dieser den zweiten Rock vom Schneider, der wiederum nun das Fässchen Wein vom Weinbauern, dem so 20 Mark zu einem neuerlichen Tribut für den Fronherrn zufließen. Das Geld zirkuliert ohne Stockung und keinerlei Überproduktion macht sich bemerkbar, trotz der Unterkonsumtion des Weinbauern.
Vor dem Aufkommen des industriellen Kapitalismus dient die Ausbeutung fast ausschließlich Zwecken des Konsums. Was man den arbeitenden Klassen erpresst, wird vertan. Von einer aus sozialen Ursachen stammenden Überproduktion kann da keine Rede sein. Die vorkapitalistischen Ausbeutungsmethoden entwickeln vielmehr das entgegengesetzte Uebel. Die Ausbeutung vermehrt die Machtmittel der Ausbeuter, damit aber auch die Möglichkeit, dem Unterjochten mehr Produkte zu erpressen, seine Ausbeutung zu steigern. Die Produktionsmethoden dagegen verbessern sich nur langsam oder gar nicht. Die Folge ist steigender Raubbau am Boden und an der menschlichen Arbeitskraft, Rückgang des Ertrags der Produktion, also sozusagen zunehmende Unterproduktion, damit aber auch zunehmende Entvölkerung und Verödung des Landes.
Das ist das Ende jeder vorkapitalistischen, auf Ausbeutung beruhenden Gesellschaftsform, darin erstarb das alte Griechenland, das kaiserliche Rom, der Feudalismus in Frankreich und Spanien im achtzehnten Jahrhundert, daran siechen die Türkei und Persien in unseren Tagen dahin.
Ganz anders die Richtung, in der sich die kapitalistische Gesellschaft entwickelt. Sie beruht auf ausgebildeter, vorherrschender Warenproduktion. Man produziert nicht mehr direkt für den Gebrauch der eigenen oder der ausbeutenden Familie, sondern für den Markt. Auf dem Markte siegt aber bei freier Konkurrenz Derjenige, der am billigsten verkauft, was auf die Dauer nur Jener kann (ceteris paribus), der am billigsten produziert. Neben der Herabdrückung des Lohnes, der Vermehrung der Geschicklichkeit und der Intensität der Arbeit und der Ausdehnung der Arbeitszeit tritt aber jetzt ein neuer Faktor der Verminderung der Produktionskosten auf den Plan: die Maschine, nicht mehr ein Produkt des Zufalls, sondern methodischen, wissenschaftlichen Forschens. Wir haben oben im zweiten Kapitel gesehen, wie die Maschine ihren ersten Anwendern Extraprofite verschafft, wie dann die Konkurrenz die anderen Produzenten zwingt, sie ebenfalls anzuwenden. Einführung oder Verbesserung von Maschinen bedeutet aber auch Erweiterung und Verstärkung der als Werkstätten benutzten Baulichkeiten, bedeutet Vermehrung der verarbeiteten Rohstoffe; sie setzt also vermehrten Geldbesitz, vermehrtes Kapital voraus.
Von jetzt an wird es für die neuen Ausbeuter, die industriellen Kapitalisten, unmöglich, sich auf dem Markte zu behaupten, wenn sie den ganzen Profit, den sie einheimsen, in persönlichem Konsum aufzehren. Sie müssen „sparen“, einen Theil des Profits zurücklegen, akkumulieren, um ihr Kapital zu vermehren und so konkurrenzfähig zu bleiben. So führt die kapitalistische Produktionsweise mit Notwendigkeit einerseits zur Einschränkung des persönlichen Konsums der Kapitalisten und andererseits gerade in Folge dessen zu steter Vermehrung der Produktionsmittel und zu steter Erhöhung der Produktivität der Arbeit, also zu steter Erweiterung der Produktion von Konsummitteln. Die Unterkonsumtion der Ausgebeuteten wird jetzt nicht mehr wettgemacht durch einen entsprechenden persönlichen Konsum der Ausbeuter. Darin liegt der Grund des ständigen Dranges nach Überproduktion in der heutigen Produktionsweise.
Die Kapitalisten und die von ihnen ausgebeuteten Arbeiter bieten einen mit der Zunahme des Reichtums der ersteren und der Zahl der letzteren zwar stets wachsenden, aber nicht so rasch wie die Akkumulation des Kapitals und die Produktivität der Arbeit anwachsenden und für sich allein nicht ausreichenden Markt für die von der kapitalistischen Großindustrie geschaffenen Konsummittel. Diese muss einen zusätzlichen Markt außerhalb ihres Bereiches in den noch nicht kapitalistisch produzierenden Berufen und Nationen suchen. Den findet sie auch und sie erweitert ihn ebenfalls immer mehr, aber ebenfalls nicht rasch genug. Denn dieser zusätzliche Markt besitzt bei Weitem nicht die Elastizität und Ausdehnungsfähigkeit des kapitalistischen Produktionsprozesses. Sobald die kapitalistische Produktion zur entwickelten Großindustrie geworden ist, wie dies in England schon im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts der Fall war, erhält sie die Möglichkeit derartiger sprunghafter Ausdehnung, dass sie jede Erweiterung des Marktes binnen kurzem überholt. So ist jede Periode der Prosperität, die einer erheblichen Erweiterung des Marktes folgt, von vornherein zur Kurzlebigkeit verurteilt und die Krise wird ihr notwendiges Ende.
Dies in kurzen Zügen die, soweit wir sehen, von den „orthodoxen“ Marxisten allgemein angenommene, von Marx begründete Krisentheorie. Auch Parvus vertritt sie in seinem neuesten Schriftchen über Handelskrisis und Gewerkschaften (München, M. Ernst, 64 S.), einer Arbeit, die mit Anschaulichkeit und Kühnheit – hin und wieder vielleicht zu großer Kühnheit – wissenschaftliche Tiefe vereinigt und in vortrefflichster Weise die schwere Aufgabe löst, in allgemeinverständlicher Weise über das Wesen der Krisen aufzuklären. Wir werden auf sie noch im Fortgang dieser Untersuchung zu sprechen kommen, da sie uns trotz ihrer populären Fassung neue theoretische Einblicke gewährt. [1]
Auch die andere daneben in einem Parteiverlag erschienene Schrift über die Krisen von Georg Bernhard, Krach – Krisis und Arbeiterklasse (Berlin, Vorwärts, 48 S.) geht von der Anschauung aus, dass in der Unterkonsumtion der Grund der Krisen zu suchen sei. Aber Bernhard bleibt an der Oberfläche und sieht daher in der Unterkonsumtion nicht den letzten, sondern den direkten Grund der Krisen. So behauptet er zum Beispiel, „gerade das Sozialistengesetz ist daran schuld, dass bis gegen Ende der achtziger Jahre die Krisis in Permanenz blieb, nur hin und wieder von kurzen Perioden des Aufschwunges unterbrochen. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes eine ganz andere Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse einsetzt.“ (S. 4) [2] Das klingt agitatorisch sehr schön, aber man darf Agitation nicht mit Argumenten treiben, die vor den Tatsachen nicht Stand halten. Die Krisis der achtziger Jahre dauerte in Deutschland unter dem Sozialistengesetz nicht im Mindesten länger als etwa in England ohne Sozialistengesetz, und der wirtschaftliche Aufschwung am Ende der achtziger Jahre nahm merkwürdiger Weise gerade damals ein Ende, als das Sozialistengesetz aufgehoben wurde. Die Krisen werden eben heute nicht durch nationale Märkte, sondern durch den Weltmarkt bestimmt.
Bernhard stellt sich nicht die Aufgabe, eine Theorie der Krisen zu geben, er gibt nur eine geschichtliche Übersicht einiger der letzten Schwindelgründungen.
Aber der Grund, den Bernhard dafür angibt, dass er der Theorie der Krisen aus dem Wege geht, ist nicht sehr einleuchtend:
„Angesichts seiner Erkenntnis vom Wesen der kapitalistischen Produktionsordnung erübrigt sich für den Sozialismus überhaupt die Aufstellung einer Krisentheorie. Sie ergibt sich aus der sozialistischen Gesamtauffassung von selbst.“
So gut geht es uns veralteten, orthodoxen, dogmenfanatischen Marxisten nicht. Aus unserer sozialistischen Gesamtauffassung ergibt sich uns gar keine Theorie von selbst. Jene ergibt sich uns vielmehr erst aus der Gesamtheit unserer Theorien und zwar nicht von selbst, sondern nach eingehendem Studium der Dinge. Und gerade die Krisentheorie hat uns manche Kopfschmerzen bereitet.
Ebenso erging’s auch Tugan Baranowsky. Und seine Untersuchungen haben ihn zur Aufstellung einer eigenen Krisentheorie geführt. So ergeben sich plötzlich aus der „sozialistischen Gesamtauffassung“, allerdings nicht „von selbst“, mindestens zwei sehr verschiedene Krisentheorien.
1. Parvus, Die
Handelskrisis und die Gewerkschaften: nebst Anhang: Gesetzentwurf
über den achtstündigen Normalarbeitstag,
München: Ernst, 1901. 64 S.
https://www.digitale-sammlungen.de/de/details/bsb11123938.
2. Georg Bernhard, Krach – Krisis und Arbeiterklasse. Berlin: Expedition der Buchhandlung Vorwärts, 1902.
Zuletzt aktualisiert am 21. Oktober 2026