Karl Kautsky

Wie weit ist das Kommunistische Manifest veraltet [1]/h1>

(23./27. Juli 1904)


Karl Kautsky, Wie weit ist das Kommunistische Manifest veraltet?, Leipziger Volkszeitung, 11. Jg., Nr. 169, 170, 172; 23., 25., 27. Juli 1904.
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Transkription: Daniel Gaido.
HTNL-Marrkierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


I.

Bald sechzig Jahre sind seit der Abfassung des Kommunistischen Manifestes verflossen, sechzig Jahre einer Produktionsweise, die mehr als jede vor ihr in ständiger Umwälzung des Alten, in stetem Hasten und Jagen nach Neuem besteht; sechzig Jahre völliger politischer und sozialer Revolutionierung nicht nur Europas, sondern des gesamten Erdballs. Diese sechs Jahrzehnte konnten auch am Kommunistischen Manifest nicht spurlos vorübergehen. Je richtiger es seine Zeit erfasst und je mehr es ihr entsprochen hatte, umso mehr musste es in manchen Punkten veralten und zu einem historischen Dokument werden, das Zeugnis für seine Zeit abgibt, aber nicht mehr bestimmend sein kann für die Gegenwart.

Aber wohlgemerkt, das gilt nur für manche Punkte, für solche, wo der praktische Politiker zu den Zeitgenossen spricht. Nichts wäre irriger, als das ganze Kommunistische Manifest zu einem historischen Dokument zu stempeln. Im Gegenteil. Die Grundsätze, die es entwickelt, die Methode, zu der es uns anleitet, die Charakterisierung der heutigen Produktionsweise, die es in knappen Strichen gibt, gelten heute mehr denn je. Die ganze tatsächliche Entwicklung ebenso wie die ganze theoretische Forschung der Zeit seit der Abfassung des Kommunistischen Manifestes sind nichts als eine ununterbrochene Reihe von Bekräftigungen seiner grundlegenden Auffassungen. Niemals war der Satz allgemeiner anerkannt, dass die Geschichte aller bisherigen (zivilisierten) Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen sei, und und nie lag es deutlicher zu Tage, dass die große Triebkraft unsrer Zeit der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat ist.

Aber der Proletarier und auch der Bourgeois sind heute nicht mehr ganz dieselben, die sie vor sechs Jahrzehnten waren. So scharf und richtig sie das Manifest zeichnete, und so sehr diese Zeichnung auch heute noch die glänzendste und tiefstgehende Darstellung dieser beiden Klassen in so engem Rahmen bildet, so trifft sie doch in manchen Punkten nicht mehr zu.

Zur Zeit, wo das Kommunistische Manifest erschien, war noch das hervorstechendste Charakteristikum des Proletariers seine Degradation, das Sinken seines Lohnes, die Verlängerung seiner Arbeitszeit, sein physisches, oft auch moralisches und intellektuelles Verkommen, kurz, sein Elend. Von den drei großen Klassen, welche die Masse des Volkes bildeten, Bauern, Kleinbürger und Lohnarbeiter, standen diese in jeder Beziehung am tiefsten. Arm, gedrückt, hilflos, an Zahl und ökonomischer Bedeutung (außer in England) hinter den beiden anderen Klassen zurückstehend, waren sie für die meisten uninteressierten Beobachter nur ein Objekt des Mitleids. Es bedurfte des ganzen ökonomischen und historischen Wissens und der ganzen Denkkraft eines Mary und Engels, um im Klassenkampf des Proletariats die stärkste Triebkraft in der sozialen Entwicklung der kommenden Jahrzehnte zu entdecken, damals, wo die Nachfolger der großen Utopisten das Proletariat noch als hilflose Masse betrachteten, der nur von den oberen Klassen Hilfe kommen können, und die Revolutionäre alles vom „Volk“ erwarteten, das ist, im Wesentlichen, von Kleinbürgern und Bauern, deren Anhängsel eine Masse geistig, gesellschaftlich, vielfach auch ökonomisch von ihnen abhängiger Lohnarbeiter war.

Ganz anders steht das Proletariat heute da. Wohl unterliegt es noch denselben verelendenden Einwirkungen des Kapitals, wie vor sechzig Jahren; wohl strebt das Kapital auch heute noch danach, die Löhne zu drücken, die Arbeitsstunden zu verlängern, den Arbeiter durch die Maschine, den arbeitenden Mann durch Weib und Kind zu verdrängen und das Proletariat auf diese Weisen zu degradieren. Aber immer mächtiger wächst „auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse“ (Marx im Kapital). Immer stärker setzt der Widerstand des Proletariats ein, eine seiner Schichten nach der anderen weiß die degradierenden Wirkungen des Kapitalismus zu überwinden.

Ganz anders Kleinbürgertum und Kleinbauernschaft. Während seit Jahrzehnten wachsende Mengen von Proletariern ihre Arbeitszeit immer mehr verkürzen, ihre Löhne erhöhen, bleibt die Arbeitszeit der Handwerker und Kleinbauern stets gleich lang, bis an die Grenzen der physischen Leistungsfähigkeit ausgedehnt, während zugleich die Intensität ihrer Arbeit wächst. Und immer mehr nähert sich die Lebenshaltung der Handwerker, Kleinhändler und Kleinbauern dem Existenzminimum. Anderseits, wenn in der Großindustrie die Arbeiterklasse für die Frauen- und Kinderarbeit immer stärkere Schranken, immer größeren Schutz zu erringen weiß, werden Handwerker und Kleinbauern immer mehr angewiesen auf die weitestgehende Ausbeutung eigener wie fremder Frauen und Kinder.

Hand in Hand mit dieser ökonomischen Umwandlung geht eine intellektuelle und politische. Der Kleinbürger überragte vor hundert Jahren noch weit alle anderen Klassen der eigentlichen Volksmasse an Intelligenz, Selbstvertrauen, Kühnheit. Heute ist er das Prototyp der Beschränktheit, Knechtseligkeit und Feigheit geworden, während das Proletariat jene Tugenden aufs kraftvollste entfaltet. Vor hundert Jahren, ja noch vor fünfzig Jahren bildete auch noch das Kleinbürgertum den Kern der demokratischen Opposition, des bürgerlichen Radikalismus, der den Schlössern, Thronen und Altären den Krieg erklärte und Frieden den Hütten. Heute ist das Kleinbürgertum zur Kerntruppe der Reaktion geworden, zur Garde der Schlösser, Altäre und Throne, von denen es die Errettung aus dem Elend erhofft, in das es die ökonomische Entwicklung gestürzt hat.

Und ähnlich ist es mit der Bauernschaft gegangen.

Es gilt in der Volksmasse nur noch eine Klasse, die mit aller Kraft sich für den sozialen Fortschritt einsetzt: das Proletariat.

Aber zum Glück für die gesellschaftliche Entwicklung sind alle diese Veränderungen auch von einer völligen Verschiebung im Verhältnis der Kräfte begleitet. Zur Zeit, wo das Kommunistische Manifest abgefasst wurde, lebte noch die große Mehrheit der Bevölkerung (in Frankreich und Deutschland 70–80 Prozent) auf dem flachen Land. Und in den Städten dominierte das Kleinbürgertum. Heute hat in allen industriell entwickelten Staaten Europas die städtische Bevölkerung die Mehrheit, und in den Städten überwiegt das Proletariat. Noch mehr als sein Anteil an der Bevölkerungszahl ist aber seine ökonomische Bedeutung gewachsen. Vor hundert Jahren diente noch die kapitalistische Industrie vornehmlich dem Luxus, namentlich auf dem Festland Europas, der Produktion von Seidenstoffen, Teppichen, Porzellan, Papier etc. Noch vor sechzig Jahren Jahren beruhte das ökonomische Leben vornehmlich auf dem Handwerk und der bäuerlichen Wirtschaft. Heute hängt die ökonomische Bedeutung und der Reichtum eines Landes in erster Linie von seiner kapitalistischen Großindustrie ab, die nicht mehr dem Luxus, sondern dem Massenkonsum dient und Unentbehrliches produziert. Ein moderner Staat kann ohne Bauern und Handwerker existieren, wie England zeigt. Er kann aber nicht existieren ohne Großindustrie und die ihr entsprechenden Verkehrsmittel. Man kann nicht mehr mit dem Kommunistische Manifeste sagen: „Der Arbeiter wird zum Pauper, er sinkt immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab.“

So steht das Proletariat heute ganz anders da, als vor sechzig Jahren. Aber freilich, man muss die Dinge in seinem Kopf ganz eigenartig spiegeln, wenn man zu erkennen glaubt, dass infolge dieser Änderungen der Gegensatz des Proletariats zum Kapital sich gemildert hat. Im Gegenteil. Auf der einen Seite stehen dem Proletariat im Ganzen und Großen ebenso, wie jeder anderen Klasse, heute mehr Kulturgüter zu Gebote, als in früheren Jahrhunderten, oder auch Jahrzehnten. Ganz spurlos ist die enorme Zunahme der Produktivkräfte, die der Kapitalismus entfesselt hat, nicht an ihm vorübergegangen. Andererseits kann man auch von einer Hebung der Lage vieler proletarischer Schichten sprechen, wenn man sie vergleicht mit der Lage des Kleinbürgertums und der Kleinbauernschaft, aber sie bleibt zurück hinter dem Wachstum der gesellschaftlichen Produktivkräfte, die das Kapital sich aneignet und zu seinem Vorteil ausbeutet. Verglichen mit der Lebenshaltung der Kapitalistenklasse und mit der Akkumulation von Kapital verschlechtert sich die Lage des Proletariats, sein Anteil an den Produkten seiner Arbeit vermindert sich immer mehr und seine Ausbeutung steigt. Und jeden Fortschritt, den es trotz alledem errungen, hat es nur im Kampfe gegen das Kapital erobern können, und nur im steten Kampfe dagegen kann es ihn behaupten. So wird nicht nur seine Degradation, sondern auch seine Erhebung aus ihr, werden nicht nur seine Niederlagen, sondern auch seine Siege Quellen steter und fortschreitender Erbitterung gegen die feindliche Klasse. Die Formen des Kampfes wechseln und werden immer höhere, aus vereinzelten Akten wilder Verzweiflung werden planmäßige Aktionen großer Organisationen – die Gegensätze bleiben und werden immer schroffer.

Aber wie das Proletariat, hat sich auch die industrielle Bourgeoisie in den letzten sechzig Jahren gewandelt. Als das Kommunistische Manifest rstand, hatte sie gerade erst das letzte Hindernis ihrer Herrschaft in England, die Kornzölle, beseitigt, stand sie auf dem Festlande Europas noch vor der Notwendigkeit einer Revolution, um die politische Gewalt ihren Zwecken dienstbar zu machen.

Sie stand denselben Mächten feindlich gegenüber, die die große Volksmasse am sichtbarsten bedrückten – Pfaff, Adel, Monarchie, hohe Finanz-, hatte noch große, politische Ziele, Ideale, die auch etwas wie ethischen Idealismus um sie verbreiteten. Noch glaubte sie, dass dem allgemeinen Wohlstand nur die feudalen Überreste im Wege ständen – , nach deren Hinwegräumung eine Ära allgemeinen Glückes beginnen würde.

Die Revolution von 1848 brachte dann die Enttäuschung, enthüllte die Klassengegensätze. Die ökonomische Entwicklung hat sie weiterhin, wie wir eben gesehen, immer mehr vertieft und damit die industrielle Bourgeoisie und ihren Anhang immer mehr aus dem Lager der Demokratie in das Lager der Reaktion gedrängt. Zur Alleinherrschaft konnte sie in Europa nirgends kommen. Sie suchte die Herrschaft zu erobern mit Hilfe des Kleinbürgertums und des Proletariats, sie sucht sie zu behaupten mit Hilfe der Mächte, gegen die sie die Demokratie aufgerufen hatte. Dazu kommt, dass die Industrie durch das Aktienwesen immer mehr der hohen Finanz ausgeliefert wird, die seit jeher antidemokratisch war und die absolute Staatsmacht begünstigte.

Das Kommunistische Manifest konnte noch erklären:

„In Deutschland kämpft die kommunistische Partei, sobald die Bourgeoisie revolutionär auftritt, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die Kleinbürgerei.“

Heute ist nirgends mehr von einer revolutionären Bourgeoisie die Rede.
 

II.

Indes nicht nur Bourgeoisie und Proletariat sind heute in mancher Beziehung anders geartet als zur Zeit des Kommunistischen Manifestes, auch der Gang der Entwicklung war nicht ganz derselbe, den dieses erwartete. Freilich, die grundlegende ökonomische Entwicklung hat sich völlig in den Bahnen bewegt, die das Manifest so scharf zeichnete; was es darüber sagt, ist heute noch mustergültig. Aber die politische Entwicklung ging in anderer Weise vor sich, als man damals voraussehen konnte.

Marx und Engels waren sich dessen wohl bewusst, dass die Arbeiterklasse in ihrer damaligen Form namentlich in Deutschland noch unfähig war, die politische Gewalt zu erobern und zu behaupten. Aber sie erwarteten, die bevorstehende bürgerliche Revolution, die sie vor allem für Deutschland voraussahen, werde einen ähnlichen Gang gehen, wie die englische Revolution des siebzehnten, die französische des achtzehnten Jahrhunderts. Sie werde in ihrem Beginn eine Erhebung der revolutionären Bourgeoisie gegen Absolutismus und Feudalismus sein, aber in ihrem Verlaufe würden die proletarischen Elemente immer mehr ihren Gegensatz zur Bourgeoisie erkennen und entwickeln, werde die Revolution immer mehr den Einfluss des Proletariats verstärken, dieses in raschestem Tempo selbst kräftigen und reifen. Denn während einer Revolution geht jede Entwicklung aufs rascheste vor sich; eine revolutionäre Klasse kommt in fünf Jahren so weit, wie sonst in einem Jahrhundert. So werde sich an die bürgerliche Revolution unmittelbar die proletarische und die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat anschließen, nicht als das Produkt eines Handstreiches, sondern jahrelanger, vielleicht jahrzehntelanger revolutionärer Kämpfe.

Das Kommunistische Manifest sagt darüber:

„Auf Deutschland richten die Kommunisten ihre Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgerlichen Revolution steht, und weil es diese Umwälzung unter fortgeschritteneren Bedingungen der europäischen Zivilisation überhaupt, und mit einem viel weiter entwickelten Proletariat vollbringt als England im siebenzehnten und Frankreich im achtzehnten Jahrhundert die deutsche bürgerliche Revolution also nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen Revolution sein kann.“

Diese Erwartung erfüllte sich nicht, wie wir heute alle wissen, erfüllte sich gerade deswegen nicht, weil die Umwälzung von 1848 „unter fortgeschritteneren Bedingungen der europäischen Zivilisation“ vor sich ging, als die von 1640 und 1789.

Was die proletarischen und halbproletarisch-kleinbürgerlichen Elemente in der englischen und französischen Revolution in ihrem Verlauf immer mehr in den Vordergrund drängte und ihnen zu zeitweiser politischer Macht verhalf, das war der Krieg, ein Krieg auf Tod und Leben, den die Revolution zu führen hatte und in dem sie sich nur behaupten konnte durch jene Rücksichtslosigkeit gegen das eigene Leben und das Eigentum der Besitzenden, die das Proletariat auszeichnet. Es war in England der jahrelange Krieg des Parlaments gegen die adeligen Heere Karls I., es war in Frankreich der ebenfalls jahrelange Krieg gegen das verbündete monarchische Europa.

Die Revolution von 1848 entzündete keinen Krieg. Nicht in langwierigen Bürgerkrieg fielen die Regierungen, die Barrikadenkämpfe eines Tages genügten, sie in Paris, Wien, Berlin zusammenbrechen zu lassen. Und die Revolution erstreckte sich über ganz Europa; sie fand keine auswärtige Macht, die ihr den Krieg erklärt hätte. Das absolutistische Russland verhielt sich zunächst mäuschenstill.

Waren aber die feudal-absolutistischen Gegner der Revolution 1848 weit schwächer, als im 18. und 17. Jahrhundert, so, war das Proletariat weit stärker. Es gewann sofort in den Februartagen in Paris eine dominierende Stellung. An Stelle eines Kampfes auf Tod und Leben gegen Monarchie und Adel, in dem man, ob man wollte oder nicht, das Proletariat zum Kampf aufrufen, bewaffnen und sich schließlich seinen Einfluss gefallen lassen musste, trat diesmal für die Bourgeoisie sofort der Drang nach einem Kampf auf Tod und Leben gegen das Proletariat selbst, zu dem sie die eben niedergeworfene Staatsgewalt mit ihrer Armee aufrief, um sich schließlich wieder deren Joch gefallen zu lassen.

Die Junischlacht war die Katastrophe der Revolution von 1848. Sie inaugurierte eine neue historische Epoche. Mit ihr hört die Bourgeoisie vollständig auf, eine politisch revolutionäre Klasse zu sein, sie schließt die Ära der bürgerlichen Revolutionen – wenigstens für Westeuropa; inwieweit das Gesagte für Russland gilt, wo Bauernschaft und Intelligenz eine ganz andere Rolle spielen als im westlichen Europa, will ich hier nicht erörtern. Vom Juni 1848 an ist in Westeuropa keine bürgerliche Revolution mehr möglich, die das Vorspiel einer proletarischen werden könnte. Die nächste Revolution kann nur noch eine proletarische sein.

Und selbst in Russland kann die Initiative zu einer Revolution nur noch vom industriellen Proletariat ausgehen, auch wenn sie noch nicht zu seiner Alleinherrschaft führt.

Damit ist aber auch die Rolle der Arbeiterbewegung eine total andere geworden.

Die Kräftigung der Arbeiterklasse, ihre Erhebung auf jene Höhe, die es ihr ermöglicht, die politische Macht zu erobern und zu behaupten, kann nicht mehr von einer bürgerlichen Revolution erwartet werden, die, zu einer permanenten geworden, über sich selbst hinauswächst und eine proletarische aus sich entwickelt. Außerhalb der Revolution, vor der Revolution muss dieses Reifen und Kräftigen sich vollziehen; es muss zu einer gewissen Höhe gediehen sein, ehe die Revolution überhaupt möglich wird. Sie muss sich vollziehen, nicht durch Methoden des Kriegs, sondern durch solche des Friedens – wenn man sich so paradox ausdrücken darf, dass man zwischen kriegerischen und friedlichen Methoden des Klassenkampfes unterscheidet. Arbeiterschutz, gewerkschaftliche, sogar genossenschaftliche Organisation, allgemeines Wahlrecht bekamen nun allmählich eine ganz andere Bedeutung, als sie bis zum Juni 1848 besessen hatten.

Heute liegt das klar zutage, was vor sechzig Jahren noch in tiefste Dunkelheit gehüllt war; dank dem fühlt sich heute mancher kurzsichtige Maulwurf, der emsig nach Regenwürmern wühlt, den Meisiern des Kommunistischen Manifestes an Weite und Schärfe des Blicks weit überlegen, und sieht sogar mitleidsvoll auf ihre „intellektuellen Fehler“ herab. Tatsache aber ist, dass niemand unter den Sozialisten und Revolutionären die neue Situation und ihre Konsequenzen früher begriff, als Marx und Engels.

Sie waren die ersten, die erkannten, dass die Nera der Revolution, wenigstens zunächst, geschlossen sei. Die Internationale war es, die zuerst die gewerkschaftliche Organisation auf dem Festlande von Europa systematisch zu fördern suchte; das Kapital von Mary bot die erste Theorie des Arbeiterschutzes, und in die proletarische Bewegung für das allgemeine Wahlrecht der sechziger Jahre in England griff die Internationale kraftvoll ein.

Aber nicht nur die Methoden, wie die Arbeiterklasse reisen kann, mussten durch die neue Situation andere werden, auch das Tempo der Entwicklung. An Stelle des rapiden revolutionären Aufschwungs trat der für einen Feuergeist ach so langsame Schneckengang der friedlichen und gesetzlichen Evolution.

So ist manches ganz anders gekommen, als die Verfasser des Kommunistischen Manifestes zur Zeit seiner Abfassung erwarteten. Aber sie waren die ersten, die die neue Situation erkannten und zwar gerade durch die Grundsätze und Methoden, die sie in ihrem Manifest entwickelt hatten; und die neue Situation selbst bildete, wenn auch in anderen Formen, als sie vorausgesehen, eine Bestätigung dieser Grundsätze. Wenn Arbeiterschutz und gewerkschaftliche Organisationen in den folgenden Jahrzehnten eine Bedeutung erlangten, die 1847 noch nicht zu erkennen war, so lag dies nur daran, dass der Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat wenige Monate nach dem Erscheinen des Kommunistischen Manifestes schon in einer Weise auf die Bourgeoisie zurückwirken sollte, die vor dem Februar 1848 niemand ahnte, also daran, dass die Zeichnung dieses Gegensatzes im Kommunistischen Manifest schon für seine Zeit mehr zutraf, als seine Beichner selbst annahmen.
 

III.

Aber von diesem Zusammenhange haben die wenigsten derjenigen, die sich als „Kritiker“ des Kommunistischen Manifestes ausspielen, eine Ahnung; aus der Tatsache, dass an Stelle einer raschen, stürmischen eine bisher „friedliche“, allmähliche Entwicklung trat, an Stelle revolutionärer legale Methoden des Klassenkampfes, schließen sie, dass ein Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat entweder überhaupt nicht bestehe oder dass er doch in steter Abschwächung begriffen sei. Sie predigen das Zusammenwirken zwischen liberaler Bourgeoisie und Proletariat, und soweit es Sozialisten sind, berufen sie sich dabei auf jenen Satz des Kommunistischen Manifestes, worin gesagt wird:

„In Deutschland kämpft die Kommunistische Partei, sobald die Bourgeoisie revolutionär auftritt, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die Kleinbürgerei.“

Dieser Satz soll die Politik des demokratischen Regierungsblocks und des sozialistischen Ministerialismus gutheißen, wie sie von manchen sozialistischen Richtungen in Frankreich und Italien praktiziert und überall von den Vertretern der „neuen Methode“ gepredigt wird. Hier haben wir ein marxistisches „Dogma“, das mit wahrem „Dogmenfanatismus“ von den Verfechtern gerade des „kritischen“ Sozialismus verteidigt wird.

Aber wir haben ja gesehen, dass, soweit von einem „Irrtum“ des Kommunistischen Manifestes gesprochen werden kann und seine Kritik erforderlich ist, sie gerade bei diesem „Dogma“ von der politisch revolutionären Bourgeoisie ein zusehen hat. Die Ersetzung der Revolution durch die Evolution im letzten halben Jahrhundert ist gerade eine Folge dessen, dass es eine revolutionäre Bourgeoisie nicht mehr gibt. Überdies aber verstanden Mary und Engels unter dem gemeinsamen Kampfe mit der revolutionären Bourgeoisie etwas ganz andres, als die heutigen Träger des sozialistischen Ministerialismus. In der Ansprache der Zentralbehörde an den Kommunistenbund vom März 1850 wird das Verhältnis der Kommunisten zur bürgerlichen Demokratie behandelt, von der man damals noch annahm, sie werde bei einem erneuten revolutionären Ausbruch zunächst ans Staatsruder gelangen. Da heißt es:

„Im gegenwärtigen Augenblicke, wo die demokratischen Kleinbürger überall unterdrückt sind, predigen sie dem Proletariat im allgemeinen Einigung und Versöhnung, sie bieten ihm die Hand und streben nach der Herstellung einer großen Oppositionspartei, die alle Schattierungen in der demokratischen Partei umfasst, das heißt, sie streben danach, die Arbeiter in eine Parteiorganisation zu verwickeln, in der die allgemein sozial-demokratischen Phrasen vorherrschend sind [2] hinter welchen ihre besonderen Interessen sich verstecken und in der die bestimmten Forderungen des Proletariats um des liebe Friedens willen nicht vorgebracht werden dürfen. Eine solche Vereinigung würde allein zu ihrem Vorteil und ganz zum Nachteil des Proletariats ausfallen. Das Proletariat würde seine ganze selbständige, mühsam erkaufte Stellung verlieren und wieder zum Anhängsel der offiziellen bürgerlichen Demokratie herabsinken. Diese Vereinigung muss also auf das entschiedenste zurückgewiesen werden ... Für den Fall eines Kampfes gegen einen gemeinsamen Gegner braucht es keiner besonderen Vereinigung. Sobald ein solcher Gegner direkt zu bekämpfen ist, fallen die Interessen beider Parteien für den Moment zusammen und wie bisher wird sich auch in Zukunft diese nur für den Augenblick berechnete Verbindung von selbst herstellen. Es versteht sich, dass bei den bevorstehenden blutigen Konflikten, wie bei allen früheren, die Arbeiter durch ihren Mut, ihre Entschiedenheit und Aufopferung hauptsächlich den Sieg werden zu erkämpfen haben … Während des Kampfes und nach dem Kampf müssen die Arbeiter neben den Forderungen der bürgerlichen Demokraten ihre eigenen Forderungen bei jeder Gelegenheit aufstellen. Sie müssen Garantien für die Arbeiter verlangen, sobald die demokratischen Bürger sich anschicken, die Regierung in die Hand zu nehmen. Sie müssen sich diese Garantien nötigenfalls erzwingen und überhaupt dafür sorgen, dass die neuen Regierer sich zu allen nur möglichen Konzessionen und Versprechungen verpflichten – das sicherste Mittel, sie zu kompromittieren. Sie müssen überhaupt den Siegesrausch und die Begeisterung für den neuen Zustand, der nach jedem siegreichen Straßenkampf eintritt, in jeder Weise durch ruhige und kaltblütige Auffassung der Zustände und durch unverhohlenes Misstrauen gegen die neue Regierung so sehr wie möglich zurückhalten .... Mit einem Wort: Vom ersten Augenblick des Sieges an muss sich das Misstrauen nicht mehr gegen die besiegte reaktionäre Partei, sondern gegen ihre bisherigen Bundesgenossen, gegen die Partei richten, die den gemeinsamen Sieg allein exploitieren will.“ (Karl Marx/Friedrich Engels, Ansprache der Zentralbehörde an den Bund, März 1850)

Das war also die Form des gemeinsamen Kampfes von Bourgeoisie und Proletariat gegen Absolutismus und Feudalismus, die Mary und Engels bei der Abfassung des Kommunistischen Manifestes im Auge hatten. Das ist etwas ganz anderes, als was die heutigen sozialistischen Ministeriellen in Frankreich und Italien wollen.

Freilich kann man einwenden, es habe sich damals um revolutionäre< Kämpfe gehandelt. Aber ein gemeinsamer revolutionärer Kampf ist doch der für das Zusammenwirken von Bourgeoisie und Proletariat günstigste Fall. Die Gefahr der Ausbeutung der politischen Kraft des Proletariats durch die Bourgeoisie, des Verlusts jener politischen Kraft, die aus seiner politischen Selbständigkeit hervorgeht, und die Notwendigkeit des Misstrauens gegen eine bürgerlich-demokratische Regierung sind doch offenbar viel stärker dort, wo die Bourgeoisie nur noch konservativ sein kann, als dort, wo es sich noch um die revolutionäre Eroberung neuer Positionen handelt.

Wo aber heute, abgesehen von Russland, ein Zusammenwirken von Bourgeoisie und Proletariat nötig werden kann, ist es nicht zu revolutionären, sondern zu konservativen Zwecken, zur Erhaltung und Sicherung der bestehenden dürftigen Anfänge der Demokratie gegenüber dem Ansturm der Reaktion. Auch bei diesen Kämpfen gegen die Reaktion hat das Proletariat seinen Mann zu stellen, auch hier fällt ihm die schwerste Arbeit zu, auch hier muss es zeitweise mit der liberalen Bourgeoisie zusammenwirken, aber noch mehr, als im revolutionären Kampfe besteht hier die Gefahr, dass es von seinen Bundesgenossen verraten wird, besteht hier die Notwendigkeit, ihm mit offenkundigen Misstrauen gegenüber zu stehen und besteht vor allem die Notwendigkeit völliger Selbständigkeit der Organisation. Das Proletariat ist durch seine Klassenlage eine durch und durch revolutionäre Klasse; es ist heute die einzige revolutionäre Klasse. Es mag durch die Umstände gezwungen werden, zeitweise an einer konservativen Aktion gegenüber der Reaktion teilzunehmen; in der konservativen Aktion aufgehen kann es nie. Es muss immer seinen revolutionären Charakter betätigen, er muss auch dort zum Durchbruch gelangen, wo es momentan konservativ wirkt; es kann seine Kräfte nur entwickeln und vermehren in revolutionärem Handeln und revolutionärer Propaganda, es untergräbt die Wurzeln seiner eigenen Kraft, wenn es sich auf die Rolle eines konservativen Gardisten der herrschenden liberalen Bourgeoisie gegenüber dem Ansturm von Pfaffen, Junkern und Söldnern beschränkt.

Das sind freilich Fragen, welche die Sozialisten Westeuropas mehr angehen als die im russischen Reich wirkenden. Diese leben unter politischen und wirtschaftlichen Zuständen, die noch große Ähnlichkeit mit denen Deutschlands am Vorabend der Revolution von 1848 haben. Für sie gilt das Kommunistische Manifest daher heute noch weit mehr als für die Sozialisten Westeuropas, nicht nur in seinen Grundzügen und Methoden, sowie in seiner Darstellung des Gesamtcharakters der kapitalistischen Produktionsweise, die heute noch die unerschütterliche Grundlage jeder bewussten proletarischen Bewegung in jedem Lande bilden, sondern auch in vielen Einzelheiten, die für Westeuropa schon veraltet sind.

Indes verfolgt bei dem heutigen Zustand des Weltverkehrs kein Land, am allerwenigsten ein kapitalistisches, den Weg seiner inneren Entwicklung bloß durch seine inneren Triebkräfte getrieben. Fast ebenso wichtig für seine Klassenkämpfe werden die Einwirkungen von außen, vor allem die Rückwirkungen der Klassenkämpfe des Auslandes.

Die Junischlacht in Frankreich wurde entscheidend nicht bloß für den Gang der französischen Revolution, sondern auch für den der deutschen und für die Arbeiterbewegung in England. So wirken auch heute die Verhältnisse zwischen Proletariat und Bourgeoisie, die sich in Westeuropa bilden, zurück auf das Verhältnis dieser Klassen in Russland, die gleichzeitig in einer politischen und ökonomischen Situation stehen, die der Zeit des Kommunistischen Manifestes entspricht, wie auch einer politischen und ökonomischen Situation, in der alle die ungeheuren Umwälzungen und Erfahrungen verkörpert sind, die durch zwei Menschenalter ununterbrochener ökonomischer Revolution seit dem Kommunistischen Manifest erzeugt wurden.

Das politische Verhältnis zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zwischen Liberalismus und Sozialismus im russischen Reich ist daher ein viel komplizierteres und schwierigeres als in Westeuropa. Um es richtig auszufassen, müssen die unter dem russischen Absolutismus wirkenden Sozialisten ebenso sehr die primitivsten Zustände ihres eigenen, wie die höchstentwickelten des Auslandes in Betracht ziehen. In Russland hat die Bourgeoisie noch revolutionäre Aufgaben, aber sie hat bereits die reaktionäre Denkweise der Bourgeoisie des Westens.

Den besten, zuverlässigsten Führer dabei wird ihnen aber das Kommunistische Manifest bieten. Nicht als Evangelium, als Bibel, wie man es genannt hat, deren Worte heilig sind, sondern als historisches Dokument, das der Kritik bedarf, aber einer Kritik, die sich nicht darauf beschränkt, bei einzelnen Sätzen und Wendungen, die heute nicht mehr zutreffen, dies zu konstatieren, sondern einer Kritik, die es zu begreifen sucht, auch jene Sätze zu begreifen sucht, die heute veraltet sind, und dadurch neue Erkenntnis aus ihnen schöpft. Wer das Kommunistische Manifest in dieser Weise studiert, dem wird es der sicherste Kompass in dem stürmischen Meer des proletarischen Klassenkampfes, ein Kompass, dem die sozialistischen Parteien aller Länder es zu danken haben, wenn sie trotz aller widrigen Strömungen, trotz Nebel und Klippen immer in der richtigen Richtung vorwärts steuern, wie er seit sechzig Jahren auch die Richtung der ökonomischen Entwicklung anzeigt, die durch alle Tatsachen immer wieder von neuem bestätigt wird. Es gibt kein historisches Dokument, das die auf seine Abfassung folgenden Jahrzehnte glänzender bekräftigt hätte, als das Kommunistische Manifest.

*

Anmerkungen

1. Die vorliegenden Ausführungen wurden infolge einer Aufforderung polnischer Genossen als Vorrede zur neuen polnischen Ausgabe des Kommunistischen Manifests verfasst und sind also zuerst in polnischer Sprache erschienen. Karl Kautsky

2. Was man damals Sozialdemokratie nannte, war nicht eine proletarische Klassenpartei, sondern ein kleinbürgerlich-proletarisches Gemisch ohne ausgesprochenen Klassencharakter, aber mit vorwiegend kleinbürgerlichen Bestrebungen. Red.


Zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2026