MIA > Deutsch > Marxisten > Kautsky > Kris. Öster.
Der Zustand Österreichs ist unmöglich zu begreifen, wenn man die Art seiner nationalen Probleme nicht erfasst hat. Das ist aber keine so einfache Sache. Gesellschaftliche Erscheinungen, die beständig im Flusse sind, aus dem Aufeinanderwirken stets wechselnder, komplizierter menschlicher Wesen entstehen, sind schwerer begrifflich zu fassen, als Erscheinungen der Natur.
Das haben wir zum Beispiel bei der Abfassung unserer Dresdener Resolution gemerkt, als es galt, den Revisionismus zu definieren. Für Leute, die nicht begreifen wollen, wird man nie eine sie befriedigende Definition einer sozialen Erscheinung liefern. Nehmen wir etwa zwei so prononcierte Erscheinungen, wie Kapitalist und Proletarier. Definieren wir diesen als einen Besitzlosen, der von dem Verkauf seiner Arbeitskraft lebt, das heißt der durch seine Notlage gezwungen ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen, und zwar zu einem Preise, der ihrem Käufer einen Profit lässt, und definieren wir als industriellen Kapitalisten einen Geldbesitzer, der von der Ausbeutung von Proletariern lebt, das heißt, der durch seinen Besitz und das Vorhandensein besitzloser Arbeitskräfte instand gesetzt wird, diese zu kaufen und mit einem Profit anzuwenden, also auszubeuten, dann entgegnet uns mancher bürgerliche Ökonom: Unsinn. Es gibt zahlreiche Lohnarbeiter, die Sparkassenbücher und Aktien oder Staatspapiere besitzen: diese sind also auch Kapitalisten. Und es gibt auch nicht wenige Kapitalisten, die in ihren Betrieben mitarbeiten, also Arbeiter sind. Die Definition stimmt also nicht, es gibt keine scharfe Scheidung zwischen Kapitalisten und Proletariern und ihren Interessen. Erst die Hetzer und Wühler tragen künstlich einen Gegensatz zwischen beide hinein.
Nach ähnlicher Methode argumentieren Leute, die erklären, die Scheidung der Genossen in Revisionisten und Nichtrevisionisten sei eine künstlich ersonnene, von einigen Hetzern und Wühlern propagierte Aufbauschung von kleinen Unterschieden.
Und doch begegnen wir Kapitalisten und Proletariern, Revisionisten und Antirevisionisten jeden Tag und verspüren ihre Gegensätze in der unzweideutigsten Weise.
Ebenso schwer wie der Revisionismus ist die Nationalität zu fassen, aber ihre Definitionen werden leichter anerkannt, weil niemand ein Interesse daran hat, ihr Vorhandensein zu leugnen.
Als das vornehmste Merkmal der Nationalität erscheint uns die Sprache, diese Vorbedingung jedes gesellschaftlichen Zusammenwirkens, also der Gesellschaft selbst. Die Sprache ist eines der wichtigsten Produktionsmittel, Mittel nicht bloß geistiger Produktion, der Produktion von Ideen, die nur in Worten gedacht, nur durch Worte mitgeteilt und gesellschaftliches Eigentum werden können. Sie ist auch ein Mittel materieller gesellschaftlicher Produktion, die ohne sprachliche Verständigung der Produzierenden untereinander unmöglich ist.
Die Sprache wird aber auch ein Mittel, die Menschen zusammenzufassen und zu scheiden. Noch kennen wir nicht die Entstehung der Sprache und die Gesetze, die sie in letzter Instanz beherrschen. Aber wir wissen, dass ihre Bildung eine streng gesetzmäßige ist, dass also gleich organisierte Wesen unter gleichen Bedingungen die gleiche Sprache entwickelt haben müssen. So bildet sich in der Sprache ein Mittel der gesellschaftlichen Verständigung und des gesellschaftlichen Zusammenhanges, das weit über den Bereich der naturwüchsigen Herde hinausreicht, die durch gemeinsame Nahrungsgewinnung und den gemeinsamen Kampf gegen gemeinsame Feinde zusammengehalten wird. Andererseits bildet aber die aus der Verschiedenheit der Rassen und ihrer Lebensbedingungen hervorgehende Sprachverschiedenheit ein Mittel, die gesamte menschliche Art in einzelne Abteilungen zu spalten, das in der Tierwelt fehlt. Der der gleichen Sprache Kundige wird zum Freunde, der ihrer Unkundige zum Fremden, dem man je nachdem Gleichgültigkeit, Hohn, Verachtung oder Hass entgegenbringt. Alles, was die Menschen gesellschaftlich einander näherbringt, wirkt darauf hin, dass ihre Sprachen sich assimilieren, wenn diese nicht von vornherein übereinstimmen. Jede Gleichheit der Sprache wieder wird ein Mittel, die Menschen einander gesellschaftlich näher zu bringen. So werden Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, auch Mitglieder des gleichen gesellschaftlichen Organismus – der Nation.
Ein weiteres Mittel sozialen Zusammenhaltes wird die durch die Sprache vermittelte Tradition. Vor der Bildung der Sprache gehen die Erfahrungen des Individuums mit diesem zugrunde. Und andere als persönliche Erfahrungen gibt es da nicht. Die Sprache erlaubt es, persönliche Erfahrungen anderen mitzuteilen, sie aus individuellen zu gesellschaftlichen zu machen; sie erlaubt es, die zu gesellschaftlichen gewordenen Erfahrungen der Nachwelt zu überliefern. Damit ist nicht bloß die Grundbedingung des technischen und damit des sozialen Fortschritts durch Summierung der gesellschaftlichen Erfahrungen gegeben, sondern auch die Möglichkeit geschaffen, die Erinnerung an die gemeinsamen Freuden und Leiden der verschiedenen gesellschaftlichen Organismen in späteren Geschlechtern wach zu halten, den nationalen Zusammenhalt, den die Verhältnisse der Gegenwart bedingen, zu verstärken durch die nationale Tradition.
So wird die Sprache zu einer der wichtigsten Grundbedingungen der Nationalität.
Aber sie ist nicht ihre einzige. Andere treten hinzu und können so bedeutend werden, dass sie genügen, eine Nationalität für sich allein zu erhalten, selbst wenn diese unter der Ungunst der Verhältnisse ihre Sprache einbüßt, wie das zum Beispiel bei den Irländern der Fall. Indes ist das eine Ausnahme. Ohne besondere Sprache kann sich eine besondere Nation nicht bilden und in der Regel auch nicht erhalten.
Aber die Sprache ist ein zu unbestimmtes Merkmal des Individuums, als dass auf die Sprachgemeinschaft irgendwo eine feste gesellschaftliche Organisation aufgebaut worden wäre. Eine fremde Sprache kann man annehmen, die eigene vergessen, mehrere Sprachen nebeneinander sprechen: das ist eine zu schwankende Grundlage für einen gesellschaftlichen Körper. Stets wurde dieser auf anderen Faktoren aufgebaut, die Sprache zeigte aber stets das Streben, sich dem jeweiligen gesellschaftlichen Organismus anzupassen, so dass Sprachgemeinschaft und gesellschaftliche Gemeinschaft sich stets möglichst deckten.
Das erste feste Band, das eine menschliche Gesellschaft zusammenhielt und organisierte, war das Band des Blutes, der gemeinsamen Abstammung von einem gemeinsamen Ahnen. Nur durch die Sprache konnten die Blutbande eine Ausdehnung über das Stadium der tierischen Herde hinaus gewinnen. Die letztere vermag eine unter bestimmten Umständen bestimmte Ausdehnung nicht zu übersteigen; jeder weitere Zuwachs von Nachkommen muss ausgeschieden werden, eine neue Herde bilden, die allen Zusammenhang mit der Mutterherde verliert. In der menschlichen Gesellschaft bildet die Sprache ein Band, das den Zusammenhang zwischen den Abkömmlingen und dem Stamme, dem sie entsprossen, und damit das Gefühl der Stammverwandtschaft, der Zusammengehörigkeit aufrecht erhält. In diesem primitiven Stadium, wo die gesellschaftliche Organisation auf Blutbanden beruht, decken sich Rasse und Nation fast völlig; aber es ist ein Anachronismus schlimmster Art, wenn unsere modernen Rassentheoretiker die modernen Nationen von demselben Gesichtspunkt aus betrachten.
Denn inzwischen ist ein neues Band in Wirksamkeit getreten, dass die menschlichen Gesellschaften zusammenhält: je sesshafter die Menschen wurden, desto wichtiger wurde für sie das gemeinsame Territorium, das sie von den Ahnen ererbt.
Wo die Blutbande die Gesellschaft zusammenhalten, da können die Nationen sich von gegenseitiger Vermischung frei halten auch dort, wo sie durcheinandergewürfelt sind, wie das ihre Wanderungen vielfach mit sich bringen. Die Menschen sind auf dieser Stufe nomadisch, die Bevölkerung dünn, die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen weit voneinander entfernt. Da können sie einander leicht ausweichen. Das wird unmöglich bei dauernder Besiedlung des Bodens und zunehmender Dichte der Bevölkerung. Die Rassen können da noch durch Eheverbote und sonstige juristische Trennungsmittel geschieden bleiben, obwohl auch das immer schwerer wird, je mehr sich die Berührungspunkte zwischen den Angehörigen der verschiedenen Rassen vermehren. Die Sprache aber muß für das ganze Territorium eine einheitliche werden. Am langsamsten erfolgt die sprachliche Verschmelzung dort, wo zwei Rassen als herrschende und beherrschte einander gegenüberstehen. Jedoch auch da erzwingen die gesellschaftlichen Bedürfnisse schließlich eine Assimilierung der Sprachen. Als die Normannen im elften Jahrhundert England eroberten, sprachen sie Französisch. Zwei Jahrhunderte lang blieb dies die Sprache der Aristokratie und des Hofes. Dann ging es in der angelsächsischen Volkssprache auf. In Frankreich wieder bildete das Deutsche die Sprache der Aristokraten und Höflinge, das Romanische die des gemeinen Volkes. Das dauerte fünf Jahrhunderte lang, aber schließlich, im zehnten Jahrhundert, war das Deutsche im ganzen Frankreichreibe eine unbekannte Sprache geworden, die herrschende Rasse hatte sich mit der beherrschten wenigstens in der Sprache zu einer Nation verschmolzen. Später wurde dann bekanntlich umgekehrt das Französische in Deutschland die Sprache der Höflinge und Aristokraten, aber es war dies nur möglich zu einer Zeit der höchsten Verwilderung und Degradierung der Nation.
Je mehr die bürgerliche Gesellschaft und damit der gesellschaftliche Verkehr sich entwickelt, desto stärker wird die Tendenz, dass die Menschen, die das gleiche Territorium bewohnen, auch die gleiche Sprache sprechen. Das Aufkommen der kapitalistischen Produktionsweise fügt dazu die Tendenz, das nationale Territorium in einem Nationalstaat zu konsolidieren. Das Kapital bedarf eines ausgedehnten inneren Marktes mit völlig ungehemmtem Verkehr; es bedarf aber auch möglichst freien Zuganges zum Weltmarkt, der ihm umso gesicherter ist, je stärker der Staat, dem es angehört. Der stärkste Staat ist aber der Nationalstaat, in dem alle Reibungsursachen ausgeschaltet sind, die aus nationalen Gegensätzen hervorgehen. Im nationalen Staate ist aber auch der innere Verkehr am wenigsten gehindert – Sprachverschiedenheiten hemmen den Verkehr nicht minder als Zollschranken. Die Bourgeoisie jeder Nation hat also alles Interesse, alle Teile der Nation in einem Staate zusammenzuschweißen, andererseits allen anderen Nationen im Staate ihre eigene nationale Sprache aufzudrängen. Die daraus hervorgehende Gefahr der Entnationalisierung musste dann dort, wo Teile einer Nation außerhalb ihres Nationalstaats lagen, auch jene Klassen national stimmen, die den ökonomischen Interessen der Bourgeoisie und den politischen der Staatsgewalt gleichgültig gegenüberstanden.
Diese hatte dasselbe Interesse an der Herstellung eines einheitlichen Nationalstaats wie jene. Der mittelalterliche Staat war ein loses Gefüge von kleinen Territorien, die sich entweder demokratisch-genossenschaftlich selbst verwalteten oder feudal, durch einen Grundherrn, verwaltet wurden. Auch für die Armee stellte jedes Territorium selbst sein Kontingent. Welche Nationalität in jedem dieser Territorien saß, war für den Herrscher des Staates sehr gleichgültig. Mit dem Kapitalismus kamen dagegen die Staatsverwaltung durch eine zentralisierte Bürokratie, die Staatsverteidigung durch eine zentralisierte Armee auf. Das bedingte aber eine einheitliche Sprache hier wie dort.
Hier wie in vielen anderen Punkten gingen die Interessen der Bourgeoisie und die der Regierungen Hand in Hand, was freilich nicht verhinderte, dass die letzteren, vielfach in den Händen einer verkommenen Aristokratie, jene Interessengemeinschaft oft genug nicht begriffen.
Die Entwicklung der Nationen nahm jedoch einen ganz anderen Gang in Westeuropa wie in Osteuropa. Im Westen wurde zum Zusammenschluss der modernen Nationalstaaten erst geschritten, nachdem lange vorher die ganze ökonomische und politische Entwicklung die großen, geschlossenen Nationen gebildet hatte, die ihre Grundlage ausmachen sollten. Höchstens an den Grenzen manches dieser Staaten findet sich hier und da ein fremdes Element, sehr geringfügiger Art, das den Gesamtcharakter des Staates nicht zu beeinträchtigen vermag, wie die Basken in den französischen Pyrenäen oder die Italiener in Nizza, die Franzosen in Lothringen, die Dänen in Nordschleswig. Die Polen im östlichen Preußen aber bilden nur einen Beleg dafür, wie nahe noch das Königreich Preußen in seinen östlichen Teilen der Feudalzeit steht.
Nach dem Osten Europas kam der Kapitalismus mit seinen Ansprüchen an Staat und Gesellschaft, ohne lange zu fragen, ob sie für ihn reif seien. Er machte sie sich untertan und wälzte sie in seinem Sinne um, allen Evolutionstheoretikern zum Trotz. Nichts ist revolutionärer, nichts vermag sich sprunghafter zu entwickeln, als die kapitalistische Produktionsweise, die es verschmäht, langsam und tastend, Schritt für Schritt in dem Tempo vorwärts zu kriechen, das den bürgerlichen Soziologen als das für die gesellschaftliche Entwicklung allein mögliche erscheint. Mit Telegraphen, Dampfschiffen, Eisenbahnen dringt sie in die entlegensten Wüsteneien vor, in das Herz von Afrika wie in das von China, und drängt sie mit ein paar gewaltsamen Stößen aus dem Bereich der primitivsten Produktionsarten in das der modernen Großindustrie. Der Kapitalismus ist ein Verfechter der langsamen, unmerklichen Evolution bloß in der Theorie, gegenüber den Ansprüchen der Arbeiter. In der Praxis, zur Befriedigung seiner eigenen Ansprüche, zur Ausdehnung seines Machtbereichs, zeigt er sich revolutionär an Plötzlichkeit, Raschheit, Rücksichtslosigkeit seines Auftretens.
Aber der Kapitalismus ist eine auf schroffen Gegensätzen aufgebaute Gesellschaftsform, der soziale Fortschritt, den er bringt, ist stets mit Leiden, Lasten und Kämpfen verbunden, die umso qualvoller sich äußern, je unvermittelter die neue Produktionsweise auftritt. Denn was sie am raschesten und sprunghaftesten entwickelt, sind ihre Anforderungen; die Mittel, ihnen zu genügen, lässt sie weit langsamer groß werden.
Das zeigt zum Beispiel der mit dem Kapitalismus, seiner Technik und seinen nationalen Großstaaten großgewordene Militarismus. Er bedeutet schon für die Weststaaten Europas eine schwere Last, der ihre Entwicklung beeinträchtigt. Sein bisheriges Fehlen in den Vereinigten Staaten ist eine der Ursachen, dass diese uns überflügeln. Indes, er entwickelte sich in Westeuropa nicht schneller als die Großindustrie, und die lieferte bisher immer noch die Mittel, ihn und die aus ihm entspringenden Staatsschulden zu ertragen. Für Osteuropa – Österreich, Russland, die Balkanstaaten – brachte das mit dem Kapitalismus verbundene Erstehen der westlichen Großstaaten den Drang, es ihnen an militärischer Macht gleichzutun. Aber der moderne Militarismus kam nach Osteuropa früher als die moderne Großindustrie; diese Staaten mußten aus der Bauernschaft und einer kleinen und kleinlichen Industrie die Mittel herausziehen, die der Westen einer kraftvollen Großindustrie entnahm. Sie ruinierten dadurch den Bauern oder hemmten die industrielle Entwicklung – mitunter leisteten sie beides.
Ähnlich wie der Militarismus wirkte in Osteuropa der von der kapitalistischen Entwicklung belebte Nationalismus.