Karl Kautsky

Die Krisis in Österreich

2. Das nationale Problem in Österreich

Wir sprechen im Folgenden in der Regel nur von Österreich; aber das von ihm Gesagte gilt mehr oder weniger auch von der Türkei und manchen Teilen Russlands.

Als der Kapitalismus in Österreich eindrang, war dieses weit davon entfernt, auf der Grundlage einer einheitlichen Nation zu ruhen. Der Kampf gegen die Türken war es, der die Völker und Völkertrümmer des Ostens zusammenschweißte. Als im achtzehnten Jahrhundert die Türkengefahr erlosch, hatte die Habsburgische Monarchie keine historische Aufgabe mehr. Keine sprachliche, wirtschaftliche, ja nicht einmal eine traditionelle Gemeinschaft verband die verschiedenen Bestandteile des Reiches. Sie blieben beisammen, wie so manches andere Staatsgebilde im achtzehnten Jahrhundert: weil eine gemeinsame Dynastie mit einer gemeinsamen Bürokratie und Armee sie beherrschte.

Der Verkehr zwischen den einzelnen Reichsteilen war ein so geringer, dass sie noch Jahrhunderte hätten vereinigt bleiben können, ohne eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Nationalgefühl zu entwickeln. Nicht einmal die Anfänge eines solchen waren vorhanden, als der Kapitalismus sich Österreichs bemächtigte, seine Völker aus ihrem Schlummer riss und das Bedürfnis nach nationaler Zusammenfassung in ihnen erweckte. Dies Gefühl, das im Westen die Staatsbildung so sehr begünstigt und die Staaten so sehr befestigt hatte, konnte in Österreich nur desorganisierend wirken, den Kampf der Nationen und der Reichsteile gegeneinander entzünden.

Ich will darüber nicht weiter hier handeln, ich könnte nur wiederholen, was ich schon einmal ausgeführt (in der Neuen Zeit, XVI, 1, Der Kampf der Nationalitäten und das Staatsrecht in Österreich, S. 516 ff., 557 ff., 723 ff.). Nur auf ein Moment sei jetzt hingewiesen, dass ich damals nicht gehörig beachtet hatte und dass die nationalen Probleme Österreichs (wie der Türkei) verschärft und ihre Lösung erschwert.

Ich habe schon oben die Bemerkung gemacht, dass in den Anfängen der Sesshaftigkeit die Angehörigen verschiedener Rassen und Nationen oft durcheinander wohnen, und dass es mitunter vieler Jahrhunderte bedarf, bis auf einem Territorium eine geschlossene Nation sich entwickelt, in der alle die Verschiedenheiten der Bestandteile, aus denen sie sich bildete, aufgehoben sind. Österreich ist in vielen seiner Teile kulturell noch so rückständig, dass es noch nicht einmal dieses Stadium völlig überwunden hat. Die Nationen Österreichs wohnen nicht überall in geschlossenen, zusammenhängenden Gebieten, sondern oft in buntester Mischung durcheinander.

Als ein Beispiel seien drei südliche Komitate Ungarns hier angeführt:

„Im Temescher Komitat verteilen sich die Nationalitäten wie folgt: Es gibt 6 ungarische, 124 rumänische, 60 deutsche, 30 serbische, 1 slowakische, 1 bulgarische, 1 tschechische Ortschaft. Unter den 222 Gemeinden des Torontaler Komitats zählt man 43 ungarische, 34 rumänische, 67 deutsche, 63 serbische, 5 slowakische, 4 kroatische und 6 bulgarische Gemeinden. Im Bacser Komitat befinden sich 38 ungarische, 45 deutsche, 30 serbische, 2 ruthenische, 7 slowakische Gemeinden.“ (Dr. S. Radó, Das Deutschtum in Ungarn, Berlin 1903, Puttkammer & Mühlbrecht, S. 16, 17.)

Ähnlich steht’s in Makedonien. Dort zählte man zum Beispiel:

Im Sandschak

Griechen

Bulgaren

Mohammedaner
(Türken und Albanesen)

Walachen
bzw. Serben
[1]

Zigeuner

Juden

Skopia.

5.086

187.184

117.781

9.331

4.208

1.570

Saloniki

232.621

91.708

180.735

17.494

1.670

73.455

Und nicht bloß in den einzelnen Sandschaks (Regierungsbezirken), sondern selbst in den einzelnen Ortschaften wohnen die einzelnen Nationen ganz durcheinandergemischt, so zum Beispiel im Ortsbezirk Kumanovo des Sandschaks Skopia 87 Griechen, 21.106 Bulgaren, 11.885 Mohammedaner, 7.623 Serben und 477 Zigeuner. (Dr. Cleanthes Nicolaïdes, Makedonien, Berlin 1903, Calvary & Co., S. 25 bis 27.)

Es ist dies einer der Gründe, die die Position der Türkei in Makedonien stärken. Hielten Bulgaren, Serben, Griechen zusammen, sie wären schon imstande, dem Sultan die Hölle heiß zu machen. Aber jeder der drei Volksstämme möchte Makedonien für sich haben, keiner gönnt es dem anderen, und wenn die Bulgaren sich erheben, finden sie nicht bloß Türken und Albanesen, sondern auch Griechen und Serben unter ihren Gegnern.

Wie sehr auch in Österreich eine Lösung der nationalen Probleme durch diese örtliche Mischung der Nationen erschwert wird, liegt auf der Hand. Sie werden aber dadurch auch verschärft, denn gerade um die nationalen Minoritäten, die von den Majoritäten anderer Nationen in ihrer Mitte vergewaltigt werden, in deren Mitte sie leben, entspinnen sich die heftigsten Kämpfe.

Und merkwürdigerweise wirkt die ökonomische Entwicklung in Österreich und der Türkei nicht dahin, wie anderswo, die Nationalitäten zu konsolidieren, die Minoritäten anderer Nationen in ihrer Mitte aufzusaugen und so Nationen mit geschlossenen Gebieten zu schaffen, sie wirkt dort vielmehr dahin, die Nationen noch mehr durcheinander zu wirren und immer wieder neue Minoritäten zu schaffen.

Sie erzielt das durch die inneren Wanderungen, die der Kapitalismus überall mit Notwendigkeit erzeugt, indem er die bäuerliche Wirtschaft immer unvereinbarer mit dem modernen Kulturleben macht, die bäuerliche Bevölkerung gleichzeitig durch die Erleichterungen des Verkehrs in innigere Berührung damit bringt, wodurch er die Sehnsucht danach, den Zug nach der Stadt, nach der Industrie, die Landflucht erzeugt. In Nationalstaaten kann diese innere Wanderung nie eine Änderung des nationalen Gefüges herbeiführen. Ausländische Zuzügler aus fremden Nationen werden dort aber entweder aufgesogen oder als Staatsfremde von jedem Einfluß auf den Körper der Nation fern gehalten. Anders in einem Nationalitätenstaat. Da bringen die inneren Wanderungen ständige Verschiebungen in der Verteilung der Nationalitäten hervor. Das Durcheinander der Nationalitäten und die Ausdehnung ihrer Reibungsflächen wächst damit ununterbrochen.

Als Illustration dazu einige Zahlen aus Ungarn. In der nationalen Zusammensetzung einzelner Ortschaften gingen dort in den letzten fünfzig Jahren folgende Veränderungen vor sich. Es wurden gewonnen respektive verloren von den

 

Gewonnen

Verloren

 

Madjaren

261

456

Ortschaften

Rumänen

162

64

Ortschaften

Deutschen

168

116

Ortschaften

Serben

8

87

Ortschaften

Slowaken

258

106

Ortschaften

und so weiter.

Diese Zahlen sollen bloß die großen lokalen Verschiebungen der Nationalitäten kennzeichnen, nicht ihr Vordringen oder ihren Rückgang. Zum Beispiel bedeuten die Verluste der Madjaren an Ortschaften nicht Verluste an Menschen; sie sind namentlich dadurch herbeigeführt, dass die Madjaren als ökonomisch fortgeschrittenste Nation Ungarns (neben den Deutschen) am meisten von der Landflucht ergriffen werden, am meisten vom flachen Lande und den Kleinstädten in die größeren Städte strömen, wo sie auch einen immer größeren Teil der Bourgeoisie bilden – auf Kosten des Deutschtums. Die Bourgeoisie madjarisiert sich in Ungarn immer mehr, teils dadurch, dass die herrschende Nation alle Ämter monopolisiert und ihre Nationsgenossen auch im ökonomischen Leben protegiert, teils dadurch, dass alle in die Bourgeoisie aufsteigenden Elemente anderer Nationen sich der herrschenden Nation anschließen, um deren Vorteile zu genießen.

Die Madjaren bilden die Minderheit der Bevölkerung in Ungarn. Trotzdem man mit allen Mitteln das Bekenntnis zum Madjarentum zu fördern sucht, wies die Aufnahme von 1900 doch nur 8.700.000 Madjaren bei einer Gesamtbevölkerung von 19.300,000 aus. Von den Hochschülern Ungarns aber bekannten sich 1900 8.070 als Madjaren, 562 als Deutsche, 132 als Slowaken, 371 waren Rumänen, 31 Serben (Radó, a. a. O., S.&mbsp;51). Die Madjaren bildeten also 45 Prozent in der Bevölkerung, aber 88 Prozent unter den Hochschülern. Neben ihnen kamen nur noch die Deutschen (11 Prozent der Bevölkerung, 6 Prozent der Hochschüler) in Betracht.

Der Begriff Madjare und Bourgeois wird also für die nichtmadjarischen Nationen Ungarns ebenso gleichbedeutend, wie vor wenigen Jahrzehnten noch in der westlichen Reichshälfte für die nichtdeutschen Nationalitäten der Deutsche den Bourgeois repräsentierte.

Das sagt natürlich nicht, dass es unter den Madjaren kein Proletariat gibt. Im Gegenteil, als ökonomisch höchststehende Nation liefern die Madjaren bisher auch den kampffähigsten Teil des Proletariats Ungarns. Aber für die nichtmadjarischen Nationen des Landes identifiziert sich ihr nationaler Kampf immer mehr mit einem Klassenkampf gegen die Bourgeoisie, was wieder dazu führt, die nationalen Gegensätze zu vertiefen, die nationale Erbitterung zu steigern.

*

Anmerkung

1. Im Sandschak Skopia Serben, im Sandschak Saloniki Walachen.