Karl Kautsky

Die Revolution in Russland

(29. Jänner 1905)


Karl Kautsky, Die Revolution in Russland, Arbeiter-Zeitung. Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, 17. Jg., Nr. 29, 29. Jänner 1905.
https://anno.onb.ac.at/cgi-content/annoshow?call=aze|19050129|1|33.0|0, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/annoshow?call=aze u. |19050129|2|33.0|0.
Transkription: Daniel Gaido.
HTNL-Marrkierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Am 5. Februar 1904 wurde der Krieg zwischen Japan und der Regierung des Zaren eröffnet. Kaum ein Jahr später, am 22. Jänner 1905, hat der Zar seinem eigenen Volk den Krieg erklärt; er führt von nun an den Krieg nicht mehr bloß gegen einige Verschwörungen von Studenten und Arbeitern, sondern gegen die Gesamtheit seiner Untertanen, und es ist ein weit blutigerer, grausamerer Krieg als der in der Mandschurei zwischen den feindlichen Heeren entbrannte. Die Soldaten Japans schonen die Nichtkombattanten, die Kapitulierenden. Die Schergen des Zaren schlachten Unbewaffnete, Bittflehende, Weiber, Kinder; der Landesvater haust in seinem Reich, wie ehedem die Horden der Mongolen darin gehaust haben, die blutdürstigsten und vertiertesten der Barbaren.

Der Bürgerkrieg hat in Russland begonnen, begonnen mit einem Sieg der bewaffneten Macht, ihrem ersten Sieg seit einem Jahre steten Kampfs, aber dieser Sieg dürfte dem Autokratentum Russlands teurer zu stehen kommen als alle seine Niederlagen in der Mandschurei, denn dieser Sieg bildet den gewaltigsten Aufruf des ganzen Volkes zur Blutrache. Nur durch weiteres Morden kann das Selbstherrschertum sich noch behaupten, aber aus dem Gebeinen jedes Gemordeten muss ein neuer Rächer erstehen; immer wilder, immer verzweifelter muss der Kampf werden, immer mehr muss auf beiden Seiten die Achtung des Menschenlebens schwinden, des eigenen wie des fremden, und nicht eher kann dieses entsetzliche Wüten ein Ende nehmen, als bis das Selbstherrschertum am Boden liegt, gleich seinem Volke aus tausend Wunden blutend.

Vielleicht ist es möglich, dass es der zarischen Regierung diesmal noch gelingt, die Massendemonstrationen und Streiks in der Provinz ebenso zu Boden zu werfen, wie es ihr in Petersburg gelungen zu sein scheint. Aber sie kann das Proletariat nicht entbehren, auf dessen Arbeit sie wie die ganze Gesellschaft beruht, und sie kann es doch nicht befriedigen, da sie aus seinem Elend ihren Reichtum schöpft. Sie muss dieses Elend ständig vermehren, so lange sie den frivol heraufbeschworenen Krieg weiterführt, muss so das Proletariat beständig wieder aufreizen. Seit Monaten dauern die Unruhen in Russland, immer wieder unterdrückt, immer wieder sich erneuernd, immer machtvoller, immer verzweifelter. Aber je länger diese Unruhen währen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch die dumpfe Masse der Bauernschaft aufrütteln; dass dem Sturm gegen die Bastillen der Städte ein Sturm auf die Schlösser des Landadels folgt. Ein allgemeines Chaos bedroht Russland – und warum? Bloß wegen einer Hofkamarilla, die das Volk ebenso hochmütig verachtet, wie sie es instinktiv hasst, und die in jeder Spur von Volksfreiheit ihren Todfeind sieht, weil sie weiß, ihr Regime der Privilegien, Missbräuche, Diebstähle ungestraft nur dann fortsetzen zu können, wenn sie jede Kontrolle ihres leichtfertigen, ja verbrecherischen Gebarens unmöglich macht.

Selbst die besitzenden Klassen: Kapitalisten, Kleinbürger, Landadel, haben an der Erhaltung dieses Regimes kein Interesse. Jetzt werden sie aber dadurch sogar in ihren eigensten Interessen bedroht, da sie es sind, an denen das aufgewühlte Volk zuerst seinen Zorn auslassen kann, und da auch die größte Militärmacht der Welt nicht ausreichen wird, sie wirksam zu schützen. Je wilder der Krieg zwischen dem Hofe und der Volksmasse tobt, desto schutzloser und bedrohter fühlen sich die besitzenden Klassen, desto dringender ist ihr Bedürfnis auch politischen Konzessionen, die der Revolution ein Ende machen sollen, desto größer ihre Erbitterung gegen die Regierung, die sie durch ihren blinden Eigensinn in der gewissenlosesten Weise den größten Gefahren aussetzt.

Zu alledem muss sich aber die steigende Erbitterung der Armee selbst gesellen. Dass der Krieg gegen Japan noch siegreich beendet wird, ist von jetzt an ausgeschlossen. Wie sollten unter der allgemeinen Volkswut noch weitere Mobilisierungen von Reserven möglich sein, die bisher schon überall auf den größten Widerstand stießen? Und wie sollte die zarische Regierung imstande sein, noch weitere Truppen nach dem Osten zu senden, die doch alle bewaffnete Macht gegen ihr eigenes Volk aufbieten muss? Der Krieg gegen Japan kann sich noch einige Zeit hinziehen, aber er wird nur noch eine zwecklose Schlächterei sein, ein zielloses Opfern von Hekatomben durch eine Regierung, die weder Kraft noch Intelligenz hat, zu siegen, aber zu viel eigensinnige Verbissenheit und leichtfertige Gewissenlosigkeit besitzt, um sich zu einem Frieden zu bequemen, der unvermeidlich geworden ist.

Aber er wird doch kommen, und er wird ein schimpflicher Frieden sein. Je weiter er aber hinausgeschoben wird, je länger die Periode noch dauert, in der die Machthaber Russlands ihre Truppen in der Mandschurei zur Schlachtbank führen, desto gewaltiger muss die Wut im Heere aufbrausen, wenn es wahrnimmt, dass alle Opfer umsonst gebracht sind und es gedemütigt nach Hause zurückkehren muss.

In der Rückkehr dieser Feldarmee aus der Mandschurei liegt die größte Gefahr für das Zarentum. Zu allen Unruhen im weiten Reiche, zu der Empörung der Industriearbeiter, vielleicht auch der Bauern, dem Missvergnügen der Besitzenden und der Intellektuellen, den Attentaten, die Verzweiflung und Rache von nun an in reicher Fülle gegen alle Verfechter der Autokratie entfesseln wird – zu alledem wird sich dann die Empörung des besten und streitbarsten Teiles der Armee gesellen, der Offiziere wie der Mannschaften, und der Koloss des Zarentums müsste nicht auf tönernen Füßen, sondern auf der gewaltigsten ehernen Basis beruhen, wenn er dem allen nicht erliegen sollte. Seine einzige Leibgarde werden dann die Diebe bilden, denen er gestattet, den Staat zu plündern, und die alle Ursache haben, den Zorn des Volkes zu fürchten.

Der Untergang der Selbstherrschaft in Russland war von dem Tage an sicher, als es ihr nicht gelang, mit dem Kriegsfeind, dem kleinen Japan, fertig zu werden. Der Despotismus steht in so krassem Widerspruch zu allen Lebensbedingungen der modernen Gesellschaft, dass er in Russland die unerträglichsten Zustände hervorrufen musste, sobald dort einmal die moderne Produktionsweise festen Fuß gefasst hatte. Die ganze Nation wurde immer mehr vor die Wahl gestellt: ihrer eigenen Verwesung bei lebendigem Leibe gleichmütig zuzusehen oder sich des Polyps der Autokratie zu entledigen, der sie umklammert und ihr das Lebensblut aussaugt. Indes waren die oppositionellen Schichten, das Proletariat einiger Städte und die Studentenschaft, zu schwach, um das zarische Regime ernsthaft zu erschüttern. Die Agitation durch Wort und Schrift, so emsig sie betrieben wurde, genügte nicht, die träge Masse der Bevölkerung aufzurütteln, die in der großen Mehrheit kaum dem bäuerlichen Pflanzendasein entwachsen war. Es bedurfte gewaltigerer Eindrücke, als sie Flugblätter und Reden hervorzubringen vermögen; es bedurfte eines eindringlichen Anschauungsunterrichts, um den findlichen Riesen über seine Aufgaben und Kräfte zu belehren.

Diesen Anschauungsunterricht empfängt jetzt das russische Volk in ausgiebigstem Maße. Der Krieg gegen Japan hat ihm die bodenlose Unfähigkeit, Leichtfertigkeit und Verkommenheit des bestehenden Regimes enthüllt. Die Schlacht oder vielmehr die Schlachten zu Petersburg vom 22. Jänner zeigen ihm in grausigster Anschaulichkeit, welche Torheit es ist, von der Milde und Einsicht der Regierung des Friedenszaren auch nur die mindeste Konzession an die Bedürfnisse des Volkes zu erwarten. Die Lektion war furchtbar eindringlich – keine Frage, sie wird wirken.

Die Fortdauer der zarischen Autokratie ist unmöglich geworden. Aber bis vor kurzem hoffte man noch in weiten Kreisen, sie werde sich in letzter Minute wenigstens so weit besinnen, um freiwillig zu geben, was sie auf die Dauer doch nicht vorenthalten kann, und auf diese Weise einer gewaltsamen Revolution zuvorkommen. Man dachte, als letzte der europäischen Regierungen, die zu einem konstitutionellen Regime zu übergehen hatte – wenn man die Türkei nicht mehr zu Europa rechnet –, werde sie von ihren Vorgängern gelernt haben; das Beispiel so vieler europäischer Monarchien werde ihr zeigen, wie wenig sie an Macht einbüße durch eine Verfassung nach dem Muster der österreichischen oder der preußischen.

Dieser Traum der „friedlichen Revolution“ ist ausgeträumt. Der Liberalismus des Fürsten Swiatopolk-Mirsky erwies sich als ein Potemkinsches Dorf, wohl nur zu dem Zwecke vorgegaukelt, um die neue Anleihe leichter unterzubringen. Er brach zusammen, sobald diese gezeichnet war.

Vom 22. Jänner an ist es entschieden, dass Russland nicht den Weg der friedlichen Reform gehen wird, dass seine Revolution, die jetzt blutig begonnen, auch in ihrem weiteren Verlaufe eine blutige, gewaltsame sein wird, dass das zwanzigste Jahrhundert im Osten Europas beginnen wird, wie das achtzehnte im Westen endete.

Am 21. d. fasste der Zar den Entschluss, seine geliebten Landeskinder niederhartätschen zu lassen, die sich des todeswürdigen Verbrechens schuldig machten, ihm voll Vertrauens eine Bittschrift zu überreichen. Hat Nikolaus II. bedacht, an welchem Datum er diesen Entschluss fasste? Am 21. Jänner 1793 wurde Ludwig XVI. guillotiniert, weil er sich zur blutigen Niederwerfung seines Volkes verschworen hatte. Oder war es dieses Datum, das ihn nervös machte? Das Blutbad vom 22. d. kann ebenso gut das Ergebnis kopfloser Angst wie blutdürstiger Entschlossenheit sein.

Nicht mit Freuden begrüßen wir diese Wendung. Es wird ein grauenvolles, opferreiches Ringen sein, das die unglückseligen Völker des Zaren in den nächsten Wochen, Monaten, vielleicht Jahren zerfleischt. Aber nicht umsonst werden die Opfer fallen. Ganz anders wirkt die Freiheit, die sich das Volk selbst erkämpft, als jene, die ihm von oben geschenkt wird. Die eine berührt nur seine Oberfläche, die andere wühlt es bis ins Innerste auf; die eine lässt das Volk im Wesentlichen so, wie sie es vorfand, die andere reißt es in Jahren um Jahrzehnte. Harmloser, naiver, unwissender als irgendeine Schichte des kämpfenden Proletariats Europas tritt das russische in die Katastrophe ein, die jetzt hereingebrochen ist. Welches immer ihr Ausgang sein mag, als ebenbürtiger Mitkämpfer, vielleicht als Vorgänger in dem großen Kampfe gegen alles Herrentum und Ausbeutung, den das internationale Proletariat kämpft, wird es aus dieser Katastrophe herauskommen. Und sein Sieg wird dem Proletariat aller Nationen in seinem Emanzipationskampf neue Kräfte verleihen, wird seine Gegner allerorten verwirren und lähmen.

Eine neue Epoche der Geschichte, nicht nur Russlands, sondern der Welt, leitete der 22. Jänner dieses Jahres ein. Große Dinge stehen uns bevor. Möge der große Moment auch ein großes Geschlecht finden!


Zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2026