Karl Kautsky

Handelspolitik und Sozialdemokratie

Einleitung

Der Ablauf der wichtigsten Handelsverträge des Deutschen Reichs im Jahre 1903 ermöglicht es, die Richtung der Zoll- und Handelspolitik, die es vor zehn Jahren eingeschlagen, zu ändern. Ihre Änderung im Sinne eines grundsätzlichen Freihandels ist bei den heutigen Machtverhältnissen allerdings nicht zu verwerten. Dagegen ist ihre Änderung im Sinne einer Verstärkung des Schutzzollsystems und namentlich einer Erhöhung der landwirtschaftlichen Zölle zur großen Wahrscheinlichkeit geworden, angesicht der Haltung der Mehrheit des Reichstags und der Haltung der Regierung.

Für und wider diese Änderung wird in den Parlamenten und in der Bevölkerung gekämpft; es sind die stärksten politischen und wirtschaftlichen Mächte, die für die Verschärfung des Schutzsystems eintreten, und es wird der energischsten Anstrengungen aller Verteidiger eines freien Handelsverkehrs bedürfen, soll der Sturm abgeschlagen werden.

Die einzige kraftvolle Macht, die den Schutzzöllnern entgegengestellt werden kann, ist aber das in der Sozialdemokratie organisierte, zielbewusste Proletariat.

Notwendigerweise hat sich seine Agitation bisher auf den Kampf gegen die Getreidezölle konzentriert, die den Gipfel des modernen Schutzzollsystems bilden, dessen Geist am schärfsten kennzeichnen und für die Masse der Bevölkerung am gefährlichsten sind.

Andere Fragen der Handelspolitik sind darüber in den Hintergrund getreten, sie werden jedoch erhöhte Bedeutung erlangen, sobald die Neugestaltung des Zolltarifs und der Handelsverträge greifbare Formen annimmt. Manche von ihnen sind komplizierter und strittiger als die der Getreidezölle, aber sie gehen das Proletariat nicht weniger an, als diese, und sie alle hängen unter einander aufs Engste zusammen. Es hat in die Kämpfe um diese Fragen nicht minder einzugreifen, als in die um den Getreidezoll.

An Einzeluntersuchungen über manche dieser Fragen ist kein Mangel. Aber das Proletariat hat keine Zeit, Monographien zu studieren, auch will es sich nicht in Einzelheiten verlieren, um darüber den Sinn für die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge zu verlieren. Was in der jetzigen Situation beruht, das ist eine kurze, zusammenfassende Darstellung der modernen Handelspolitik, ihrer Aufgaben und Wirkungen in ihrer Gesamtheit und in ihren Zusammenhängen mit der ganzen gesellschaftlichen Entwickelung. Eine solche Darstellung ist ungemein schwierig, namentlich wenn sie auf einen beschränkten Raum rasch gegeben werden muss – und diesmal hieß es, besonders rasch sein, handelt es sich doch darum, ein Kampfesmittel unmittelbar vor der entscheidenden Schlacht zu liefern. Die Lösung der Aufgabe war schwierig, aber notwendig, und so haben wir sie versucht.

Der Standpunkt, von dem wir hier ausgehen, ist derselbe, den die deutsche Sozialdemokratie auf dem Stuttgarter Kongresse von 1898 einstimmig akzeptiert hat. Fällt dem Verfasser selbstverständlich die Verantwortung für die Einzelheiten seiner Ausführungen allein zu, so weiß er sich doch in Bezug auf den von ihm verfochtenen allgemeinen Standpunkt mit seiner Partei einig.

Was aber die Methode unserer Darstellung anbelangt, so halten wir die entwickelungsgeschichtliche für diejenige, welche das Verständnis einer Erscheinung am leichtesten vermittelt. Indem wir die Entstehung der heutigen Bestrebungen und Schlagworte der Handelspolitik untersuchen und ihre Zusammenhänge mit der früheren Handelspolitik, aber auch ihre Unterschiede von dieser beleuchten, werden wir ihre Eigenart und ihre Ziele am besten begreifen lernen.

Wir werden dabei anscheinend weit ausholen müsse aber rascher zum Verständnis der Gegenwart gelangen, als wenn wir uns auf eine Zergliederung der letzteren allein beschränken würden. und diesmal hieß es, besonders rasch sein, handelt es sich doch darum, ein Kampfesmittel unmittelbar vor der entscheidenden Schlacht zu liefern. Die Lösung der Aufgabe war schwierig, aber notwendig, und so haben wir sie versucht.

Der Standpunkt, von dem wir hier ausgehen, ist derselbe, den die deutsche Sozialdemokratie auf dem Stuttgarter Kongresse von 1898 einstimmig akzeptiert hat. Fällt dem Verfasser selbstverständlich die Verantwortung für die Einzelheiten seiner Ausführungen allein zu, so weiß er sich doch in Bezug auf den von ihm verfochtenen allgemeinen Standpunkt mit seiner Partei einig.

Was aber die Methode unserer Darstellung anbelangt, so halten wir die entwickelungsgeschichtliche für diejenige, welche das Verständnis einer Erscheinung am leichtesten vermittelt. Indem wir die Entstehung der heutigen Bestrebungen und Schlagworte der Handelspolitik untersuchen und ihre Zusammenhänge mit der früheren Handelspolitik, aber auch ihre Unterschiede von dieser beleuchten, werden wir ihre Eigenart und ihre Ziele am besten begreifen lernen.

Wir werden dabei anscheinend weit ausholen müssen, aber rascher zum Verständnis der Gegenwart gelangen, als wenn wir uns auf eine Zergliederung der letzteren allein beschränken würden.

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Zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 1923