Karl Kautsky

Handelspolitik und Sozialdemokratie

1. Die Finanzzölle

Die einzige Art des Handels, die uns hier beschäftigt, ist der auswärtige Handel, der Handel zwischen verschiedenen Gemeinwesen, nicht der innerhalb eines Gemeinwesens. Diese Art Handel ist uralt, ihre Anfänge liegen in der vorhistorischen Zeit; sie ist viel älter, als der innere Handel. Der auswärtige Handel entwickelt sich überall, wo Gemeinwesen mit einander in Berührung treten, von denen das eine Produkte erzeugt, die das andere nicht oder nur in ungenügenden Quantitäten oder Qualitäten hervorbringt, etwa Zinn, Kupfer, Salz, Bernstein, Elfenbein, Purpur, Pelze u. s. w.

Die Grundlage dieses Handels bildet die auf natürlichen Verschiedenheiten beruhende Verschiedenheit der Produkte der verschiedenen Gegenden. Er ist ein Kulturelement ersten Ranges und für die gesellschaftliche Entwickelung unentbehrlich. Er hat alle gesellschaftlichen Veränderungen überdauert und wird alle gesellschaftlichen Veränderungen überdauern bis zu jenem fernen Zeitpunkt, in dem die gesummte Menschheit der Erde zu einem einzigen gesellschaftlichen Organismus zusammengewachsen ist. Auch ein sozialistisches Gemeinwesen, das naturgemäß nach Aufhebung des inneren Warenhandels trachten würde, müsste bestrebt sein, den aus den natürlichen Unterschieden der verschiedenen Produktionsstätten entspringenden auswärtigen Handel zu pflegen, ja, im Interesse der Wohlfahrt und der Kultur seiner Bevölkerung noch zu erweitern. Es werden dann aber wohl die Gemeinwesen selbst die Träger dieses Handels sein.

Ob in seinen Anfängen der Handel von den Gemeinwesen oder von einzelnen Individuen betrieben wurde, darüber können wir nur Vermutungen äußern, die für unsere Zwecke sehr gleich- giltig sind. Frühzeitig aber bildete sich eine eigene Klasse von Menschen, die den Handel nicht gelegentlich neben ihren sonstigen Beschäftigungen trieb, sondern davon lebte, die Klasse der Kaufleute.

So unentbehrlich für eine höhere Kultur der äußere Handel ist, so sind dagegen die Kaufleute nur unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen notwendig: Die Grundlage ihrer Wirksamkeit ist das Privateigentum an den Waren, mit denen sie handeln. Je mehr sich das Privateigentum entwickelt, desto mehr entwickelt sich der durch Kaufleute betriebene Handel.

Seine Triebkraft aber bildet der Profit, der daraus entsteht, dass der Kaufmann Waren dort kauft, wo ihre Herstellungskosten beziehungsweise ihr Preis gering ist und dort verkauft, wo Kosten und Preis hoch sind, so dass ihm über die Transport-kosten noch ein Überschuss übrigbleibt. Dieser Profit ist die erste Form arbeitslosen Einkommens, die nicht aus direkter gewaltsamer Erpressung stammt; das Geld, das der Kaufmann in seinem Unternehmen anwendet, ist die erste Form des Kapitals.

Sein Profit hängt nicht ab von seiner persönlichen Arbeitskraft, sondern er wird unter sonst gleichen Umständen bestimmt durch die Größe seines Kapitals. Kann er um 10000 Mark Waren verkaufen, so wird sein Prosit unter sonst gleichen Umständen zehnmal so groß sein, als wenn er nur um 1000 Mark verkaufte. Taher der Drang, Geld anzusammeln, um den Profit vergrößern zu können, daher aber auch mit wachsendem Vermögen ein Wachsen des Profits, das es wieder ermöglicht, mehr Geld im Handel anzulegen.

Die wachsenden Reichtümer der Kaufleute erweckten bald die Gier der Machthaber. Frühzeitig begannen sie von den Kaufleuten zu fordern, diese sollten mit ihnen teilen; im Auslande verlangte man von ihnen einen Tribut, einen Zoll, einen Anteil an ihrer Beute.

So sind die ersten Zölle entstanden. Schon im grauen Altertum finden wir sie, aber wir bemerken das nicht etwa zu den Zwecken einer antiquarischen Untersuchung, sondern um ein Licht zu werfen auf die Barbarei der heutigen Finanzzölle.

Diese, eines der primitivsten Mittel der Bereicherung der staatlichen Machthaber, bilden heute noch in allen Kulturstaaten eines der wichtigsten, wo nicht das wichtigste Mittel, die Kosten der Staatsverwaltung aufzubringen. Wohl hat sich der Charakter der Finanzzölle seit dem Altertum geändert, aber nicht in sehr erfreulicher Weise.

Ehedem waren die Zölle ein Tribut, den man den Kaufleuten auflegte. Je kraftvoller der Handel wird, desto mehr versteht er es, diese Last von sich abzuwälzen; der Zoll wird zu einer Steuer, welche die Bevölkerung zu bezahlen hat.

In den Anfängen des auswärtigen Handels umfasste aber dieser vornehmlich leicht transportable Luxuswaren der Reichen; heute treten im Welthandel immer mehr die wichtigsten Lebensmittel der Armen an die erste Stelle. So werden die Finanzzölle aus einer Steuer auf die Reichen, die sie ehedem gewesen, immer mehr eine Steuer auf die Armen.

Wie alle indirekten Steuern, werden also mit Recht auch die Finanzzölle von der Sozialdemokratie entschieden verworfen.

Neben der Belastung der ärmeren Teile der Bevölkerung ist es auch ihre politische Wirkung, welche uns zu ihren Gegnern stempeln muss. Finanzzölle sind eine Einnahmsquelle der Regierungen, die sie unabhängig macht von den Parlamenten; sie sind auch eine Einnahmsquelle, die der Bevölkerung ihr Geld auf indirektem Wege aus den Taschen zieht, wodurch der finanzielle Druck verschleiert aber nicht verringert wird, den sie üben. Je reichlicher und ungehinderter sie fließen, desto mehr verführen sie die Regierungen zu Geldausgaben, vor denen sie sich sonst hüten würden.

Jeder Zoll, auch der Schutzzoll, wirkt aber in dieser Beziehung wie ein Finanzzoll.

In Amerika wurden die reichen Überschüsse, welche die hohen Zölle erzielten und den herrschenden Parteien zur Verfügung stellten, eine der Hauptursachen der politischen Korruption, welche die transatlantische Republik schändet.

In Europa wieder hätte das Wettrüsten der Regierungen des europäischen Festlands seit dem Ende der achtziger Jahre sich nicht in dem wahnsinnigen Tempo entfalten können, das es seitdem angenommen hat, ohne die reiche Quelle erhöhter Zölle, die sie sich erschlossen haben. Das Tempo wäre ein viel langsameres geworden, wenn die Regierungen sich gezwungen gesehen hätten, die Bewilligung der Gelder für die wachsenden Armee- und Marinekosten durch direkte Steuern aufzubringen und darum mit den Parlamenten zu kämpfen.

1878/79 betrugen die Einnahmen aus den Zöllen im Deutschen Reich 101.140.000 Mark, dagegen 1898 475.771.000 Mark Diese Vermehrung der Einnahmen um fast 4O0 Millionen binnen 20 Jahren wurde völlig verschlungen vom Militarismus, der (mit Marine, Pensionsfonds und Verzinsung der Staatsschulden) 1879/80 428.338.400 Mark, 1899 dagegen 926.198.100 Mark erforderte, um 500 Millionen mehr.

Von den Zolleinnahmen des Deutschen Reichs entfällt der Löwenanteil auf die Getreidezölle, die 1899 128 Millionen Mark einbrachten, ein Viertel des gesamten Zollbetrags [1], 2,32 Mark pro Kopf, 11,50 Mark pro Familie von fünf Köpfen. Gleich danach aber kommen zwei reine Finanzzölle, der Petroleumzoll, der 1899 68 Millionen einbrachte, 13 Prozent des Zollertrags, 1,22 Mark pro Kopf, und der Kaffeezoll, der 62 Millionen trug, 12 Prozent des gesamten Zollertrags, 1,13 Mark pro Kopf. Diese beiden reinen Finanzzölle allein belasten zusammen jede Familie im Durchschnitt mit 12 Mark.

Für diese beiden Zölle ist gar keine Entschuldigung und kein Vorwand vorhanden. Keine Industrie, keine Landwirtschaft wird durch sie geschützt – höchstens wird die Allmacht der Kohlenmagnaten durch den Petroleumzoll noch etwas gesteigert. Sie entspringen nur dem Bedürfnis, für den Militarismus Geld herauszupressen. Über dem Kampf gegen die Getreidezölle dürfen die Finanzzölle nicht vergessen werden. Neben den beiden obengenannten kommen da noch die folgenden in Betracht:

Es ertrugen 1899 die auf:

 

absolut Mark

pro Kopf Pfenning

Südfrüchte

7.826.000

14,1

Kakao

6.207.000

11,2

Reis

5.388.000

  9,7

Thee

2.744.000

  5,0

Die Gesamtheit der Zölle ergibt eine Belastung der Bevölkerung von 10 Mark pro Kopf, 50 Mark pro Familie.

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Anmerkung

1. 1896 brachten sie 146 Millionen, ein Drittel des gesamten Zollertrags, 2,76 Mk. pro Kopf.>


Zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 1923