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Wir haben gesehen, wie die Reichtümer, die der Handel den Kaufleuten eintrug, in den staatlichen Machthabern die Gier erweckte, mit ihnen zu teilen. Aber sie konnten dabei nicht stehen bleiben. Je größer ihre Geldbedürfnisse und ihre Geldgier – und die Einen wie die Anderen wuchsen immer mehr – uni so mehr mussten die Weiterblickenden unter ihnen bedacht sein, nicht das Huhn zu schlachten, das die goldenen Eier legte, sondern es recht zu pflegen und groß werden zu lassen.
Andererseits erlangten die Kaufleute umso größere Macht im Staate, je reicher sie wurden; namentlich durch das Mittel der Staatsanleihen brachten sie die Staatsgewalt, mochte es eine republikanische oder monarchische sein, in größte Abhängigkeit von sich.
Kein Wunder, dass die Förderung des Handels und des Handelsprofits eine der wichtigsten Aufgaben der staatlichen Politik wurde und dass daraus eine systematische Handelspolitik entstand, deren wissenschaftliche Begründung durch das Merkantilsystem im 17. Jahrhundert den Ursprung der wissenschaftlichen Nationalökonomie bedeutet.
Der Handel mit dem Ausland sollte gefördert werden, aber selbstverständlich nur der profitable Handel, derjenige, der einen Überschuss an Geld ins Land bringt. Wodurch erzielt man aber diesen Überschuss? Ganz einfach dadurch, dass man viel verkauft und wenig kauft.
Das war damals der private geschäftliche Grundsatz des Bourgeois, der so sparsam als möglich lebte und dabei Reichtümer aufhäufte, im Gegensatz zu dem Feudaladel, der in sinnlosem Genussleben mehr kaufte, als er verkaufte, dadurch verschuldete und verarmte. Eine vernünftige Handelspolitik durfte nur nach dem bürgerlichen Muster ihre Grundsätze ordnen, auch für sie wurde das Bestreben Regel: mehr verkaufen als kaufen, also mehr Waren ausführen als einführen. Der Maßstab, an dein die Wirkungen der Handelspolitik genießen wurden, war die Handelsbilanz, das heißt, das Verhältnis zwischen dem Wert der Einfuhr und Ausfuhr. War die Einfuhr größer als die Ausfuhr, dann betrachtete man das als eine ungünstige, passive Handelsbilanz, die das Land der Verarmung entgegenführte.
Diese Lehre kam, wie schon bemerkt, im 17. Jahrhundert zur Ausbildung, aber sie findet heute noch ihre Anhänger in schutzzöllnerischen Kreisen, die z. B. ein höchst bedenkliches Zeichen in der passiven Handelsbilanz Deutschlands sehen, das 1900 für 5.833 Millionen Mark Waren einführte, aber nur für 4.555 Millionen ausführte, also nach der Logik der Handelsbilanz um fast anderthalb Milliarden ärmer wurde.
Im Allgemeinen hat aber die Lehre von der Handelsbilanz doch sehr an Kredit verloren, mehr als uns gerechtfertigt erscheint. Heute ist sie durch die Tatsachen ad absurdum geführt, das beweist aber keineswegs, dass sie zur Zeit ihrer Entstehung nicht berechtigt war. Sie entsprach einer Periode, in der die verschiedenen Staaten einander noch als unabhängige Warenproduzenten gegenüberstanden, die kapitalistische Herrschaft der einen über die anderen noch wenig entwickelt war, in der jede Waare, die man vorn Ausland empfing, auch bezahlt werden musste. Das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung besteht dagegen darin, dass der Kapitalist Mehrwert einsteckt, den er nicht bezahlt. Das gilt für das Verhältnisse des Kapitalisten zum Lohnarbeiter, es gilt aber auch für das Verhältnis von Staaten untereinander, wenn der eine dem anderen als Kapitalist gegenübersteht. Der kapitalistische Staat wird dann von dem anderen Waren erhalten, die er nicht bezahlt, zu deren Bezahlung er also keine Waren zu verkaufen, auszuführen, braucht. Durch den Überschuss der Einfuhr über die Ausfuhr wird er nun nicht ärmer, sondern reicher; die sogenannte ungünstige, passive Handelsbilanz wird nun zum Maßstabe seiner Ausbeutung des Auslandes.
Um die Darstellung nicht zu komplizieren, sehen wir ab von dem Einfluss der Frachtspesen, sowie der Ungenauigkeiten bei den statistischen Aufnahmen, die bei den Handelsbilanzen auch eine Rolle spielen.
Unter den Ländern, die eine solche Fülle von Kapitalien angehäuft haben, dass diese nicht vollständig in der Heimat ein Unterkommen finden, die also eine stets wachsende Menge von Kapitalien ius Ausland schicken, steht in erster Linie England. Ungeheure Summen englischen Kapitals find in Staatsanleihen der Kolonien und fremder Staaten, sowie in auswärtigen Aktiengesellschaften angelegt; daneben besitzen zahlreiche einzelne Kapitalisten Unternehmungen industrieller oder kommerzieller Natur im Ausland. Alle die Zinsen, Dividenden und Unternehmergewinne, die daraus erwachsen, fließen als Edelmetall oder als Zahlungsanweisungen nach England und werden zum Teil zum Ankauf von ausländischen Waren benutzt. Der dadurch erzeugte Überschuss der Einfuhr über die Ausfuhr wäre noch größer, wenn nicht auch jahraus, jahrein von dem neu aufgespeicherten Kapital wieder ein Teil zur Anlage in Staatspapieren, Aktien, privaten Unternehmungen ins Ausland flöße, ebenfalls meist als Zahlungsanweisungen, die zum Teil wieder benutzt werden, englische Waren für das Ausland zu kaufen. Weder die Einfuhr noch die Ausfuhr Englands würden ihre jetzige Höhe erreichen ohne den ständigen Kapitalienexport, ohne die stets wachsende ökonomische Ausbeutung des Auslands durch englisches Kapital.
In nicht so hohem, aber in stets wachsendem Maße gilt dies von allen alten kapitalistischen Ländern. Gerade die reichsten unter ihnen haben daher ständig sogenannte passive Handelsbilanzen.
Es betrug im Spezialhandel (ohne Edelmetalle) der Betrag (in Millionen Mark) der Überschuss; der
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Einfuhr |
Ausfuhr |
Überschuss der Einfuhr |
|---|---|---|---|
|
England (1899) |
9.910,6 |
5.407,0 |
4.503,6 |
|
Frankreich (1898) |
3.622,7 |
2.843,0 |
779,7 |
|
Belgien (1898) |
1.656,2 |
1.447,5 |
208,7 |
|
Niederlande (1898) |
2.974,4 |
2.543,3 |
431,1 |
|
Schweiz (1899) |
894,0 |
644,7 |
249,3 |
Die jüngste Zahl für Deutschland haben wir oben gegeben. Hier sei nur noch darauf hingewiesen, dass gerade in der letzten Periode des wirtschaftlichen Aufschwunges, in der Deutschland entschieden reicher geworden ist, seine Handelsbilanz immer passiver wurde.
Sie stellte sich folgendermaßen (in Millionen Mark):
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Einfuhr |
Ausfuhr |
Überschuss der Einfuhr |
|---|---|---|---|
|
1895 |
4.246,1 |
3.424,1 |
822,0 |
|
1896 |
4.558,0 |
3.753,8 |
804,2 |
|
1897 |
4.864,6 |
3.786,2 |
1.078,4 |
|
1898 |
5.439,7 |
4.019,6 |
1.420,1 |
|
1899 |
5.783,6 |
4.368,4 |
1.415,2 |
|
Prozentuelle |
36,2 % |
27,6 % |
|
Die Ausfuhr ist also nicht so schnell gewachsen wie die Einfuhr, was wesentlich dem Umstand zuzuschreiben ist, dass der industrielle Aufschwung alles neuaufgehäufte Kapital in Deutschland festhielt, die Ausfuhr von Kapitalien hinderte, indes er gleichzeitig das Bedürfnis nach ausländischen Rohmaterialien steigerte.
Nun aber die Kehrseite der Medaille: Einige Staaten mit sogenannter günstiger, aktiver Handelsbilanz:
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Einfuhr |
Ausfuhr |
Überschuss der Einfuhr |
|---|---|---|---|
|
Millionen Mark |
|||
|
Russland (1897) |
1.133,7 |
1.642,1 |
508,4 |
|
Serbien (1899) |
37,1 |
52,6 |
15,5 |
|
Britisch-Indien (1898) |
930,0 |
1.553,0 |
623,0 |
|
Ägypten (1899) |
232,8 |
318,3 |
85,5 |
|
Brasilien (1897) |
436,6 |
540,7 |
104,1 |
Man sieht, wie wenig eine „günstige“ Handelsbilanz zu bedeuten hat. Wir finden sie in ganz verschuldeten und vom Ausland ausgebeuteten Staaten.
Es heißt jedoch zu weit gehen, wenn man mehrfach behauptet, gerade die anscheinend günstige Handelsbilanz sei auf alle Fälle die tatsächlich ungünstige und umgekehrt. Neben den reichsten finden wir auch die ärmsten Staaten mit passiver Handelsbilanz, wie folgende Zahlen zeigen:
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|
Einfuhr |
Ausfuhr |
Überschuss der Einfuhr |
|---|---|---|---|
|
Millionen Mark |
|||
|
Portugal (1898) |
220,8 |
141,8 |
79,0 |
|
Italien (1899) |
1.220,4 |
1.159,4 |
61,0 |
|
Griechenland (1898) |
123,2 |
72,4 |
50,8 |
|
Türkei (1897/98) |
445,3 |
254,4 |
190,9 |
Hier ist die passive Handelsbilanz offenbar nach der alten Theorie zu erklären – soweit sie nicht etwa auf schlechter Statistik oder auf großen Einkünften aus der Rederei beruht.
Anderseits wieder wird Niemand die aktive Handelsbilanz der Vereinigten Staaten für eine tatsächlich ungünstige erklären wollen. Ihre Einfuhr betrug 1898/99 2.927,8 Millionen Mark, die Ausfuhr dagegen fast das Doppelte, 5.057,2 Millionen. Zum Teil kann diese Bilanz durch das Fehlen einer ausreichenden Handelsflotte und durch starken Abfluss von Werten nach Europa als Zinsen und Dividenden aus amerikanischen Papieren in europäischem Besitz, sowie als Reisekosten amerikanischer Vergnügungsreisender im Ausland betrachtet werden. Aber das genügt allein nicht, den ungeheuren Überschuss zu erklären, der zum Teil wohl daher rührt, dass Amerika sich nach der alten Methode bereichert: sich vom Ausland für verkaufte Waren mehr zahlen zu lassen, als es ihm zahlt. Zu dieser alten Methode hat es allerdings auch schon begonnen, die neue zu setzen und Kapitalien im Ausland anzulegen. Es bleibt abzuwarten, wie diese neue Methode der Bereicherung durch das Ausland die amerikanische Handelsbilanz beeinflussen wird.
So viel steht fest: Die bloßen Zahlen der Handelsbilanz sagen uns gar nichts darüber ob die Handelspolitik des Landes eine richtige oder eine verkehrte. Die Verhältnisse sind viel zu kompliziert geworden, als dass diese Bilanz einen verlässlichen Maßstab ihrer Beurteilung abgeben könnte. Die Berufung auf sie allein ist Wertlos.>
Zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 1923