Karl Kautsky

Handelspolitik und Sozialdemokratie

3. Das alte Schutzzollsystem

Eine „günstige“ Handelsbilanz zu erzielen, das war das Ziel aller Handelspolitik seit Jahrhunderten und es bildet mehrfach heute noch ihr Ziel. Die handelspolitische Aufgabe bestand also darin, die Ausfuhr möglichst zu fördern, die Einfuhr zu hindern.

Wenn aber alle Staaten diese Politik verfolgten, dann musste diese schließlich sich selbst ad absurdum führen; denn wenn allenthalben die Einfuhr gehindert ist, wird jede Ausfuhr unmöglich.

Den Ausweg aus diesem Zirkel boten die Kolonien, Landstriche, deren Einwohnerschaft wehrlos den europäischen Mächten gegenüberstand. Jeder europäische Staat, der dazu im Stande war, suchte solche Landstriche zu erobern, anfangs bloß um sie zu plündern, später auch, um sie zu einem Markt für seine Industrie zu gestalten. Die Industrie der Kolonien wurde gewaltsam niedergehalten und zerstört, damit sie gezwungen würden, alle ihre Bedürfnisse durch die Industrie des Mutterlandes – richtiger Stiefmutterlandes – zu befriedigen. Dabei erhielt dessen Kaufmannschaft das Monopol des Handels mit der Kolonie, von dem die fremden Länder ausgeschlossen wurden. Meist waren es einzelne Kaufmannsgesellschaften, denen dieses Monopol verliehen wurde.

Die natürliche Folge des gewaltsamen Ausschlusses der anderen Mächte von profitablen Märkten war der gewaltsame Widerstand dagegen – der Handelskrieg. Dieser entsprang ebenso notwendig aus dem Streben nach einer günstigen Handelsbilanz, wie die Kolonialpolitik mit ihren Grausamkeiten. Die Zeit, von der wir hier handeln, ist erfüllt von solchen Kriegen, die mit dynastischen Kriegen verbunden waren oder neben ihnen einhergingen. Das Ende eines jeden dieser Kriege aber war ein Handelsvertrag, der für den Sieger oft wichtiger wurde, als die Eroberung eines neuen Landgebiets; der ihm unter mehr oder weniger günstigen Bedingungen den Markl des besiegten Landes offenhielt oder erst eröffnete und ihm dort Vorrechte vor den anderen handeltreibenden Nationen sicherte.

Aber die Kriege jener zeiten blieben selten auf zwei Staaten beschränkt. Die Beziehungen der europäischen Staaten waren zu innige geworden und die Veränderungen in den Machtverhältnissen zwischen zweien von ihnen berührten zu sehr die anderen, als dass diese es vermocht hätten, müßige Zuschauer zu bleiben. Die Kriege wurden nur zu leicht Weltkriege, die zu hindern, auszufechten oder beizulegen sich Staatenbündnisse bildeten.

Auch diese Allianzen wurden zur Ursache von Handelsverträgen; man erkaufte den Beistand eines Bundesgenossen durch Konzessionen auf dem Gebiet des Handels und suchte das gute politische Einvernehmen durch freundschaftliche wirtschaftliche Beziehungen zu verstärken. Handelsverträge sind seitdem ein wichtiges Mittel geworden, politische Freundschaften zu schließen und zu bekräftigen. Andererseits war kommerzielle Feindschaft ein probates Mittel, politische Feindschaft zu erregen. Und das ist bis heute so geblieben.

Keinem Staat gelang es, seinen inneren Markt völlig vom Ausland abzuschließen. Aber soweit das möglich war, strebte es jeder an. Während der internationale Handel darauf beruhte, dass jedes Land seine besonderen Spezialitäten produzierte, für die es besonders geeignet war, die die anderen nicht oder nur mit Verschwendung von Kraft und Mitteln zu erzeugen vermochten, strebte das Schutzsystem nun danach, Alles im eigenen Lande zu produzieren, was bis dahin das Ausland erzeugt, mochten auch die natürlichen Bedingungen dafür die ungünstigsten sein. Wenn Friedrich II: in Preußen die Zucht der Seidenwürmer einbürgern wollte, damit das Geld für die Seide nicht ins Ausland gehe, so erscheint uns das heute lächerlich; aber es entsprach vollständig der Wirtschaftspolitik seiner Zeit.

Welcher Art war nun die Industrie, welche durch diese Politik gefördert wurde? Auf der einen Seite waren es jene Industriezweige, die Waren für die Ausfuhr produzierten, andererseits solche, die durch die Ausfuhr anderer Länder bedroht wurden. Waren für die Ausfuhr produzieren, heißt aber, sie in Massen über den eigenen Konsum hinaus produzieren. Die Exportindustrie ist also Massenindustrie und strebt danach, Großindustrie zu werden. Die Produktion für die Ausfuhr bleibt nirgends auf die Dauer in den Händen von selbständigen Handwerkern; sie gerät in die Hände von Kaufleuten, welche die Handwerker von sich abhängig machen, sie in Hausindustrielle und schließlich in Lohnarbeiter industrieller Großbetriebe (Manufakturen und Fabriken) verwandeln.

Mit anderen Worten, die Produktion für die Ausfuhr wird unter der Herrschaft des Privateigentums an den Produktionsmitteln naturnotwendig kapitalistische Produktion.

Andererseits ist es auch die kapitalistische Produktion des Auslands, die durch ihre Ausfuhr die Produktion des Inlands gefährdet. Schützt man die Industrie des Inlands vor der des Auslands, so geschieht es zu dem Zwecke, sie ebenso leistungsfähig zu machen, wie diese. Wie die Förderung der industriellen Ausfuhr aus dem eigenen Lande, heißt also auch der Schutz der eigenen Industrie vor der fremden nichts anderes, als Förderung der kapitalistischen Industrie.

Das war die geschichtliche Aufgabe des sogenannten Schutz- oder Protektionssystems.

Die Triebkraft des Kapitals ist aber der Profit. Die kapitalistische Industrie von Staatswegen fördern, heißt also nichts anderes, als von Staatswegen ihre Profite vermehren. Und das hat die Wirtschaftspolitik des Schutzsystems auch getan. Dazu genügte ihr nicht die Erhöhung des Profits durch den Schutzzoll. Sie gewährte den Kapitalisten auch in der Form von Prämien direkte Zuschüsse zum Prosit. Endlich aber wusste sie auch meisterhaft jene Methode zu handhaben, die den Profit vergrößert durch Verminderung des Lohns. Das Zeitalter des Schutzes der nationalen Arbeit ist auch das Zeitalter des Verbots und der grausamsten Verfolgung der Arbeiterkoalitionen, das Zeitalter der Lohntaxen, das heißt der gesetzlich festgesetzten Maximallöhne. Wie tief man aber die Löhne künstlich herabdrücken mochte, sie mussten doch ausreichen, die Arbeiter am Leben und arbeitsfähig zu erhalten. Dieses Minimum hing aber ab von der Höhe der Lebensmittelpreise. Daraus folgte naturgemäß das Streben nach billigen Lebensmitteln.

Die Förderung der kapitalistischen Industrie erheischte aber nicht bloß billige Arbeitskräfte, sondern billige Produktionsmittel überhaupt, also auch billige Rohmaterialien.

Die Masse der Lebensmittel und Rohmaterialien konnte damals noch jedes Land selbst und in Fülle produzieren und tat es in der Regel auch. Diese Produktionsmittel der inländischen Industrie zu erhalten, wurde eine wichtige Sorge des Schutzsystems. Sie dem Auslande zuführen, hieß nichts anderes, als dem Gegner Munition zuführen. Das Gegenstück zu den Einfuhrzöllen und Einfuhrverboten für Produkte der Industrie bildeten die Ausfuhrzölle und Ausfuhrverbote für Rohprodukte und Lebensmittel.

Die dadurch erzeugte künstliche Herabsetzung der Preise landwirtschaftlicher Produkte bedrückte den Bauern oft schwer, dessen staatliche und feudale Lasten gleichzeitig wuchsen. Sie nutzte dem Arbeiter gar nichts, da ihm die Hände gebunden waren. Sie diente nur zur künstlichen Erhöhung des Kapitalprofits und vermehrte die Zahl der dem Kapital zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte durch Förderung der Expropriierung der Bauern.

Diese Unterdrückungspolitik gegen Arbeiter und Bauern des eigenen Landes bildet ebenso wie das Kolonialsystem mit seinen Gräueln und die Handelskriege mit ihren Verwüstungen einen notwendigen Bestandteil des Schutzzollsystems; das Zusammentreffen dieser Bestandteile ist kein zufälliges, sondern ein in den Dingen notwendig begründetes.

Aber immerhin, eines muss man anerkennen. Das Schutzsystem – das in Wirklichkeit kein bloßes System des Schutzes der eigenen Kapitalisten, sondern ebenso sehr ein System des Raubes und der Plünderung des Auslands sowie der eigenen Arbeiter und Bauern war – dieses System hat seine historische Aufgabe erfüllt. Es hat maßloses Elend, maßlose Vergeudung von Kräften erzeugt, aber es hat um diesen hohen Preis die kapitalistische Produktionsweise geschaffen, jene Produktionsweise, die ihrerseits die gesellschaftlichen Produktivkräfte rasch entfaltete und das Proletariat zu einer Macht entwickelte, die bestimmt ist, in absehbarer Zeit die gewaltigste in Staat und Gesellschaft zu werden und damit einer neuen, beglückenden Gesellschaftsordnung die Wege zu bahnen.

Die nächste Wirkung seiner Schaffung der kapitalistischen Produktionsweise war aber die, dass das Schutzsystem damit seine eigene Grundlage untergrub und die Idee des Freihandels entwickelte.>

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Zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 1923