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Wo die kapitalistische Industrie so stark geworden ist, dass sie die Grundlage des ganzen wirtschaftlichen Getriebes der Nation bildet, da wird das stete Wachstum der industriellen Ausfuhr eine notwendige Bedingung des wirtschaftlichen Gedeihens der ganzen Nation. Die kapitalistische Industrie ergreift alle jene Industriezweige, die dem Massenkonsum, dem Konsum der Massen dienen. Aber sie entwickelt die Massenproduktion viel rascher, als den Massenkonsum im eigenen Lande; und ununterbrochen wachsen in immer rascherem Maße die Mengen der neuangehäuften Kapitalien, die nach industrieller Betätigung verlangen, einerseits die alten Industriezweige ausdehnen und umwälzen, immer produktiver gestalten, und andererseits neue Industriezweige der Massenproduktion zuführen. So erzeugt die kapitalistische Produktionsweise von einer gewissen Höhe ihrer Entwickelung an einen wachsenden Überschuss von Produkten über den Verbrauch auf dem inneren Markte, der nach einem Abfluss sucht.
Das Wachsen der industriellen Ausfuhr war bei unentwickelter kapitalistischer Produktion auch schon von Bedeutung als Quelle wachsenden Reichtums und wachsender Macht. Bei entwickelter kapitalistischer Produktion wird es zu einer Lebensfrage für die gesamte Gesellschaft.
Wo aber die kapitalistische Produktionsweise soweit entwickelt ist, da reicht – wenigstens in alten Kulturländern, und von denen handeln wir zunächst, nicht etwa von Russland und Amerika, sondern von Frankreich, Deutschland, und in diesem Kapitel vornehmlich von England – da reicht die innere Produktion von Lebensmitteln und Rohmaterialien bald nicht aus, die Bedürfnisse der Massenproduktion zu decken. Nicht nur werden die Roh-materialien derselben mit der Entwickelung des Handels und der Technik immer mannigfaltiger und es wächst die Menge derselben, die nur unter fremden Klimaten gedeihen – etwa Baumwolle und Seide. Auch die Menge der Lebensmittel und Rohmaterialien, die im eigenen Lande gewonnen werden, wird zu knapp, um die von der wachsenden industriellen Produktion erheischten Massen von Industriearbeitern zu ernähren und die Produktion im Gange zu halten. Die Grundrente steigt und verteuert die landwirtschaftliche Produktion. Die Landbevölkerung strömt der Industrie zu, der Landwirtschaft beginnen die Arbeitskräfte zu mangeln. Der Getreidebau und die Viehzucht dehnen sich daher nicht so schnell aus, wie die industrielle Bevölkerung; in der Viehzucht wieder überwiegen immer mehr Fleisch- und Milchproduktion, die Produktion von Wolle z. B. nimmt in den Industrieländern direkt ab, während die Nachfrage danach wächst.
In den acht älteren preußischen Provinzen zählte man 1864 noch 19.314.667 Schafe, 1883 nur noch 12.362.936.
Dieselbe Betrachtung kann man in allen Industriestaates machen. Selbst in den Vereinigten Staaten, deren Landwirtschaft noch so großen Entwickelungsspielraum hat, und wo die Wolle durch einen Zoll geschützt ist, nimmt die Zahl der Schafe seit 1884 rapid ab. Damals zählte man 50.626.626, 1897 dagegen nur noch 36.878.693.
Dies eine Beispiel, das sich leicht durch unzählige vermehren ließe, genügt, zu zeigen, dass ein altes Kulturland entwickelter kapitalistischer Produktionsweise ebenso wenig ohne starke Einfuhr von Lebensmitteln und Rohmaterialien, wie ohne Ausfuhr von Industrieprodukten bestehen kann.
In England wurden die feudalen Fesseln bereits im 17. Jahrhundert abgeschüttelt. Gleichzeitig aber verlor der Grundbesitz nicht seine politische Macht, wie auf dem Kontinent, sondern er bewahrte sie in seiner neuen, der kapitalistischen Profitmacherei angepassten Form. Dies führte zunächst zu einer Variation des Merkantilismus. Zum Schutzzoll auf Industriewaren gesellte sich nun der auf Lebensmittel. Schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden in England Getreidezölle und Ausfuhrprämien eingeführt. Diese letzteren förderten eine Zeit lang sehr die Ausfuhr. Aber in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts überwog schon bei rasch wachsender Industrie die Einfuhr von Getreide. Um ihr zu begegnen, wurde seit 1791 ein System hoher Getreidezölle eingeführt. In Frankreich kam es zur Ergänzung des industriellen Schutzsystems durch Lebensmittelzölle erst nach den Napoleonischen Kriegen. Aber diese Ausdehnung des Schutzsystems war nur der Vorbote seiner Überwindung.
In England, wo die kapitalistische Industrie zuerst zur Herrschaft gelangte, empfanden die industriellen Klassen auch zuerst den Schutzzoll als eine Fessel. Die Industrie bedurfte, dank ihrer Übermacht auf dem Weltmarkt, keines Schutzes mehr; die land- wirtschaftlichen Schutzzölle aber beengten sie immer mehr und mehr. Einmal dadurch, dass sie die Arbeitslöhne und die Preise der Rohmaterialien höher hielten, als sie sonst gewesen wären, dann aber auch dadurch, dass sie denjenigen Ländern, die landwirtschaftliche Produkte ausführten und industrielle einführten, also gerade Englands besten Kunden, die Lust und auch die Mittel nahmen, Englands Produkte zu kaufen. Denn diese Länder konnten Industrieprodukte doch nur kaufen, wenn sie das Geld dazu hatten; dieses erlangten sie aber nur, wenn sie ihre Rohprodukte verkaufen konnten, dieselben, die Englands Industrie brauchte. Die Eröffnung des englischen Marktes für die auswärtigen Rohprodukte war also nach allen Seiten hin eine Lebensbedingung für die Entwickelung der englischen Industrie. Sie schien aber auch vorteilhaft für die anderen Länder. Je mehr diese ausführten, je reicher sie wurden, desto mehr von Englands Produkten konnten sie kaufen.
Also internationale Harmonie, keine Handelseifersucht mehr, keine Handelskriege, Friede und Eintracht zwischen den Nationen, aufgebaut auf der internationalen Arbeitsteilung!
Wie Ausfuhr und Einfuhr wurde diese eng damit zusammenhängende internationale Arbeitsteilung jetzt zu einer Grundlage des ganzen kapitalistischen Systems, das ohne sie nicht bestehen kann, sobald es einmal die Höhe erreicht hat, die England in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts erklommen.
Aber diese internationale Arbeitsteilung ist ganz anderer Art, als die urwüchsige, auf die wir im Eingang unserer Schrift hingewiesen. Die urwüchsige internationale Arbeitsteilung beruht auf natürlichen Unterschieden, auf Unterschieden der geographischen Lage, der Bodengestaltung, des Bodenreichtums u. s. w. Diese Art Arbeitsteilung verschwindet nicht, sie bildet stets eine Grundlage des internationalen Handels. Die neue internationale Arbeitsteilung, die der kapitalistischen Produktionsweise eigentümlich ist, ersteht neben der ersteren, sie ist nicht natürlicher, sondern sozialer Natur. Sie ist die Arbeitsteilung zwischen landwirtschaftlicher – das Wort im weitesten Sinne genommen – und industrieller Tätigkeit. Diese Arbeitsteilung ist unter jedem Klima möglich, im Gebirge und in der Ebene, im Binnenland und an der Seeküste, in reichen und armen Ländern. Ihre erste Form findet sie in der alten, heute allenthalben verbreiteten Arbeitsteilung von Stadt und Land. Die kapitalistische Produktionsweise reproduziert diese Arbeitsteilung in riesenhaftem Maßstabe auf internationalem Gebiet; sie weist einzelnen Staaten die wirtschaftlichen Aufgaben der Stadt zu und anderen die des flachen Landes.
Man sieht, diese Art internationaler Arbeitsteilung ist eine ganz andere als die urwüchsige. Man muss beide streng auseinanderhalten, wenn man das Wesen des modernen internationalen Handels klar erfassen will, der auf beiden Arten beruht, von denen aber jede eine verschiedene Entwickelung nimmt. Vor Allem unterscheiden sie sich dadurch, dass die eine Art Arbeitsteilung und Handel, weil auf natürlichen Ursachen beruhend, unvergänglich ist, so lange es verschiedene Nationen und einen Verkehr zwischen diesen gibt. Die andere dagegen beruht auf vergänglichen sozialen Grundlagen, mit denen sie vergehen muss.
Aber wie groß auch die Unterschiede der beiden Arten von Welthandel sein mögen, eines haben sie gemein: sie gedeihen am besten bei Frieden und Freihandel.
Man hat die Friedensillusionen der Freihändler mit billigem Spott überhäuft. Der Sozialdemokratie war es nie ein Geheimnis, dass der Freihandel nicht ausreiche, die ökonomischen Gegensätze unter den Nationen auszurotten. Wir werden noch sehen, wie die kapitalistische Entwickelung immer wieder neue Gegensätze erzeugt. Aber zugeben muss man, dass wenigstens vorübergehend der Freihandel sich als ein Mittel des Friedens erwiesen hat. In den wenigen Jahrzehnten, in denen er herrschte, hat Europa zahlreiche große Kriege gesehen, aber es waren keine Handelskriege, sondern nationale Kriege, Kriege um die Selbständigkeit und die Zusammenfassung geknechteter und zersplitterter Nationen. Die koloniale Expansionspolitik schlief unter seinem Regime völlig ein. Und ebenso ist es sicher, dass er der ökonomischen Entwickelung einen mächtigen Anstoß gegeben hat.
Der Export Englands hatte in den fünfundzwanzig Jahren von 1821 bis 1845 zusammen 20 Milliarden Mark betragen; 1846 siegte der Freihandel; in den zwanzig Jahren von 1855 bis 1874 betrug der Export 67 Milliarden.
Der jährliche Wert der Ausfuhr britischer Produkte betrug durchschnittlich:
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1811–1820: 1.029 Millionen Mark 1841–1850: 1.147 Millionen Mark 1854: 1.943 Millionen Mark 1872: 5.120 Millionen Mark |
Wie langsam das Wachsen bis 1850, wie rapid von da an! Es
war nicht Alles Illusion an der Theorie des Freihandels.
Trotzdem bedurfte es eines gewaltigen Kampfes, um den Freihandel in England zum Sieg zu bringen. Der Kampf um ihn wurde einer der leidenschaftlichsten Klassenkämpfe, welche die Geschichte gesehen, ein Kampf, der England bis an den Rand der gewaltsamen Revolution führte.
Die beiden kämpfenden Parteien waren die Fabrikanten, die nach dem Freihandel riefen, um ihre Profite zu erhöhen, und die Grundbesitzer, die verzweifelt für die landwirtschaftlichen Schutzzölle fochten, um ihre Grundrenten hochzuhalten.
Beide Teile aber appellierten an die neue Macht, welche mit der Fabrikindustrie aufgekommen war, die industrielle Arbeiterschaft.
Welche Haltung hatte diese einzunehmen.
Für den Schutzzoll eintreten, hieß jetzt für die Privilegien des Grundbesitzes eintreten, für die künstliche Verteuerung der Lebensmittel und Rohstoffe. Das konnte das Proletariat unmöglich, wollte es sich nun auf den Produzenten- oder den Konsumentenstandpunkt stellen. Theoretisch mussten die Arbeiter Englands sich für den Freihandel entscheiden; aber das besagte noch lange nicht, dass sie sich nun für ihn energisch ins Zeug legten. Diejenigen, die für den Freihandel eintraten, waren dieselben Fabrikanten, mit denen sie tagaus, tagein die grimmigsten Kämpfe um Lohn, um Arbeitszeit auszufechten hatte, dieselben Fabrikanten, die Alles aufboten, die Arbeiterklasse herunterzudrücken, die den Freihandel forderten, um die Löhne noch weiter herabsetzen zu können, die dem Proletariat hartnäckig das einzige Mittel verweigerten, das es vor dem physischen Ruin retten konnte: den gesetzlichen Normalarbeitstag. Im Namen desselben Prinzips der ökonomischen Freiheit, des laissez faire, in dem sie den Freihandel forderten, bekämpften die Fabrikanten den gesetzlichen Arbeiterschutz. Diesen zu erkämpfen war die nächste, die wichtigste Aufgabe des Proletariats; bei dem Kampfe für ihn fanden sie am ehesten Hilf bei den Gegnern des Freihandels, wenigstens bei den jüngsten und modernsten derselben.
Diese eigenartige Stellung der Arbeiterschaft fand ihren Ausdruck darin, dass gerade die entschiedensten Vorkämpfer des Proletariats alle seine Kräfte auf den Kampf um den Arbeiterschutz zu konzentrieren und vorn Kampf um den Freihandel abzulenken suchten. Der letztere, erklärten sie, sei ein häuslicher Zwist innerhalb der Bourgeoisie, ein Kampf zweier Ausbeuterklassen untereinander, an dem das Proletariat kein Interesse, bei dem es nichts zu gewinnen habe.
Die Logik der Tatsachen drängte jedoch sowohl zum Freihandel wie zum Arbeiterschutz. Das Jahr 1846 sah den Sieg des ersteren, das folgende Jahr brachte mit Hilfe der über ihre Niederlage wütenden Schutzzöllner den Zehnstundentag.
Damit war die Bahn für die moderne Entwickelung Englands eröffnet.
Bald folgte der Staat, der nächst England am weitesten ökonomisch
entwickelt war, Frankreich.
Derselbe Gegensatz zwischen Industrie und Landwirtschaft, wie in England, hatte sich im 18. Jahrhundert auch in Frankreich herausgebildet. Aber in Frankreich war es die Landwirtschaft, die unter dein Schutzsystem litt, welches im Interesse der Industrie die Ausfuhr Landwirtschaftlicher Produkte verbot. Wurde die französische Landwirtschaft vor Allem durch die feudalen Fesseln beengt, so Teilweise auch durch diese Ausfuhrverbote. Dem Merkantil- System, dem System des staatlichen Industrieschutzes, stellte sich ein neues wirtschaftliches System, das physiokratische entgegen, das die ganze Gesellschaft vom Standpunkt der Landwirtschaft betrachtete, nur die Landwirtschaftliche Arbeit für Mehrwert bildend und neuen Reichtum erzeugend erklärte, und die Befreiung von den feudalen Fesseln, wirtschaftliche Freiheit und Freihandel im Interesse der Landwirtschaft forderte, zur selben Zeit, in der die englischen Nationalökonomen die gleichen Forderungen im Interesse der Industrie aufstellten.
Die Niederwerfung der feudalen Schranken durch die Französische Revolution und der Napoleonische Industrieschutz, der seinen Höhepunkt erreichte in der Kontinentalsperre, brachten die französische Industrie zu solcher Entfaltung, dass sie einer stets wachsenden Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen bedurfte.
Dies führte zunächst zu einem Zollschutz der Landwirtschaft, der von 1819 an den industriellen Zollschutz ergänzte. Aber je mehr die französische Industrie erstarkte, desto unbequemer wurden ihr vielfach die Hemmnisse der Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen. Eine freihändlerische Agitation begann seit den dreißiger Jahren einzusetzen, die noch verstärkt wurde, als die günstigen Folgen des Freihandels für Englands industrielle Entwickelung zu Tage traten. Diese Strömung wurde noch unterstützt durch politische Erwägungen, die zu einer Annäherung Englands an Frankreich führten. So kam es 1860 zu dem berühmten, epochemachenden Handelsvertrag zwischen England und Frankreich, in den: England auf den Rest seiner Schutzzölle verzichtete, seine Finanzzölle auf Spirituosen ermäßigte und Frankreich seine sehr hohen Schutzzölle für die englische Einfuhr erheblich herabsetzte. Dieser Handelsvertrag führte noch nicht zu einem völligen Freihandel, aber zu einem ihm sehr nahestehenden, gemäßigten Schutzzoll.
Außer durch seine ungemein ermäßigten Zollsätze zeichnete sich dieser Handelsvertrag noch durch zwei Eigentümlichkeiten aus. Während die Engländer die Sätze, die sie Frankreich bewilligten, ohne Weiteres auch allen anderen Stationen zugestanden, behielt Frankreich für alle jene Nationen, die keinen Handelsvertrag mit ihm abschlossen, den alten Tarif bei. Dieser Tarif war der allgemeine, Generaltarif, neben dem nun für die einzelnen Handelsvertragsländer ermäßigte Vertragstarife, Konventionaltarife traten. Dadurch wurden alle Länder gedrängt, mit Frankreich Handelsverträge abzuschließen, indem sie gegen Gewährung von Begünstigungen Zollermäßigungen für sich eintauschten.
Außerdem aber enthielt der Handelsvertrag die Klausel der meistbegünstigten Nation, das heißt, jeder der beiden Kontrahenten, England wie Frankreich, verpflichtete sich, jede besondere Begünstigung, die der eine einem dritten Staat zugestehen sollte, dadurch ohne Weiteres dem anderen Kontrahenten zu Teil werden zu lassen. Jede neue Zollermäßigung, die Frankreich in einem folgenden Handelsvertrag etwa Belgien oder Deutschland zu- gestand, wurde damit ohne Weiteres auch England zu Teil.
Beide Maßregeln, die Beibehaltung des Generaltarifs für Länder, die keinen Vertrag schließen wollten, wie die Klausel der meistbegünstigten Nation, haben viel dazu beigetragen, dass das System von Handelsverträgen mit gemäßigten, immer mehr sinkenden Schutzzöllen rasch um sich griff.
Wie die Industrie Englands wurde auch die Frankreichs dadurch mächtig angeregt. Neben der Erleichterung der Einfuhr von Rohstoffen und Lebensmitteln und der Erleichterung der Auffindung neuer Märkte für seinen Überschuss an Industriewaren wirkte dahin namentlich die Stabilität, welche die Handelsverträge in die wirtschaftlichen Verhältnisse brachten.
Wo ein autonomer Zolltarif herrscht, das heißt, wo der Zolltarif durch keinerlei Verträge mit fremden Nationen gebunden ist, ist er steten Schwankungen ausgesetzt. Jede Neuwahl, jeder Ministerwechsel, jede neue politische Laune kann den Zolltarif ändern und damit die Einfuhrverhältnisse auf den Kopf stellen. Noch weniger Sicherheit bieten dem Lande mit einem autonomen Zolltarif aber die Zollverhältnisse der anderen Länder, nach denen es ausführt. Auch diese sind durch keinen Handelsvertrag gebunden und können jeden Moment nach Belieben geändert werden. Rücksichten auf die Industrie des importierenden Landes werden dabei die geringste Rolle spielen. So setzt der autonome Zolltarif Einfuhr wie Ausfuhr beständiger Unsicherheit aus, welche wahrlich unerträgliche Zustände dann zeitigt, wenn die Zollautonomie zum Zollkrieg führt, das heißt, dann, wenn das eine Land seine Zölle einem anderen gegenüber einseitig so weit erhöht, um die Einfuhr aus diesem möglichst zu erschweren und ihm dadurch solchen Schaden zuzufügen, dass es sich zu Konzessionen herbeilässt. Da das angegriffene Land mit Gegenmaßregeln antwortet, führt der Krieg zur zeitweisen Einschränkung, ja mitunter Aufhebung des gegenseitigen Handelsverkehrs, worunter gerade die zu schützende Industrie am meisten leidet.
Wovor sie vor Allem zu schützen ist, das sind unvorhergesehene Zwischenfälle. Die moderne Industrie ist höchst anpassungsfähig, sie hat gezeigt, dass sie selbst einer ziemlich unzweckmäßigen Handelspolitik zum Trotz sich zu entfalten weiß. Aber gegen plötzliche Störungen ist sie ungemein empfindlich; – was sie vor Allein braucht, das ist Stetigkeit der Verhältnisse. Und gerade die bringen ihr langfristige Handelsverträge.
Der Abschluss solcher ist zu einer Lebensbedingung für
die Industrie geworden.
Die glänzenden Erfolge der englischen und französischen Handelspolitik drängten bald auch die übrigen Länder Westeuropas, deren Industrie bereits so weit war, einen hohen Zollschutz zur Noth entbehren zu können, zum Abschluss von Handelsverträgen. Freilich noch sehr oft gegen den Willen der industriellen Kapitalisten. Die Haupttriebkraft des Freihandels war in Deutschland und Österreich neben den Ideologen und den Kaufleuten der Lebensmittel exportierende Großgrundbesitz – in Österreich die ungarischen Magnaten, die das Jahr 1866 zu den Beherrschern der dualistischen Monarchie machte, in Preußen die ostelbischen Junker.
Die deutsche Handelspolitik hatte schon früh mit dem Hochschutzzoll gebrochen. Die territoriale Zerrissenheit machte es unmöglich, sobald Industrie und Handel entwickelt waren, jedes Ländchen mit einer Zolllinie zu umgeben. Nur Österreich war dazu im Stande und tat es auch. Indem es sich aber durch hohe Schutzzölle von dem übrigen Deutschland abschloss, trennte es sich bereits wirtschaftlich von dem deutschen Reich, ehe es noch durch die Gewalt der Waffen aus ihm ausgeschlossen worden.
Der nächstgrößte Staat Deutschlands, Preußen, zerfiel aber vor 1866 in mehrere getrennten Teile und umschloss so viele selbständige Fürstentümer, dass es für sich allein nicht gut ein eigenes Zollgebiet bilden konnte. Wenn Österreichs Zollpolitik es von Deutschland abschloss, so musste die preußische Zollpolitik naturgemäß dahin trachten, die anderen deutschen Länder – zunächst wenigstens die angrenzenden norddeutschen – mit den eigenen in einem Zollverein zusammenzufassen, der so die wirtschaftliche Grundlage des neuen deutschen Reichs wurde, das nach 1866 und 1870 politisch aus ihr erwachsen sollte.
Nachdem Zolleinigungen mit einzelnen Ländern vorangegangen waren (1819 zuerst mit Schwarzburg-Sondershausen), waren 1833 endlich die wichtigsten außerösterreichischen Staaten des deutschen Bundes im preußisch-deutschen Zollverein zusammengefasst. In ihm herrschte Preußen, in Preußen aber herrschten die Junker, die bis in die siebziger Jahre hinein Getreide und Vieh ausführten und deren bester Kunde England war. Sie schworen auf die Harmonie der Interessen zwischen ostelbischer Junker- und englischer Fabrikantenherrlichkeit. Aber auch die preußische Regierung selbst fand einen stets wachsenden Grund zu freihändlerischer Stimmung in dem politischen Gegensatz zu Österreich. Dieses suchte, sobald es merkte, wie der Zollverein die kleinen deutschen Staaten an Preußen anschloss, einen Zollverein zu schaffen, der ganz Deutschland und Österreich umfasste. Das war für die deutschen Industriellen eine höchst verlockende Aussicht. Aber Österreich hätte den Verein nur geschaffen auf hochschutzzöllnerischer Grundlage. Je mehr der Zollverein dem Freihandel zuneigte, umso schwieriger wurde seine Verständigung mit Österreich. Grund genug für die preußische Regierung, freihändlerisch zu sein.
Aber auch in der deutschen Bourgeoisie, die 1848 noch stark schutzzöllnerisch gewesen, begann im Laufe der fünfziger Jahre die Idee des Freihandels populär zu werden. Ein Teil der Industrie, namentlich in Sachsen, war bereits so weit, dass die stete Erweiterung der industriellen Ausfuhr eine Lebensfrage für sie wurde, dass der Zollschutz anfing sie zu genieren. Das Beispiel des industriellen Aufschwungs Englands seit der Einführung des Freihandels lockte zur Nachahmung. Die Lehre von der Handelsfreiheit kam aber auch nicht für sich allein von England nach Deutschland, sondern als Teil eines ökonomischen Systems der vollsten wirtschaftlichen Ungebundenheit, des sogenannten Manchestersystems, das neben dem Freihandel auch Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, Aufhebung aller feudalen und bureaukratischen Bevormundung verlangte, also gerade jene Forderungen aufstellte, deren Durchführung eine dringende Notwendigkeit geworden war.
Die Fabrikanten, namentlich in West- und Süddeutschland, blieben zwar in der Mehrheit schutzzöllnerisch, sie kamen aber gegen diese wachsenden freihändlerischen Einflüsse nicht aus.
Und die Arbeiter? Ihre Haltung in dem Kampf zwischen Freihandel und Schutzzoll war ähnlich wie die der englischen Chartisten in den vierziger Jahren. Gleich der Mehrzahl der Fabrikanten waren sie vielfach der Ansicht, dass die deutsche Industrie noch des Schutzzolls bedürfe. Aber, sollten sie zu seiner Verteidigung energisch ins Zeug gehen? Aus denselben Gründen, aus denen die englischen Arbeiter sich für den Freihandel nicht begeistert hatten, standen die deutschen dem Schutzzoll mit ziemlicher Gleichgültigkeit gegenüber. Sollten sie ihre beste Kraft dafür einsetzen, ihren Ausbeutern, diesen Blutsaugern, die Profite erhöhen zu helfen? Unter denselben Leuten, die den Schutz der Industrie forderten, waren die heftigsten Gegner des Arbeiterschutzes zu finden; dagegen kamen, wie in England, gerade aus dem Lager der konservativen Agrarier Arbeiterfreunde, wie Rodbertus und sein Schüler Rudolf Meyer, die ein warmes Herz für den Arbeiter hatten, das Eintreten des Staates zu seinen Gunsten forderten, ja sogar eine Art Sozialismus ausarbeiteten.
Wir wissen aber bereits, dass die Agrarier damals in Deutschland Freihändler waren.
Angesichts dieses Zwiespaltes konnten die Arbeiter nur schwer eine Entscheidung zwischen den kämpfenden Parteien treffen. Sie halfen sich damit, gerade so wie früher in England, in dem Kampf einen Bruderzwist der herrschenden Klassen zu sehen, der die Arbeiter wenig anging. Das zeigte sich noch deutlich in der Resolution des Gothaer Sozialisten-Kongresses von 1876. Sie lautete:
“Der Kongress erklärt, dass die Sozialisten Deutschlands dem innerhalb der besitzenden Klassen ausgebrochenen Kampf zwischen Schutzzoll und Freihandel fremd gegenüberstehen; dass die Frage, ob Schutzzoll oder nicht nur eine praktische Frage ist, die in jedem einzelnen Falle entschieden werden muss; dass die Noth der arbeitenden Klassen in den allgemeinen wirtschaftlichen Zuständen wurzelt; dass aber die bestehenden Handelsverträge seitens der Reichsregierung ungünstig für die deutsche Industrie abgeschlossen sind und eine Änderung erheischen; dass endlich die Parteipresse aufzufordern ist, die Arbeiter davor zu warnen, für die unter dem Verlangen nach Schutzzoll eine Staatshilfe erstrebende Bourgeoisie die Kastanien aus dem Feuer zu holen“.
Diese Resolution vermeidet ängstlich jede Parteinahme für den Schutzzoll oder den Freihandel nicht nur im Allgemeinen sondern auch für den gegebenen Moment; sie erklärt sich gegen die Handelsverträge, offenbar, weil sie zu freihändlerisch erschienen, warnt aber die Arbeiter, sich der schutzzöllnerischen Propaganda anzuschließen. Die Sozialdemokratie steht dem Kampf zwischen Freihandel und Zollschutz „fremd“, das heißt wohl gleichgiltig gegenüber.
Dass dies zutraf, bewies auch die Behandlung der Resolution, die nicht nur keine Diskussion veranlasste, sondern nicht einmal recht zur Abstimmung kam. Im Kongressprotokoll heißt es über diese und zwei andere Resolutionen bloß:
„Most verliest folgende Resolutionen, welche vom Kongress zustimmend ausgenommen werden“.
Die Resolution und ihre Aufnahme entsprach ganz den damaligen Verhältnissen. Aber man würde Unrecht tun, daraus Schlüsse auf die Haltung der Sozialdemokratie in der Gegenwart zu ziehen. Die Verhältnisse haben sich in dem letzten Vierteljahrhundert völlig verändert.
Entschiedene Schutzzöllner waren von den fünfziger Jahren bis in die siebziger Jahre hinein in Deutschland nur die rheinisch- westfälischen Eisenindustriellen und die süddeutschen Baumwollspinner. Ihre Kraft reichte nicht aus, der freihändlerischen Strömung Widerstand zu leisten, die seit dem Abschluss des französischenglischen Handelsvertrages von 1660 unwiderstehlich wurde.
1862 kam ein Handelsvertrag des Zollvereins mit Frankreich zu Stande, der 1865 in Kraft trat und erhebliche Zollermäßigungen brachte. Aber dabei blieb man nicht stehen, rasch folgte eine Zollermäßigung der anderen.
Die Eisenzölle geben ein klares Bild der Wandlungen der Handelspolitik des Zollvereins. Es lag pro 100 Kilogramm ein Zoll auf:
|
Seit |
Roheisen |
Grobe Eisenwaren |
Feine Eisenwaren |
|---|---|---|---|
|
1839 |
frei |
36 |
60–300 |
|
1845 |
2 |
36 |
60–300 |
|
1865 |
1,50 |
8–16 |
24–60 |
|
1868 |
1 |
8–16 |
24–60 |
|
1870 |
0,50 |
8 |
24–60 |
|
1873 |
frei |
5 |
24–60 |
|
1877 |
frei |
frei |
24–60 |
Außer den schon gekennzeichneten Ursachen, die dem Freihandel in Deutschland günstig waren, trug zu dieser fortschreitenden Ermäßigung der Zölle auch noch der Umstand bei, dass sie von einem bedeutenden industriellen Aufschwung begleitet war, der schließlich den Freihandel selbst- einem Teil der ehedem schutzzöllnerischen Industriellen annehmbar machte.
Die Eisenindustrie litt auch durchaus nicht unter der steten Verringerung der Zollsätze. Die Roheisenproduktion des Zollvereins betrug 1864 905 Millionen Kilogramm; sie stieg stetig bis 1869 auf 1.413 Millionen Kilogramm, sank dann im Kriegsjahr 1870 auf 1.391 Millionen Kilogramm, um sodann in raschem Emporschnellen 1873 2,241 Millionen Kilogramm zu erreichen. Sie hat sich im ersten Jahrzehnt des Freihandels mehr als verdoppelt.
Wenn die Industrie Deutschlands im Stande war, sich in einem Verhältnismäßig jungen Stadium unter dem Freihandel nicht bloß $u behaupten, sondern zu glänzender Blüthe zu entwickeln, so verdankt sie dies vor Allem ihrer Arbeiterschaft.
Die Arbeiter, das ist jener Faktor der Produktion, der von den neueren Schutzzöllnern bei der Beurteilung der Konkurrenzfähigkeit einer Industrie am wenigsten in Betracht gezogen wird, und der doch der wichtigste ist. Die reichsten Kohlenschätze und Eisenschätze, die glücklichste geographische Lage, alles das nützt sehr wenig, wenn man nicht über intelligente, leistungsfähige Arbeiter verfügt, die im Stande sind, das Rohmaterial zu verarbeiten, die vorhandenen Produktivkräfte anzuwenden.
Russland hat alle natürlichen Bedingungen einer starken, kapitalistischen Industrie; Kohle, Eisen, Holz, billige Lebensmittelpreise, zahlreiche Arbeitskräfte; auch an Kapitalien fehlt es ihm in letzter Zeit nicht, da England, Frankreich, Belgien, Deutschland ihm ihren Überfluss zur Verfügung stellen. An Zollschutz und sonstigen Ermunterungen der Regierung wird das Höchste geleistet, die Industrie entwickelt sich auch rapid, aber sie wird nur groß, nicht stark, sie kommt der Konkurrenzfähigkeit auf dem offenen Markt nur langsam, wenn überhaupt, näher.
Die Hauptschuld daran scheint uns die Unwissenheit und geringe Leistungsfähigkeit des russischen Arbeiters zu tragen. Die Regierung hat für Volksbildung kein Geld, weil der Militarismus alle ihre Mittel verschlingt; mehr noch aber als Geld fehlt ihr der gute Wille, die Volksbildung zu heben; denn das absolutistische System kann nur auf der Grundlage völliger Unwissenheit der Volksmasse sich behaupten.
Trotz aller seiner Fürsorge für die Industrie wird daher der Absolutismus das schlimmste Hindernis einer industriellen Erstarkung Russlands, und die Hauptschuld daran trägt seine Unterdrückung der Arbeiterklasse.
Auf der anderen Seite sehen wir in der Schweiz ein Land, das von der Natur wenig begünstigt ist, kein Eisen, keine Kohle, keine ausreichende Getreideproduktion hat und das aus mehrfachen Gründen, ähnlich wie Deutschland, zu keinem entschiedenen Zollschutz kommen konnte. Wenn es trotzdem eine so leistungsfähige Industrie entwickelte, so ist dies sicher der Tüchtigkeit seiner Arbeiterklasse, seiner politischen Freiheit und der langen erhaltenen Überlegenheit seines Volksschulunterrichts über den der Nachbarn im Osten, Westen und Süden zuzuschreiben.
Wie die Schweiz hatte auch Deutschland bis in die siebziger Jahre hinein vor seinen Konkurrenten, vor England und Frankreich den Vorteil einer besseren Volksschule. Das sicherte unseren Industriellen einen großen Vorteil, der manche Nachteile ökonomischer Rückständigkeit überwog.
Zweifelhafter war dagegen jener Vorteil, auf den sie das Hauptgewicht legten, niedere Löhne und längere Arbeitszeit.
Allerdings, insoweit die niedrigeren Löhne eine Folge billiger Lebensmittel waren, brauchten sie die Leistungsfähigkeit der Arbeiter im Verhältnis nicht herabzudrücken. In den billigeren Lebensmitteln war neben der besseren Schulbildung ebenfalls ein großer Vorteil der deutschen Industrie vor der englischen und französischen begründet.
Nach Conrad betrugen die Preise per 1.000 Kilogramm in Mark
|
|
1816–1820 |
1821–1830 |
1831–1840 |
1841–1850 |
1851–1860 |
1861–1870 |
1871–1875 |
|
Weizen: England |
364.0 |
266.0 |
254.0 |
240.0 |
250.0 |
248.0 |
246.4 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
|
Weizen: Frankreich |
265.5 |
192.4 |
199.2 |
206.6 |
231.4 |
224.6 |
248.8 |
|
Weizen: Preußen alten Bestands |
206.2 |
121.4 |
138.4 |
167.8 |
211.4 |
204.6 |
235.2 |
|
Weizen: Differenz zwischen England |
–157.8 |
–144.6 |
–115.6 |
–72.2 |
–38.6 |
–43.4 |
–11.2 |
|
Roggen: Preußen alten Bestands |
151.8 |
126.8 |
100.6 |
123.0 |
165.4 |
154.6 |
179.2 |
|
Roggen: Differenz zwischen Weizen |
–212.2 |
–139.2 |
–153.4 |
–117.0 |
–84.6 |
–93.4 |
–67.2 |
Die Weizenpreise standen also bis zu der ersten Hälfte der siebziger Jahre in England und Frankreich höher als in Deutschland; die Differenz verschob sich noch zu Gunsten Deutschlands dadurch, dass dort der Roggen in der Volksernährung eine viel größere Rolle spielt, als in Frankreich und England.
Die deutschen Kapitalisten begnügten sich jedoch nicht damit, die Differenz zwischen den Lebensmittelpreisen der konkurrierenden Länder und denen des eigenen Landes auszubeulen. Sie drückten, wie allenthalben, den Lohn so lief als sie konnten, dehnten die Arbeitszeit so weit aus, als möglich; weder Arbeiterschutzgesetze noch starke Arbeiterkoalitionen hinderten sie: erst 1869 wurde den Industriearbeitern das Koalitionsrecht gegeben; so konnten die deutschen Hungerlöhne und die deutschen Arbeitszeiten im Auslande sprichwörtlich werden; die englischen Fabrikanten pflegten damit ihre Arbeiter zu schrecken, wenn diese zu „begehrlich“ wurden. In Wahrheit waren jedoch diese langen Arbeitszeiten und kargen Löhne kein Vorteil; die Erfahrung hat gezeigt, dass bis zu einer gewissen Höhe, die kaum schon irgendwo erreicht ist, kurze Arbeitszeit und hoher Lohn für die Kapitalistenklasse selbst profitabel sind, da sie mit der Zeit die Leistungsfähigkeit des Arbeiters unverhältnismäßig steigern, dass daher die anscheinend billigste Arbeit in Wirklichkeit die teuerste ist.
Darin lag also der tatsächliche Vorteil der deutschen Kapitalisten nicht, wohl aber in den billigeren Lebensmitteln und der besseren Schulbildung.
Neben der Volksschule trug auch das höhere Schulwesen viel zu der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie bei; es stellte dem Kapital weit mehr wissenschaftlich gebildete Kräfte zur Verfügung, als ihm anderswo zu Gebot standen. Einer der wichtigsten Industriezweige Deutschlands, die chemische Industrie, die eine nirgends erreichte Spezialität bildet, ist aus den Hörsälen und Laboratorien der Universitäten hervorgegangen.
Dank dem Zusammentreffen aller dieser Verhältnisse war die deutsche Industrie rasch so weit gelangt, erfolgreich den Kampf mit der englischen und französischen auf dem Weltmärkte aufnehmen zu können.
Die Herrschaft des Freihandels schien für immer gesichert.
Aber gerade damals, als das Deutsche Reich praktisch den vollkommenen Freihandel einführte, indem es die Zölle auf fast alle Eisenwaren aufhob, gerade damals brach die freihändlerische Herrlichkeit über Nacht zusammen.
Noch selten ist der Zusammenbruch eines ökonomischen Systems so rasch und überraschend gekommen wie dieser.
1877 fielen die Eisenzölle bis auf einen kleinen Rest völlig fort. Das Jahr 1879 bringt schon wieder ein System ausgiebiger Schutzzölle.
>Zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 1923