Karl Kautsky

Handelspolitik und Sozialdemokratie

5. Der Übergang vom Freihandel zum Schutzzoll

a) Die politischen Gründe von Bismarcks Schwenkung

Die Gründe, die dazu führten, dass Deutschland so plötzlich vom Freihandel zum Schutzzoll umschwenkte, sind mannigfaltige.

Die Eifersucht gegen Österreich, die in Preußen dem Freihandel so sehr Vorschub geleistet, war durch den Krieg von 186« gegenstandslos geworden. Ter Krieg von 1870 aber hatte, dank der erzwungenen Abtretung Elsass-Lothringens an Deutschland eine Ära steten und immer wilderen Wettrüstens herbeigeführt. Die französischen Milliarden waren bald verpulvert und neue Einnahmequellen wurden notwendig. Gegen die Erhöhung der direkten Steuern erhoben sich aber immer mehr die Kapitalisten und Grundbesitzer, die die Regierung beherrschten. Eine Erhöhung der indirekten Steuern musste daher von dieser ins Auge gefasst werden: auf der einen Seite entwickelte sie Monopolpläne, auf der anderen Seite aber strebte sie eine Erhöhung der Zölle an. Kann eine Regierung eine Steuererhöhung bemänteln, dann tut sie es. Konnte sie die neuen Zölle als Schutzzölle, als Maßregeln zum „Schutze der nationalen Arbeit“, statt als Finanzzölle erscheine» lassen, dann umso besser.

Die finanziellen Bedürfnisse der Regierung machten sie daher dem Schutzzoll sehr geneigt – und was für die deutsche, galt damals für alle Regierungen des europäischen Festlandes.

Aber für den Schutzzoll sprachen noch mächtigere Faktoren.
 

b) Die Schwenkung der Junker zum Agrarzoll

Die vornehmste Kraft der deutschen freihändlerischen Bewegung hatten die preußischen Junker ausgemacht, die noch 1878 durch die “Vereinigung der Steuer- und Wirtschaftsreformer“ für den Freihandel eingetreten waren. Aber wie früher für England und Frankreich, so brachte jetzt auch für Deutschland die industrielle Entwickelung einen Zustand herbei, in dem die Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte aufhörte.

[Es handelt sich dabei um eine veraltete Maßeinheit für die Masse (Gewicht), die vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Deutschland und Österreich gebräuchlich war. Ein Meter-Zentner entspricht 100 Kilogramm. – This is an obsolete unit of measurement for mass (weight) that was primarily used in Germany and Austria during the 19th and early 20th centuries. One Meter-Zentner is equal to 100 kilograms.]

Die Veränderung der Verhältnisse zeigt folgende Tabelle:

 

Jahres-
Durchschnitt

Weizen

 

Roggen

 

Ausfuhr aus

Einfuhr nach

Überwiegen der Ausfuhr (+) oder der Einfuhr (−) um

Ausfuhr aus

Einfuhr nach

Überwiegen der Ausfuhr (+) oder der Einfuhr (−) um

 

Deutschland

Deutschland

Meter-Zentner

Meter-Zentner

Meter-Zentner

Meter-Zentner

Meter-Zentner

Meter-Zentner

1861–70

5.225.000

4.375.000

+ 850.000

1.107.000

2.587.000

− 1.479.600

1871

5.360.000

4.390.000

+ 970.000

1.570.000

4.180.000

− 2.610.000

1872

4.080.000

3.080.000

+ 1.000.000

   790.000

5.500.000

− 4.710.000

1873

3.420.000

3.660.000

−    240.000

1.590.000

7.800.000

− 6.210.000

1874

3.930.000

4.080.000

−    150.000

1.700.000

9.500.000

− 7.800.000

1875

5.700.000

4.990.000

+    710.000

1.560.000

7.000.000

− 5.440.000

1876

3.880.000

6.850.000

– 2.970.000

1.000.000

11.000.000  

ndash; 10.000.000

1877

7.350.000

9.400.000

− 2.050.000

1.760.000

11.900.000

− 10.140.000

1878

7.850.000

10.600.000

− 2.750.000

1.960.000

9.450.000

− 7.490.000

Man sieht, die seit jeher lästige Roggeneinfuhr aus Österreich und Russland nahm seit 1873 beängstigende Dimensionen an, während von 1870 an auch die Weizenausfuhr nach England durch eine rasch steigende Weizeneinfuhr mehr als wett gemacht wurde. Und gleichzeitig sanken die Getreidepreise. Der Weizenpreis in England, der sich von 18SI –I87S im Durchschnitt ungefähr auf gleicher Höhe von nahe an 2ö0 Mark pro Tonne gehalten, fiel 1878–1880 auf 206 Mark. Weniger rasch ging der Roggenpreis herunter (im alten Preußen von 179 aus 188 Mark, nach Conrad).

Derselbe Handel und dieselbe Verbesserung der Transportmittel, die den Markt für den Export europäischer Industrieartikel so sehr erweitert, hatten reichliche Produktionsstätten billigen Getreides, namentlich des Weizens in Amerika in enge Verbindung mit den europäischen Industrieländern gebracht. Tas war die naturnotwendige Folge des wachsenden industriellen Exports.

Aber ebenso unvermeidlich, wie das Eindringen auswärtiger Lebensmittel nach Deutschland, war es, dass die Agrarier nach dem nächstliegenden Mittel griffen, diese Invasion abzuwehren, nach dem Schutzzoll. Das war früher in England ebenso gegangen.

Was aber jetzt überraschen musste, war die Haltung der industriellen, exportierenden Kapitalisten. In England hatten sie Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die Getreidezölle los zu werden, in Deutschland stimmten sie selbst dafür. Wie war das möglich?
 

c) Der Übergang vom Agrarstaat zum Industriestaat

Nach der Theorie der bürgerlichen Freihändler war die Haltung der deutschen Industriellen am Schluss der siebziger Jahre unerklärlich, aber diese Theorie hatte ein Loch. Ihr zu Folge herrschte völlige Harmonie zwischen den Interessen des Inlands und des Auslands. Je reicher dieses, desto mehr Waren konnte es von jenem beziehen; je billiger das eine produzierte, desto besser für die Konsumenten des anderen. Das war ganz richtig, aber nur unter der Voraussetzung der internationalen Arbeitsteilung zwischen Industriestaat und Agrarstaat, unter der Voraussetzung dass es nur einen Industriestaat gab und die anderen sich begnügten, Agrarstaaten 31t bleiben. Wo zwei Industriestaaten die gleichen Waren auf den Weltmarkt warfen, traten sie einander nicht als Austauschende sondern als Konkurrenten gegenüber, hörte jeder der beiden auf, ein Interesse an dem Reichtum und an den niederen Preisen des anderen zu haben.

Es war aber ein Irrtum der freihändlerischen Theorie, die Arbeitsteilung zwischen Industriestaat und Agrarstaat für eine natürliche zu halten. Sie war, wie wir schon bemerkt, eine soziale, eine vorübergehende, und zwar eine rasch vorübergehende. Denn jeder Staal hat das größte Interesse daran, ein Industrie-staat zu werden.

Seitdem die Industrie sich von der Landwirtschaft losgelöst und ein selbständiges Dasein gewonnen hatte, war sie ökonomisch stets der letzteren überlegen. Und diese Überlegenheit steigert sich ununterbrochen. In den Städten sammelt sich der Reichtum, entfalten sich Kunst und Wissenschaft, wird die politische Macht sesshaft. Die Landbevölkerung erkennt die Überlegenheit der Stadt selbst an, indem sie sich von der Scholle loslöst und ihr zueilt. Die Landflucht ist fast so alt wie das Städtewesen, wenn sie auch, ausgenommen in den Zeiten der versinkenden Gesellschaften des Altertums, nie eine solche Ausdehnung erreichte wie gegenwärtig. Das flache Land entwickelt sich ökonomisch und intellektuell nur langsam, im Vergleich zu den glänzenden Fortschritten der Stadt geht es zurück, versimpelt und verödet es überall hat schließlich die Stadt das flache Land sich Untertan gemacht.

Mit dem England der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts trat zum ersten Mal ein Staat auf, der die Arbeitsteilung von Stadt und Land auf internationalem Gebiet wiederholen wollte: er sollte die Werkstatt der Welt werden und die anderen Staaten seine Lieferanten von Lebensmitteln und Rohstoffen Das hieß aber nichts anderes als die anderen Staaten England gegenüber auf dieselbe Stufe herabdrücken, die das flache Land gegenüber der Stadt einnahm. Für die Landwirte der anderen Staaten war diese Entwickelung vorteilhaft; dagegen mussten nicht bloß die Industriellen, sondern auch die weiterblickenden Politiker dort anderer Meinung sein.

Nicht internationale Arbeitsteilung zwischen Agrarstaat und Industriestaat, sondern die Ausbildung des Agrarstaats zum Industriestaat war ihre Parole. Dies nicht beachtet zu haben, das war der Fehler in dem freihändlerischen Gedankengang.

Allerdings glauben die spärlichen Reste des bürgerlichen Freihändlertums, die heute noch übriggeblieben sind, dass die internationale Interessenharmonie nicht bloß zwischen Agrarstaat und Industriestaat, sondern auch zwischen Industriestaat und Industriestaat bestehe.

Es betrug in der Tat 1899 unsere Ausfuhr nach:

Großbritannien

851,6 Millionen Mark

 

Belgien

207,1 Millionen Mark

Niederlande

327,7 Millionen Mark

Österreich

466,0 Millionen Mark

Schweiz

284,7 Millionen Mark

Russland

437,3 Millionen Mark

Frankreich

216,7 Millionen Mark

Vereinigte Staaten

377,6 Millionen Mark

Unsere Ausfuhr nach Großbritannien ist also weit stärker, als die nach irgendeinem anderen Lande. Unsere Ausfuhr nach den Niederlanden beträgt aber fast ebenso viel wie die nach den Vereinigten Staaten!

Das zeigt schon, dass ein großer Teil unserer Ausfuhr nach den Staaten der ersteren Reihe nicht in deren Konsum eingeht, sondern dem Durchfuhrverkehr nach Südeuropa, nach den Kolonien, sowie nach Ostasien, Südamerika u. s. w. dient. Der überseeische Frachtverkehr Englands hat riesenhafte Dimensionen angenommen. 1897 erzielte es daraus eine Einnahme von 1400 Millionen Mark (Vosberg-Rekow.)

Selbstverständlich wird zwischen zwei Industriestaaten jene internationale Arbeitsteilung fortbestehen bleiben, die auf natürlichen Grundlagen beruht. Sie kann sich sogar noch verstärken. Je mehr die Schweizer Industrie sich entwickelt, desto mehr Eisen und Kohle wird sie Deutschland abnehmen. Unsere Ausfuhr von Steinkohlen nach der Schweiz betrug 1895 750.000 und 1899 1.066.000 Tonnen. Unsere Ausfuhr von Roheisen dahin wuchs in diesem Zeitraum von 4:360 auf 11.890 Tonnen, von groben Eisenwaren von 9.760 auf 14.840 Tonnen.

Aber man darf diese natürliche Arbeitsteilung nicht mit der sozialen verwechseln, die aus dem Austausch von industriellen und landwirtschaftlichen Massenprodukten beruht. Diese wird unter der kapitalistischen Produktionsweise viel wichtiger als die erstere. Auf ihrem Bestehen beruht die freihändlerische Interessen Harmonie zwischen Industriestaat und Agrarstaat, aus ihrem Fortfall erwächst der Interessengegensatz zweier kapitalistischer Industriestaaten.

Es war aber nicht etwa bloß ein einzelner Staat, der in den sechziger und siebziger Jahren neben England in die Reihe der industriellen Exportstaaten eintrat. Zu Frankreich und Belgien gesellten sich Deutschland und die Schweiz, indessen andere Staaten ihre Industrie so weit entwickelten, um ein gut Teil unabhängig von der industriellen Einfuhr zu werden, so die Vereinigten Staaten und Österreich.
 

d) Die Krisis

Wo sich die kapitalistische Produktionsweise ausbildet, da erhält sie auch das Streben nach zeitweiliger Überproduktion. Dies Streben zu erklären, würde zu weit führen, genug, die Tatsache ist nicht zu leugnen. Dies hatte in England schon seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts zeitweise Krisen veranlasst, deren Folgen sich bis weithin außerhalb seiner Grenzen bemerkbar machten. Nun fiel eine Ära des industriellen Aufschwungs zusammen mit dem Eintreten so vieler Staaten in den Kreis des kapitalistischen Industrialismus, mit dem Übergang zu Liberalismus und Gewerbefreiheit, wozu in Deutschland noch der Milliardensegen kam. Alles das verstärkte den, man kann sagen, normalen Antrieb zur Überproduktion in einem Maße, züchtete eine solche Menge industrieller Gründungen, denen jede solide Grundlage fehlte, dass daraus ein Zusammenbruch erfolgen musste, wie ihn die Welt noch nicht gesehen und wie er sich bisher auch noch nicht wiederholt hat.

Die Überproduktion war enorm. Hat man es doch ausgesprochen, dass die 1873 bestehenden deutschen Hochöfen und Walzwerke im Stande gewesen wären, allein den Bedarf des Weltmarkts zu decken. (Lotz)

Die Preise sanken rapid. Westfälisches Spiegeleisen kostete ab Werk per Meter-Tonne (nach Neumann-Spallart)

Jahr

Mark

 

Jahr

Mark

 

Jahr

Mark

1871

108

1874

  90

1877

  72

1872

210

1875

  92

1878

  68

1873

234

1876

  78

 

Was auf jeden Fall früher oder später hätte zu Tage treten müssen, dass der Freihandel nicht zur Interessenharmonie der Industriestaaten und solcher, die es werden wollen, untereinander führe, wurde jetzt mit Blitzesschnelle und Blitzeshelle auch dem verbohrtesten Freihändler klar gemacht.

Die einzelnen Industrienationen unterboten einander auf dem Weltmarkte in der verzweifeltsten Weise, um ihren Überfluss los zu werden; ein Land warf dem anderen zu wahren Schleuderpreisen seine Vorräte zu, die internationale Schmutzkonkurrenz schoss in die Halme.

Kein Wunder, dass Angesichts dieser Invasion von fremden Industrieprodukten die Industriellen zu dem gleichen, naheliegenden Mittel griffen, das die Agrarier zur Bekämpfung der Invasion ausländischer Agrarprodukte forderten: zum Schutzzoll.  

e) Die zwiespältige Haltung der Bourgeoisie

Die Situation der Industriellen ist jedoch eine andere wie die der Junker. Mit der Fernhaltung des Imports, mit der Sicherung des inneren Marktes ist es für sie nicht abgetan. Sie müssen exportieren, und zwar in steigendem Maße, je mehr die ökonomische und technische Entwickelung, die Anhäufung und Zusammenfassung von Kapitalien vor sich geht.

Als Exporteure brauchen sie den Freihandel mit den agrarischen Ländern, den sie aber nur erhalten, wenn sie ihrerseits den agrarischen Produkten der letzteren freien Eingang gewähren. Andererseits werden sie durch die stets wachsende Konkurrenz der anderen Exportländer getrieben, industrielle Schutzzölle gegen deren Eindringen in das eigene Land zu fordern. Solche Zölle können sie aber nur erlangen, wenn sie den Agrariern Schutzzölle gewähren.

So ist in Ländern wie Deutschland der industrielle Bourgeois und seine Vertretung in der Presse, den Parlamenten, der Wissenschaft, heute in einer argen Zwickmühle, einmal Freihändler, dann wieder Schutzzöllner, oder vielmehr nie vollständig Freihändler und nie vollständig Schutzzöllner; er legt sich ebenso wenig auf das eine wie auf das andere Extrem fest, entscheidet von Fall zu Fall, ob er mehr dieser oder jener Richtung zuneigt, wobei es namentlich der Wechsel des Geschäftsgangs ist, der seine wissenschaftliche Überzeugung entscheidet. Unfähig und auch unwillig zu einer Kritik der kapitalistischen Produktionsweise vorzuschreiten, stets an der Oberfläche haftend, nur das Nächstliegende sehend, wirft ihn jede Krise aus dem Gleichgewicht und jagt ihn in ein Lager, das dem entgegengesetzt ist, in dem er bis dahin zu finden war. Die Krisis von 1873 fand ihn beim Freihandel; sie machte ihn zum Schutzzöllner; die Krisis von 1891 fand ihn beim Schutzzoll und trieb ihn dem Freihandel zu.

Man wird versucht, das Schwanken zwischen Freihandel und Schutzzoll, das von der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bis heute und wohl auf lange hinaus der normale Zustand des Durchschnittsbourgeois und seiner Wissenschaft und Politik geworden ist – dieses Schwanken der Haltung der englischen Chartisten und dem der deutschen Sozialdemokratie in ihren An-fängen gleichzustellen. Aber zwischen beiden ist ein gewaltiger Unterschied.

Die Sozialdemokratie lehnte es ab, sich für die eine oder andere Seite einzusetzen, weil sie ihre Kräfte auf andere Aufgaben konzentrieren wollte und die Frage der Handelspolitik ihr als keine Lebensfrage erschien. Die industrielle Bourgeoisie dagegen behandelt diese Frage stets als eine Lebensfrage, eine entschiedene Stellungnahme ist für sie dringend geboten und unter ihrem Schwanken leidet Niemand mehr als sie selbst.

Ein treues Abbild ihrer unentschiedenen, zweideutigen Haltung ist die nationalliberale Partei, die es ängstlich vermied, in den großen Debatten, welche den Umschwung vom Freihandel zum Schutzzoll im deutschen Reichstag besiegelten, als Partei Stellung zu nehmen. Die Frage war für sie keine Parteifrage, sie überließ es ihren Mitgliedern, in dieser Lebensfrage zu stimmen, wie sie wollten, und erreichten damit nichts anderes als Spaltung und Zusammenbruch. Noch 1877 hatte sie 1.604.000 Stimmen auf sich vereinigt und 128 Mandate erobert; 1881 war sie auf 746.575 Stimmen und 16 Mandate reduziert.

Ganz anders die Agrarier. Ihre Situation ist klar und einfach, ihre Agitation daher einheitlich, geschlossen, rücksichtslos. Und darum haben sie sich noch jedes Mal als die Stärkeren erwiesen, trotzdem in einem Industriestaat ihre ökonomische Bedeutung und Kraft Verhältnismäßig immer mehr zurückgehen muss.

Allerdings beruht die Stärke ihrer Position nicht bloß auf ihrer eigenen Kraft. Sie haben die Regierungsgewalt für sich, die, wie wir gesehen, schon aus rein finanziellen Gründen der Schutzzollwirtschaft günstig ist; sie haben aber auch mächtige Verbündete unter den Industriellen selbst.
 

f) Die kartellierten Industrien

Wir haben oben die neuere Handelspolitik der Bourgeoisie im Allgemeinen gekennzeichnet. Aber aus ihr heben sich Gruppen hervor, welche die unsichere und schwankende Politik ihrer Klasse nicht teilen, sondern vielmehr sich ein bestimmtes Ziel setzen und dieses rücksichtslos verfolgen.

Die Krise nach 1873 bedeutete nicht bloß, dass der Freihandel aushörte, das Ideal der Bourgeoisie zu sein. Nein, die ganze freie Konkurrenz, von der der Freihandel nur eine besondere Erscheinungsform, kam nun in Misskredit. Gewiss, nach wie vor blieb die freie Konkurrenz unter dem Privateigentum an den Produktionsmitteln das beste Mittel, Nachfrage und Angebot, Konsuln und Produktion wenigstens vorübergehend in Einklang mit einander zu bringen und die Interessen der Konsumenten am besten zu wahren. Aber nun stellte sich heraus, dass es eine Illusion der bürgerlichen Ökonomie war, zu glauben, dass der Kapitalist produziere, um die Bedürfnisse der Konsumenten zu befriedigen. Er produziert, um Profit zu erzielen. Gedieh aber sein Profit bei günstiger Konjunktur am besten unter der freien Konkurrenz, so wurde ihm diese verderblich in Zeiten der Krise. Und diesmal hatte man eine Krise, die nicht so schnell weichen wollte, wie ihre Vorgänger. Hatten früher die Verteidiger des Profits sich zur Befürwortung des Freihandels und der freien Konkurrenz hinter das Konsumenteninteresse versteckt, so brauchten sie jetzt zur Befürwortung des Gegenteils einen anderen Vorwand, und als dieser erschien nun das Produzenteninteresse, in welchem schönen Wort die Gegensätze von Kapitalist und Lohnarbeiter vollkommen ausgelöscht sind, wobei es erscheint, als beute der Unternehmer seine Arbeiter nur in ihrem Interesse – im Interesse der Produzenten – aus.

Gleichzeitig aber hatte die Zusammenfassung und Aufhäufung von Kapitalien in wenigen Händen immer raschere Fortschritte gemacht. Wenn der moralische Bankerott der freien Konkurrenz den Wunsch erregte, an ihre Stelle das private Monopol für die Unternehmer einzelner Gewerbe zu setzen und ihnen eine Ausnahmestellung zu sichern, in der sie durch ihre überlegene Kraft sich Extraprofite erpressen konnten, so bot die fortschreitende Konzentration der Kapitalien die Möglichkeit dazu. Gerade damals, als die neue Ära des Schutzzolls begann, entwickelten sich in den Vereinigten Staaten die Anfänge jener neuen Gebilde, die sich bald zur Beherrschung des ganzen wirtschaftlichen Lebens aufschwingen sollten, die Unternehmerverbände – Teils losere, Kartelle, Teils engere, Trusts.

Wohlmeinende und friedliebende Ideologen haben in ihnen den Anfang einer Regelung der Produktion und ihrer Anpassung an die gesellschaftlichen Bedürfnisse, also gewissermaßen den Anfang des Sozialismus gesehen. Tatsächlich sind sie nichts als Versuche einzelner Kapitalmagnaten, durch engen Zusammenschluss ihre Sonderinteressen auf Kosten der Allgemeinheit wirksamer zu wahren, als sie es sonst könnten. Die Grundlage der freien Konkurrenz ist wenigstens der Idee nach Freiheit und Gleichheit von Käufern und Verkäufern, Unternehmern und Arbeitern. Die Idee des Kartells ist von vornherein die Privilegierung einzelner Unternehmergruppen, die auf das gewaltsamste und rücksichtsloseste ihre Überlegenheit auf dem Markte wie in der Werkstatt zur Geltung bringen. Die Kartellwirtschaft bedeutet nicht die Ersetzung des wirtschaftlichen Kampfes auf dem Markte durch den Frieden einer planmäßigen Organisation der Wirtschaft, sondern sie bedeutet, dass an Stelle der Faustkämpfe der einzelnen Kapitalisten untereinander die Kämpfe einiger geschlossenen, disziplinierten und wohlbewaffneten Bataillone gegen einander und gegen die Masse der unorganisierten Faustkämpfer treten.

Die ganze ökonomische Entwickelung drängt die Kapitalisten zu Kartellen und Trusts. Nirgends aber gedeihen diese so leicht und gut, wie unter der Herrschaft des Schutzzolls; je höher dieser, desto mehr können sie ihre Macht entfalten und ausnutzen. Es ist kein Zufall, dass sie gerade in den Hochschutzzöllnerischen Vereinigten Staaten zuerst aufkamen.

Diejenigen Industriegruppen, in denen die Kapitalskonzentration so weit vorgeschritten ist, dass sie den Boden für eine starke Kartellwirtschaft abgeben können, werden in einem entwickelten Industriestaat am ehesten schutzzöllnerisch gesinnt.
 

g) Die Eisenindustrie

In erster Linie unter ihnen stehen die Eisenindustriellen. Vielmehr als etwa in der Textilindustrie, ist bei ihnen die Kapitalskonzentration vorgeschritten. Man zählte 1882 im Deutschen Reiche Betriebe, beschäftigt mit der Herstellung von Eisen und Stahl leinschließlich Eisendrahtzieher) 849, 1895 dagegen nur noch 609. Ohne die Betriebe der Eisendrahtzieher waren es 1895 nur 488 mit 118.226 Arbeitern, also mit 270 Arbeitern pro Betrieb. Dagegen zählte man in der Baumwollspinnerei (und in der Spinnerei ist die Konzentration weiter vorgeschritten, als etwa in der Weberei oder Stickerei) 1895 2.448 Betriebe mit 74.807 Personen, also 19 pro Betrieb.

Es entfielen 1895 von allen Betrieben der betreffenden Gruppe auf:

Gruppe

Kleinbetrieb

Mittelbetrieb

Großbetrieb

Eisen- und Stahlfabrikation

16,2

27,8

56,0

Baumwollspinnerei

75,9

  8,8

15,3

Baumwollweberei

96,8

  1,6

  1,6

Es kamen Personen auf einen Hauptbetrieb in der Größenklasse auf:

Gruppe

Kleinbetrieb

Mittelbetrieb

Großbetrieb

Eisen- und Stahlfabrikation

  3,2

20,2

477,0

Baumwollspinnerei

  1,1

20,4

206,2

Baumwollwwebsrei

  1,3

17,7

195,2

Hand mit der Konzentration ihres Kapitals geht die wachsende ökonomische Macht der Eisenindustriellen. Gleichzeitig wachst aber auch ihre politische Macht und ihr politisches Interesse. Viel mehr als bei jeder anderen Industrie hängt bei der Eisenindustrie ihr Gedeihen von der staatlichen Politik ab: Staatseisenbahnen, Heer, Marine liefern ihr die größten und wichtigsten Auftrage. Die Eisenindustriellen haben also alle Ursache, die Staatsallmacht und den Militarismus zu stärken; sie sind zu allen Belastungen der Bevölkerung, also auch zu Finanzzöllen bereit, deren Ertrag doch in erster Linie ihnen zu Gute kommt. Von diesem Standpunkt aus können sie sich selbst mit den Lebensmittelzöllen befreunden, die ja auch wie Finanzzölle wirken und die bestimmt sind, jene Klasse zu stützen, die gleich ihnen, für den Militarismus am eifrigsten eintritt, das Junkertum. So bildeten die politischen Vertreter der Eisenindustriellen, die das Kartellwesen im Wirtschaftsleben am entschiedensten entwickelten, auch die Vorkämpfer des politischen Kartells, das die neue Schutzzollära inaugurierte. Im Bunde mit den Junkern und den Lakaien der Regierung richteten sie jene schöne Dreieinigkeit auf, die Hinfort Deutschland beherrschen sollte: Finanzzölle, Eisenzölle, Brodzölle.
 

h) Die neue Gewaltpolitik

Gewalttätigkeit ist das Wesen der Kartellwirtschaft; mit gewaltsamen Mitteln suchen die Kartelle ihre Gegner niederzuwerfen und niederzuhalten; zunächst nicht mit Flinten und Kanonen, aber mit den gewaltsamsten Mitteln des ökonomischen Kampfes. Das gilt natürlich nicht nur gegenüber den Konkurrenten und Konsumenten, sondern auch gegenüber den Arbeitern. Neben den Kohlensyndikaten, die zwar keines Schutzzolls, aber einer ihm gleich wirkenden Eisenbahntarifpolitik des Staates sich erfreuen, sind die Eisenindustriellen die Vertreter der gewalttätigsten Politik zur Unterdrückung der Arbeiter. Es ist kein Zufall, dass derselbe Zentralverband der deutschen Industriellen mit seinem Sekretär Bueck, der kürzlich durch seine sonderbaren Beziehungen zur Regierung so unliebsames Aufsehen erregt hat, dass derselbe, der sich so für die Zuchthausvorlage ins Zeug legte, seinerzeit auch am kräftigsten die Überwindung des Freihandels durch den Schutzzoll gefördert hat. Und ebenso wenig ist es ein Zufall, dass der Schutz der nationalen Arbeit 1878 durch das Sozialistengesetz eingeleitet wurde.

Aber nicht minder gewaltsam verfahren die Kartellmonopolisten gegen das Ausland. Zunächst suchen sie dort die Konkurrenten durch Schleuderpreise aus dem Felde zu schlagen. Sie können diese dem Auslande auf die Dauer bewilligen, wenn die Schutzzölle so hoch und die Kartellierung weit genug gediehen, dass die Industriellen dadurch im Inland die Preise über ihr normales Niveau hinaustreiben und so durch Verteuerung der Waren für das Vaterland Extraprofite erzielen, die sie für die Schmutzkonkurrenz auf dem Weltmarkt entschädigen. Aber da die Konkurrenten dies edle Manöver nachmachen, so wird es bald unwirksam.

Nun geht man weiter und verlangt die gewaltsame Eroberung eines Marktes, auf dem man eine Vorzugsstellung genießt, also Kolonial- und Expansionspolitik. Diese wieder führt Konflikte oder die Gefahr von Konflikten mit den konkurrierenden Industriemächten herbei, aus dem Kampf mit gewaltsamen ökonomischen Mitteln droht ein Kampf mit Pulver und Blei, Dynamit und Lyddit [1] zu werden. Neue Kriegsrüstungen, die wiederum der Kartellwirtschaft zu Gute kommen, vermehrte Kolonialabenteuer, vermehrte Kriegsgefahr ist die Folge.

So erwächst an Stelle des Geistes des Freihandels ein Geist der Gewaltsamkeit in der industriellen Bourgeoisie. Ehedem friedliebend, träumte sie von ewigem Frieden, verurteilte sie den Krieg als ein barbarisches Überbleibsel aus dem Mittelalter, das nur noch feudalen und dynastischen Zwecken dienen könne; heute wird sie selbst immer mehr vom Geiste der Gewaltsamkeit erfüllt, wie sehr auch einzelne ihrer Ideologen darüber klagen mögen.

Der Schutzzoll ist nur ein Glied in dieser Kette des neuen industriellen Systems, das die jüngste und wahrscheinlich letzte Erscheinungsform der kapitalistischen Produktionsweise darstellt. Aber wer dieses eine Glied anerkennt, wird notwendiger Weise gezwungen, wenn er konsequent sein will, auch die anderen anzuerkennen, die mit logischer Notwendigkeit damit zusammenhängen.

Sicher, der Freihandel ist kein absoluter Schutz gegen den Geist der Brutalität und Gewalttätigkeit, der Monopolisierung und Privilegierung der großen gesellschaftlichen Produktions- und Machtmittel durch eine Garde von Kapitalmagnaten, das zeigt uns England. Die ganze hier beschriebene Entwickelung ist nur die Verschärfung und Vergröberung des Geistes, der das ganze kapitalistische Ausbeutungssystem beherrscht. Aber die Förderung des Schutzzolls heißt heute die direkte Förderung jenes Systems, das darauf hinauslauft, alle Machtmittel der Nation einer Handvoll Kapitalisten zur Verfügung zu stellen, damit diese im Stande sind, jeden Gegner, innerhalb wie außerhalb des Landes, gewaltsam niederzuschlagen oder auszuhungern.

Wer der Ansicht ist, dass die Interessen des Proletariats in unversöhnlichem Gegensatz zu denen des Kapitals stehen, wird von vornherein dahin neigen, diesem System des Schutzes der nationalen Arbeit feindlich entgegenzutreten. Er bekommt umso mehr Ursache dazu, je mehr er es zergliedert.

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*

Anmerkung

1. [The English translation of “Lyddit” (German) is lyddite. It is a high explosive based on picric acid, famously adopted by the British in 1888 for artillery shells, with experiments conducted in Lydd, England. It was frequently used in late 19th and early 20th-century warfare.]

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Zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 1923