Karl Kautsky

Handelspolitik und Sozialdemokratie

7. Die Agrarzölle

a) Käufer und Verkäufer von Lebensmitteln auf dem flachen Lande

Das a und о der neueren Schutzzollpolitik sind, wie wir schon bemerkt, die Agrarzölle, die Zölle zur Erhöhung der Preise der landwirtschaftlichen Produkte, also in erster Linie die Getreidezölle, dann aber auch Viehzölle, Butterzölle, Holzzölle und dergleichen. Um sie dreht sich auch jetzt hauptsächlich der Kampf.

Da entsteht vor Allem die Frage: Wem soll damit geholfen werden? Offenbar der landwirtschaftlichen Bevölkerung.

1895 betrug diese, soweit sie Landwirtschaft als Hauptberuf übt, 17.815.187 Personen. Davon waren selbständige Landwirte mit ihren Familienangehörigen 11.300.108. Die anderen 6.500.000 waren Lohnarbeiter, von denen nur wenige Lebensmittel verkaufen, die meisten Lebensmittel kaufen oder weder kaufen noch verkaufen, sondern als Naturallohn erhalten. Aber auch von den Familienangehörigen der Selbständigen sind zwei Millionen als Knechte oder Mägde und nicht als Mitbesitzer in der Wirtschaft des Vaters oder Bruders beschäftigt, haben also an den Vorteilen höherer Lebensmittelpreise keinen Anteil.

Und von den selbständigen Landwirten selbst – ohne Angehörige 2.500.000 – verkaufen nicht alle mehr Lebensmittel als sie kaufen. Von ihnen produzieren viele Lebensmittel vorwiegend für den eigenen Bedarf; verkaufen Einiges, etwa Geflügel, Eier, Milch/ müssen aber Anderes wieder zukaufen, z. B. Brod, Fleisch, Butter (oder Margarine). Das nötige Bargeld für Steuern, Ankauf von Industrieprodukten u. dgl. wird durch Lohnarbeit oder anderen Erwerb gewonnen. Noch viel mehr gilt das von den 3.577.798 Erwerbstätigen, die 1895 die Landwirtschaft nur nebenher betrieben. Sieht man also die Berufsstatistik an, so findet man schon, dass der größere Teil der Landwirtschaftlichen Bevölkerung kein Interesse an hohen Lebensmittelpreisen hat. Zu demselben Ergebnis führt uns die Betriebsstatistik.

Im Ganzen zählte man 1805 5.558.317 Landwirtschaftliche Betriebe, von denen aber 3.236.367 unter 2 Hektar groß waren. Diese gehören mit wenigen Ausnahmen zu jener Kategorie, die erheblich mehr Lebensmittel kauft als verkauft, die also unter einer Preissteigerung derselben ebenso direkt leidet, wie die Mehrzahl der acht Millionen der landwirtschaftlichen Arbeiterbevölkerung.

An Betrieben von 2–5 Hektar zählte man 1895 1.016.238. Von diesen wird man im Durchschnitt sagen können, dass sie an einer Erhöhung der Lebensmittelpreise kein Interesse haben, wenn sie auch darunter nicht leiden. Was sie auf der einen Seite dabei gewinnen, verlieren sie auf der anderen. Dasselbe wird man von solchen Landarbeitern sagen können, die nicht direkt durch höhere Lebensmittelpreise geschädigt werden. Jene Sorte Landarbeiter ist so gut wie ausgestorben, die von höheren Getreidepreisen profitieren, weil sie einen so großen Teil des Lohnes in Getreide bezahlt bekommen, dass sie eine erhebliche Menge davon verkaufen können.

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe, die einen Vorteil aus der Preissteigerung der agrarischen Produkte ziehen könnten, nämlich die der Betriebe von mehr als 5 Hektar, beträgt 1.305.032. Ihre Inhaber samt ihren Angehörigen repräsentieren etwa 5–6 Millionen Personen.

Das ist höchstens ein Drittel jener Bevölkerung, die Landwirtschaft im Hauptberuf betreibt, und ist nur ein Zehntel der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Es müssten schon erhebliche Interessen auf dem Spiele stehen und bedeutende Vorteile dadurch erreicht werden können, wenn die übrigen neun Zehntel um dieses einen Zehntels willen sich große Opfer auferlegen sollten, namentlich wenn man erwägt, dass die größere Hälfte dieser neun Zehntel zu den Besitzlosen und Armen zählt, indes in dem einem Zehntel sehr wohlhabende und steinreiche Leute zu finden sind.
 

b) Die Notlage der Landwirtschaft

Dieses große, nationale Interesse soll das der Landwirtschaft sein. Allerdings, es sind nur 1.300.000 Betriebe an den Agrarzöllen interessiert; aber diese Minderheit der landwirtschaftlichen Betriebe umfasst beinahe die gesamte deutsche Landwirtschaft; die ihr gegenüberstehende Mehrheit besteht aus Zwergwirtschaften, die für die Lebensmittelversorgung des Volks nicht in Betracht kommen. Die 3.236.000 Betriebe unter 2 Hektar bebauen zusammen bloß 2.416.000 Hektar, die Million Betriebe von 2–5 Hektar bewirtschaftet 4.142.000 Hektar, die 1.300.000 größeren Betriebe dagegen umfassen 36.727.000 Hektar.

Diese sind es, erklären die Agrarier, die dem deutschen Volk sein Brot und sein Fleisch liefern; wenn sie verfallen, hängt die Ernährung des Volkes vom Auslande ab, jeder Krieg, ja schon jeder Zollkrieg kann sie bedenklich stören. Wie immer sich das wirtschaftliche Verhältnis eines Volkes zu seinen Nachbarvölkern gestalten mag, wie sehr es auch von dem Wachsen der Exportindustrie abhängen mag, seine Landwirtschaft muss in blühendem Zustande erhalten bleiben, sonst hängt das Gedeihen des Volkes in der Luft und kann durch jeden kräftigen Windstoß von außen umgeblasen werden.

Es liegt viel Wahres in diesen Bemerkungen. Namentlich die Sozialdemokratie, die Erbin der heutigen Gesellschaft, hat alle Ursache, wo sie kann, einem Verfall der Landwirtschaft entgegenzuwirken; denn die Ernährung des Volkes durch von außen gekaufte statt durch selbst produzierte Lebensmittel, die Arbeitsteilung zwischen Industriestaat und Agrarstaat, ist ein Zustand, der nicht andauern kann und nicht dauern wird.

Auf der anderen Seite fällt es uns auch nicht ein, die Notlage der Landwirtschaft zu leugnen.

Erscheint sie uns auch nicht so groß, wie sie die &lbquo;schreienden” Landwirte malen, so auch nicht so rosig, wie sie der liberale Optimismus schildert, der den Maßstab für die Rentabilität der Landwirtschaft in der Zahl der Champagnerflaschen sieht, die einzelne Großgrundbesitzer bei Dressel leeren. Das ist eine ebenso sinnreiche wie bequeme Methode, die landwirtschaftlichen Zustände zu studieren. Leider haben nicht bloß zahlungsfähige Leuteallein die Gewohnheit, Champagner zu trinken. Sie findet sich sogar bei Bankrotteuren.

Die Frage, ob es eine Notlage der europäischen Landwirtschaft gibt, ist nicht so einfach zu beantworten. Indessen brauchen wir das schwierige Thema hier nicht weiter zu verfolgen. Denn wir handeln hier nur von den Agrarzöllen und haben nur die Frage zu beantworten, ob sie im Stande sind, der landwirtschaftlichen Notlage abzuhelfen – mag sie nun groß oder klein sein.

Bestehen über das Ausmaß dieser Notlage verschiedene Meinungen, so liegt doch ihre Ursache klar zu Tage: sie ist darin zu suchen, dass Länder mit geringeren Produktionskosten des Getreides, beziehungsweise der Agrarprodukte überhaupt, in Konkurrenz treten mit den alten Industrieländern, in denen die landwirtschaftlichen Produktionskosten hochstehen. Warum sind aber diese Kosten in neuen Ländern geringer als in alten? Einmal weil ihr Boden noch nicht ausgesogen ist, also reiche Ernten ohne großen Arbeitsaufwand und Kapitalaufwand liefert. Aber diesem natürlichen Vorteil steht der natürliche Nachteil gegenüber, dass der Markt für die überschüssigen Produkte der neuen Länder die alten Länder sind; diese Produkte haben einen viel weiteren Weg zum Markt zurückzulegen als die Agrarprodukte der alten Länder, die in der Nähe des Marktes gewonnen werden.

Zu den natürlichen Vorteilen der Landwirtschaft in den neuen Ländern gesellen sich aber auch soziale. Diese Länder sind an den europäischen Händeln nicht beteiligt, daher bis jetzt frei vom Militarismus und seinen Lasten gewesen. Sie verfügen aber auch noch über ungeheure Strecken Landes, die nichts oder so gut wie nichts kosten. In den alten Ländern dagegen ist der Grund und Boden das Monopol einer Grundbesitzerklasse geworden, die von dem Landwirt einen Tribut für die Erlaubniß, den Grund und Boden zu bestellen, verlangt. Daran, an der Grundrente, die aus dem Privateigentum am Grund und Boden hervorgeht, krankt vor Allem die europäische Landwirtschaft.

Wir können hier auf die Theorie der Grundrente nicht eingehen, wir können nur die Erscheinungen der Oberfläche berühren. Die Grundrente tritt klar zu Tage im Pachtsystem: Der Pachtschilling ist eine Last für den Landwirt; das Wachstum dieser Abgabe kommt nur einer Klasse von Grundbesitzern zu Gute, die ganz unnützen Drohnen sind, für die Landwirtschaft gar nichts bedeuten und deren Verschwinden die Gesellschaft unendlich erleichtern würde.

Nicht so klar liegt die Sache dort, wo der Landwirt und der Grundbesitzer eine Person sind. Aber dieselbe Rolle, die beim Pachtsystem der Grundbesitzer, spielt hier der Hypothekengläubiger. Der nominelle Grundbesitzer wird immer mehr nur ein Pächter, der von des Gläubigers Gnaden seinen Boden bebaut und die Grundrente in Form von Hypothekenzinsen dem Hypothekenbesitzer abliefert.

Je höher die Preise der landwirtschaftlichen Produkte, je größer, unter sonst gleichen Umständen, die Einnahmen des Landwirts, desto größer die Pachtsummen, die er als Pächter zahlen muss; desto höher der Wert des Grundbesitzes, desto größer die Summe, die der Landwirt als Erbe oder Käufer seines Betriebs für ihn bezahlen oder, wenn er nicht das nötige Bargeld hat, dem Hypothekengläubiger verzinsen muss.

Wenn die Preise der Agrarprodukte stetig steigen, wie das bis in die Mitte der siebziger Jahre hinein der Fall war, dann gewinnen beide dabei, der Pachter und der Grundbesitzer, der Bauer und sein Gläubiger. Der erstere vorübergehend, der zweite dauernd, keiner aber verliert etwas. Die Zeche hat die Masse der Konsumenten zu bezahlen.

Die Sache ändert sich, wenn plötzlich Agrarprodukte, die billiger produziert werden, auf den Markt kommen. Der Landwirt im alten Lande hat nun alle Ursache, auf eine Verminderung der Produktionskosten hinzuwirken, also vor Allem auf eine Herabsetzung der Pachtzinsen und der Grundstückpreise, beziehungsweise auf Verminderung der Hypothekenschulden. Der Grundbesitzer hat dagegen alles Interesse, die Grundrente, beziehungsweise die Grundstückpreise hochzuhalten, und dazu dient ihm vor Allem der Zoll auf Landwirtschaftliche Produkte. Je mehr dieser aber das ihm vom Grundbesitzer gesetzte Ziel erreicht, die Pachtzinsen oder Grundstückspreise zu erhöhen, beziehungsweise hoch zu halten, umso mehr muss er dadurch die Landwirtschaft belasten, der so eine künstliche Erhöhung der Produktionskosten gerade in dem Moment zu Teil wird, wo sie der Erniedrigung derselben am Dringendsten bedarf.

Nur sehr vorübergehend können die Agrarzölle der Landwirtschaft Helsen. Wo es ihnen gelingt, die Preise der agrarischen Produkte dauernd hochzuhalten, dort führt das zu einer Erhöhung der Pachtzinsen und der Güterpreise, dem entsprechend auch der hypothekarischen Verschuldung.

Aber die Agrarzölle bieten nicht einmal die Gewähr, dass die Preise der agrarischen Produkte dauernd hoch bleiben. Das Schwanken dieser Preise hängt vom Weltmarkt ab. Wird ein Zoll eingeführt, so dürften die Preise im Inland wohl ungefähr um den Betrag des Zolles in die Höhe gehen; dem entsprechend werden auch die Güterpreise, also die Produktionskosten steigen. Wenn aber später die Preise auf dem Weltmarkt weiter sinken, dann kann keine Macht der Welt hindern, dass sie auch im geschützten Inland sinken; die Landwirtschaft ist dann noch schlechter dran als früher; sie hat gleichzeitig mit gestiegenen Güterpreisen und gesunkenen Produktenpreisen zu kämpfen. Nun erhöht man den Getreidezoll abermals, und dasselbe Spiel wiederholt sich, aber unter viel schwierigeren Umständen. Man kann den Lebensmittelzoll nicht ins Unendliche erhöhen; je höher er ist, desto drückender wird er für die Bevölkerung, desto schwieriger aber auch die Lage für die Landwirtschaft, weil desto größer der Unterschied zwischen den Produktionskosten im Inland und im Auslande.

Die agrarischen Zölle sind daher eine Schraube ohne Ende; – ihre Folgen lassen die vorübergehende Erleichterung für die Landwirtschaft immer wieder in eine Erschwerung ihrer Lage und der Lage der Gesamtheit umschlagen; sie treiben immer weiter über sich hinaus, bis sie schließlich eine Höhe erlangen, die sie unerträglich macht und zu ihrer Abschaffung oder doch Erniedrigung zwingt.

In Deutschland wird 1879 ein Getreidezoll von 1 Mark pro 100 Kilofunder [1] (für Weizen, Roggen, Hafer) eingeführt. 1885 wird er schon für Weizen und Roggen verdreifacht, 1887 weiter auf 5 Mark hinaufgetrieben. Die unerträglichen Zustände, welche diese Sätze hervorriefen, drängten auf ihre Ermäßigung. Sie wurden anfangs der neunziger Jahre auf Mark 3,50 herabgesetzt, aber nun verlangen die Großgrundbesitzer von Neuem ihre Erhöhung, und haben sie diese erlangt, werden sie getrieben werden, noch darüber Hinallszugehen, und die Notlage der Landwirtschaft wird sich nicht mindern, der Druck der auswärtigen Konkurrenz wird im Gegenteil wachsen.

Wenn wir also gegen die agrarischen Zölle auftreten, tun wir dies nicht, weil wir den Notstand der Landwirtschaft leugnen, sondern weil wir sie für ein völlig ungeeignetes Mittel halten, ihm entgegen zu wirken. Sie belasten den größten Teil der landwirtschaftlichen Bevölkerung und erschweren gleichzeitig der Landwirtschaft den Konkurrenzkampf mit den ausländischen Produkten, weil sie ihr die Produktionskosten erhöhen.
 

c) Die wirksame Bekämpfung des landwirtschaftlichen Notstandes

Ein Getreidezoll von 5 Mark, ganz abgesehen von den anderen Agrarzöllen, würde allein schon, wie wir noch sehen werden, eine Steuer auf die Bevölkerung des deutschen Reiches im Betrage von rund 500 Millionen Mark darstellen. Dass diese Summ jahraus, jahrein zur Hebung der Landbevölkerung ausgegeben würde, dagegen hätten wir nichts einzuwenden. Aber wir müssen uns dagegen erklären, dass dies durch den Zoll geschieht; einmal weil dieser eine Kopfsteuer darstellt, die Alle, ob Reich oder Arm, gleich belastet, ja die Ärmeren eher noch mehr als die Reichen, weil sie mehr Brod, weniger Fleisch essen, dann aber, weil die so aufgebrachte Summe, wie wir gesehen haben, auf die Dauer nicht der bedrängten Landwirtschaft zu Gute kommt, sondern den Hypothekengläubigern, Güterspekulanten und Fideikommissbesitzern, den reichsten und überflüssigsten Teilen der Nation.

Wir hätten aber nichts dagegen, das; die 500 Millionen durch eine progressive Einkommensteuer aufgebracht und zum Vorteil der Masse der landwirtschaftlichen Bevölkerung und der Landwirtschaft verwendet werden, etwa zum Bau von Schulen, zur Vermehrung der Lehrer, Ausdehnung des landwirtschaftlichen Bildungswesens, zum Bau von Arbeiterhäusern, die den Landarbeitern menschenwürdige Wohnungen böten, in denen sie frei blieben von jeder Unternehmerwillkür, zum Ausbau eines ausreichenden Netzes von Kleinbahnen, Straßen und Wegen, zur Verbesserung der Armenpflege und des Heilwesens, zur Betreibung einer rationellen Wasserwirtschaft, welche die Gefahren von Hochfluten beseitigt und billige Wasserkräfte schafft, endlich, wenn die Mittel noch reichen, zur Erwerbung einzelner Güter bankrotter Junker, und zu ihrer Umwandlung in Musterwirtschaften – Musterwirtschaften nicht bloß in technischer, sondern auch in sozialer Beziehung.

Verbindet man damit noch die Beseitigung des Militarismus, der der Landwirtschaft im Jahre so viele Arbeitskräfte entzieht, die Expropriation der Kohlengruben, um dem gesamten Volk, also auch den Landwirten, billiges Feuerungsmaterial zur Verfügung zu stellen – wozu die Aufhebung des Petroleumzolles und des Eisenzolles zu gesellen wäre –, so würde damit die Verminderung der Produktionskosten der deutschen Landwirtschaft und die Erhöhung ihrer Konkurrenzfähigkeit auf dem heimischen Markt, ja auf dem Weltmarkt, und gleichzeitig die geistige und physische Hebung der Masse der landwirtschaftlichen Bevölkerung ungemein gefördert werden.

Am radikalsten freilich würde dieses Reformprogramm dann helfen, wenn es mit der Nationalisierung des Grund und Bodens verbunden würde. Doch von so weitschauenden Plänen sehen wir hier ab.

Aber freilich, auch in seiner einfachsten Form wäre das hier entwickelte Programm nicht so im Handumdrehen durchzuführen, wie die mechanische Erhöhung der Preise Landwirtschaftlicher Produkte durch den Zoll. Und da dieser für den Moment zu helfen verspricht, so begeistern sich die Landwirte dafür, unbekümmert um das, was daraus folgen mag. Nach uns die Sintflut!
 

d) Die Belastung der Arbeiterschaft durch die Lebensmittelzölle

Müssen wir uns schon im Interesse der Hebung der landwirtschaftlichen Produktivkräfte gegen die Getreidezölle wenden, so noch entschiedener im Interesse der Arbeiterklasse.

Die Agrarzölle bedeuten für diese eine höchst drückende Erhöhung der Preise ihrer Lebensmittel. Das wird von agrarischer Seite bestritten, denn, sagt man, der Zoll wird vom Ausland getragen. Diese Behauptung kann aber nach den Ergebnissen der letzten zwanzig Jahre nicht mehr aufrechterhalten werden. Es betrugen z. B. die Preise für 1000 Kilogramm Weizen (nach Conrad):

 

1879–83 Mark

1884–85 Mark

1886–90 Mark

1891–95 Mark

1899 Mark

London

200,00

153,41

142,63

119,72

120,77

Berlin

205,00

161,55

174,21

166,13

155,25

Berlin mehr als London:

    5,00

    8,14

  31,58

  46,41

  34,48

In Berlin steht also der Preis stets ungefähr um den Betrag des Zolles höher als in London. Wohl verstanden. Wenn der Preis auf dem Weltmarkt sinkt, sinkt er auch im Gebiet des Zollschutzes. Aber er steht innerhalb des letzteren stets höher, als aus dem ersteren. Und darauf kommt es an. In Berlin sind die Weizenpreise von 1879/83–99 um 50 Mark gesunken, aber in London um 80 Mark.

Es werden aber nach Scheel in Deutschland pro Kopf durchschnittlich 200 Kilogramm. Brotkorn im Jahr zur menschlichen Nahrung verbraucht (im Durchschnitt der letzten 5 Jahre 193,60 Kilogramm). Wird auf 100 Kilogramm ein Zoll von 5 Mark gelegt, so bedeutet das eine Erhöhung des Preises ungefähr um diesen Betrag über den Weltmarktpreis hinaus, also eine Preiserhöhung von 10 Mark für den durchschnittlichen Jahreskonsum einer Person, von etwa 50 Mark für die Familie von 5 Köpfen; eine Steuer auf das deutsche Volk von 500 Millionen Mark! Dazu kommen noch die anderen Lebensmittelzölle; Butter wird heute schon um 16 Pfennig pro Kilogramm verteuert, Salz um 13 Pf., Fleisch um 15–17, Käse um 15, Schmalz um 10 Pfennig u. s. w. Bei einem Fleischverbrauch von 40 Kilogramm pro Kopf wird die Verteuerung des Fleisches durch den Zoll allein mindestens 6 Mark im Jahr, pro Familie 30 Mark, für die Gesamtbevölkerung 300 Millionen Mark ausmachen.

Kurz, der Gesamtbetrag der finanziellen Last, die um der imaginären Rettung der Landwirtschaft willen dem deutschen Volke bereits aufgelegt ist oder noch aufgelegt werden soll, dürste sich von einer Milliarde Mark im Jahr nicht weit entfernen. 100 Mark im Jahr sollen auch der ärmsten Arbeiterfamilie erpresst werden, damit ein Häufchen Drohnen, darunter die Reichsten der Reichen, ihre Profite vermehrt sehen!

Aber, wird man sagen, die Löhne werden um den Betrag des Zolles steigen. Wird der Zoll nicht vom Ausland getragen, so doch auch nicht von den Arbeitern, sondern vom industriellen Kapital, Dieses aber ist sehr wohl im Stande, einen derartigen Aderlass zu ertragen.

Das Steigen der Löhne in Folge der Zollerhöhung ist jedoch sehr zweifelhaft, Diejenigen, die es behaupten, mögen sich vielleicht auf das eherne Lohngesetz berufen, Aber auch dieses besagte nicht, dass die Löhne mechanisch der Bewegung der Lebensmittelpreise folgen, Dieses Gesetz nahm vielmehr an, dass, wenn die Preise der Lebensmittel steige», dadurch so viel Elend in der Arbeiterbevölkerung hervorgerufen wird, dass ihre Zahl sich durch Vermehrung der Sterbefälle, Zunahme der Auswanderung und Abnahme der Eheschließungen so lange verringert, bis der Rückgang im Angebot von Arbeitskräften die Löhne wieder hebt, Also auch die Lehre vom ehernen Lohngesetz erwartet als Folge der Steigerung der Lebensmittelpreise zunächst eine Zunahme von Noth und Elend in der Arbeiterklasse.

Nun wissen wir aber, dass das eherne Lohngesetz falsch ist. Die Schwankungen im Lohne vollziehen sich in viel kürzeren Zeiträumen, als es annahm, sie werden bewirkt einesteils durch die Schwankungen in Angebot und Nachfrage, wie sie der Wechsel von Prosperität und Krise erzeugt, und anderseits durch Veränderungen in den Machtverhältnissen von Kapital und Arbeit, die durch gewerkschaftliche Organisation, Arbeiterschutzgesetze, Unternehmerkoalitionen und dergleichen erzeugt werden.

In keiner dieser Beziehungen wird die Lage der Lohnarbeiterschaft durch die Lebensmittelzölle verbessert. Sie fördern nicht die Entwickelung der Produktion, sie hemmen diese vielmehr, wie wir noch sehen werden; sie heben aber auch nicht die Kraft der Arbeiterschaft, Sie sind innig verwachsen mit dem ganzen Schutzzollsystem, das, wie wir schon gesehen, gerade die Unter-nehmerverbände begünstigt und den Arbeitern feindselig gegenübertritt, die Staatshilfe für die ausbeutenden Klassen auch der Arbeiterschaft gegenüber anruft. Gerade die Brotwucherer gehören zu den entschiedensten Vertretern jener Politik, die der deutschen Arbeiterklasse das Sozialistengesetz brachte, die sie mit dem Zuchthausgesetz bedrohte. Jede Stärkung der Agrarier bedeutet eine Schwächung der Arbeiterklasse.

Auf der anderen Seite aber ist die deutsche Industrie Exportindustrie; sie Hal auf dem Weltmarkt ihre Stellung zu behaupten, sie hat mit den Preisverhältnissen des Weltmarktes zu rechnen. Sie wird sich daher gegen jede Lohnerhöhung entschieden wehren, welche die Arbeiter in Folge einer Erhöhung der Lebensmittelzölle fordern. Auch hier wirkt der agrarische Zoll dahin, alle jene Industriellen, die sich mit ihm abfinden, umso lauter nach staatlicher Unterdrückung der Arbeiterorganisationen schreien zu lassen.

Von welcher Seite man die Agrarzölle auch betrachten mag, von jeder zeigen sie ein der Arbeiterschaft feindliches Gesicht.
 

e) Die Belastung der Industrie durch Agrarzölle

Aber die Agrarzölle bedrohen die Arbeiter nicht bloß als Konsumenten, sondern auch als Produzenten, denn, wie wir schon bemerkt, sie sind ein Mittel, die Entwickelung der Produktion zu hemmen. Sie fördern auf die Dauer nicht die Landwirtschaft, wie wir bereits wissen, sie vermehren am Ende nur ihre Produktionskosten durch Erhöhung der Pachtzinsen und Grundstückspreise über das durch den Weltmarktpreis bestimmte Niveau. Sie hemmen aber direkt die industrielle Entwickelung. Einmal durch Verteuerung der Rohstoffe mancher Industrien – Zölle auf Holz, Hopfen, Brauergerste, Tabak – dann aber durch die Verminderung der Leistungsfähigkeit der menschlichen Arbeitskräfte – des wichtigsten aller Produktionsmittel – für alle Industrien.

Würden die Geldlöhne der deutschen Arbeiter so erhöht, dass man die Verteuerung der Lebensmittel über den Weltmarktpreis hinaus dadurch wettmachte, dann bedeutete das eine Belastung der industriellen Kapitalisten, die durch keinen Vorteil für die Arbeiter aufgewogen würde. Steigen aber, wie das in der Regel der Fall sein wird, die Löhne gar nicht oder doch nicht in dem Maße, in dem die Lebensmittel durch den Zoll verteuert werden, so heißt das für die Arbeiter entweder vermehrte Arbeit, um dadurch das Defizit hereinzubringen, oder Verzicht auf die Mittel einer höheren Kultur, bei denen man am ersten spart, oft auch noch schlechtere Ernährung, in jeder Beziehung aber eine Verminderung ihrer Leistungsfähigkeit.

Nun erinnern wir uns des oben über die deutsche Arbeiterklasse Gesagten. Wenn die deutsche Industrie bei geringem Zollschutz in den 1860s und 1870s Jahren so rasch sich gegenüber der so mächtigen englischen zur Ebenbürtigkeit mit ihr entwickeln konnte, verdankte sie dies in erster Linie der überlegenen Bildung ihrer Arbeiter und der Billigkeit ihrer Lebensmittel.

Das agrarische Regime ist daran, die Wurzeln dieser Blüthe der deutschen Industrie verdorren zu lassen. Unser Volksschulwesen hat längst seine Überlegenheit eingebüßt, und wenn es nach den Agrariern ginge, würde es zurückgehen. Ist ihnen ja schon die heutige Schulpflicht zu lang und die heutige Bildung ihrer Arbeiter zu groß. Die größere Billigkeit der Lebensmittel Deutschlands ist aber auch schon längst verschwunden. Hatte es bis in die siebziger Jahre hinein billigere Lebensmittel als Frankreich und England, so sind heute im Südwesten Deutschlands die Lebensmittel schon teurer als nicht bloß in England, sondern zeitweise sogar teurer als in Frankreich, trotzdem sich dieses eines noch höheren Weizenzolls als Deutschland erfreut. Sie sind viel teurer als in Amerika, dass unser gefährlichster Konkurrent auf dem Weltmarkt ist.

Es betrug nach einem sachkundigen Mitarbeiter des Vorwärts der Preis pro 1.000 Kilogramm Weizen (bessere Qualität) in

 

1897
Mark

1898
Mark

1899
Mark

Mannheim

194,8

209,4

79,3

Frankfurt a. M.

177,5

200,0

162,9

München

187,3

210,5

178,8

Paris

205,4

206,2

162,2

London

145,5

165,5

125,5

New-York

135,1

142,0

117,6

Selbst die Bevorzugung des Roggens macht die Lebensmittel des deutschen Arbeiters nicht mehr billiger. Roggen kostete in Mannheim 1899 160,8 Mark, in Berlin 146 Mark; in London dagegen kostete Weizen damals, wie die obige Tabelle zeigt, 125,5 Mark. Und da sollen die Preise durch erhöhte Zölle noch höhergeschraubt werden!

Dasselbe agrarische Interesse aber, das in dieser Weise, ohne Nutzen für die Landwirtschaft, der Industrie die Rohstoffe verteuert und die menschliche Arbeitskraft entweder verteuert oder in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, dasselbe agrarische Interesse bedroht die Industrie auch noch mit Zollkriegen, die ihr die tiefsten Wunden schlagen müssen!

Von welchem Standpunkt man auch die Lebensmittelzölle betrachten mag, von dem der Konsumenten oder dem der Produzenten, dein der Entwickelung der Produktivkräfte oder der Entwicklung der Arbeiterklasse, sie erscheinen immer gleich unnütz, gleich schädlich.
 

f) Agrarzölle und Industriezölle

Die Lebensmittelzölle sind aber, wie schon bemerkt, der Angelpunkt des ganzen neueren Schutzsystems. Man kann in einem exportierenden Industriestaat, wie Deutschland, nicht die Lebensmittelzölle abschaffen und die Industriezölle, namentlich die Eisenzölle, beibehalten wollen. Das erlauben nicht nur nicht die bestehenden Machtverhältnisse zwischen den einzelnen Klassen, das wäre auch eine schwere Belastung der Landwirtschaft. Wenn man will, dass diese der freien Konkurrenz auf dem Weltmarkt gewachsen sei, dann muss man vor Allem jenem Leiden aufs kräftigste entgegenwirken, an dem sie am meisten krankt, ihren hohen Produktionskosten. Wollte man sie der freien Konkurrenz aussetzen und gleichzeitig ihre Produktionskosten künstlich erhöhen durch Verteuerung ihrer Werkzeuge und Maschinen, dann hatte sie allerdings volles Recht, über Unbill zu klagen, dann hieße das die Landwirtschaft des Auslandes auf Kosten der inländischen bevorzugen. Und das würde sich bald bitter rächen.

Wer ruft: Fort mit den Getreidezöllen, darf daher nicht zurückschrecken vor dem Ruf: Fort mit den Eisenzöllen. Jene können nicht fallen ohne diese.

Die Beschränkung des Kampfes gegen ein einzelnes Stück des Schutzsystems ist praktisch ebenso unzureichend, wie sie theoretisch ungerechtfertigt ist. Wer tiefer gräbt und sieht, wie die einzelnen Teile des ganzen modernen Schutzsystems notwendig mit einander Zusammenhängen, und wie das ganze System ebenso schädlich wirkt für die Arbeiterklasse wie für die Entfaltung der Produktivkräfte, der muss das ganze System bekämpfen.

Nächtes Kapitel  >>

*

Anmerkung

1. The Kilofunder was a unit of weight used in German-speaking countries during the transition to the metric system. One Kilofunder was equivalent to 500 grams (half a kilogram). The term was coined to standardise the traditional ‘pound’ (Pfund, whose weight varied greatly from region to region) to exactly 500 grams (the so-called ‘customs pound’ &ndash Zollpfund).


Zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 1923